TITEL kulturmagazin
Montag, 27. März 2017 | 14:31

 

Minilyrik bei TITEL

Michael Ebmeyer verfasste von 2010 bis 2012 exkklusiv für TITEL jede Woche ein Gedicht. Die gesammelten Verse sind hier nachzulesen.

TITEL bedankt sich ganz herzlich bei Michael Ebmeyer für zwei erquickliche Jahre Vierzeiler der Woche.

 

Danke Michael!

 

Zum Ausklang

Hier schließt sich der Kreis
genießt sich (wer weiß)
läuft jedenfalls heiß
sein Leben als Preis

 

Durchgestellt

Da ist Telefon für Sie
unentwegt am Apparat
Goldmarie und Pechmarie
mal geschäftlich, mal privat

 

Lockrufe

Die Brise so steif
der Himmel so leer
Komet ohne Schweif
bemüh dich mal her

 

Erntedank

 Nachts allein mit dem Kolbenfresser
kommen die restlichen Frühlingsgefühle
hochgekrochen aus Keller und Spüle
auf den Trichter und unters Messer

 

 

Wo auch immer

Sind wir schon gestrandet?
Gib den Kompass her
Du stehst so schwarz umrandet
Dein Blick so wüst und leer

 

Vor der Tür

Da steht es doch geschrieben
nun seid auch mal so gut
und zaubert all die lieben
Worte aus dem Hut

 

Resignierte Missionare (4)

Vom Glauben abgefallen
sind Hörner, Zähne, Krallen
Bleibt ihm nur sein Feuerschwert
mit dem er durchs Gemäuer fährt

 

Unterdessen

Familie und andere Katastrophen
machen sich fein und kriechen hervor
hinter dem Mond oder hinter dem Ofen
gehen nach vorne und machen ihr Tor

 

Wie es nicht weitergeht

Hier steht manches herum
doch nichts zur Debatte
Verpack alles in Watte
und bleibe schön stumm

 

Zenit

Sonne satt
mehr Schein als Sein mal wieder
der Ranzen unterm Mieder
lächelt matt

 

Die nächste Runde

Wer steht da im Regen neben dir
und klimpert auf dem Gefühlsklavier?
Dein hirnverbrannter Seelenverwandter
Und fragt noch laut: Was willst du hier?

 

Bei Licht besehen

Alle Räder stehen still
Alle Uhren gehen nach
Alle Glocken läuten schrill
Alles kichert; Vater sprach

 

Hörste, Hölderlin?

Mit gelben Birnen hänget
Beleuchtung überm Trog
und wer zum Grunde dränget
verliert sich leicht im Sog

 

Resignierte Missionare (3)

“Versetzung gefährdet”
sprach zum Berg der Prophet
Der Berg drauf: “Ihr werdet
alt, sprecht so verdreht.”

 

Form folgt Funktion

Das Runde muss ins Eckige
wir andern bleiben hier
liebkosen stumm das dreckige
halbtote Lieblingstier

 

Immer nach Hause

Folgen Sie dem kleinen Licht dort
in das Reich der Poesie
Das ist ein recht belebter Nicht-Ort
zwischen Yoga und Tai Chi

 

Wenn den Buchhalter nichts mehr hält

Ich gehe über Karteileichen
mit unbekanntem Ziel
Vielleicht seht ihr mich vorbeischleichen
nach dem Eröffnungsspiel

 

Vorschlag zur Güte

Reiß mir bitte reiß mir doch

in meinen Etat ein Loch

stopf zwei drei deiner Sorgen rein

und bald wird wieder Frühling sein

 

Und so weiter

Der Titan kämpft mit den Tränen

ein ungleicher Kampf

Das Schicksal unterdrückt ein Gähnen

immer unter Dampf

 

Prioritäten (2)

Mach es wie die Sonnenuhr

Schlaf dich aus und bleib dann liegen

Sieh, wie sich die Balken biegen

Lausche lang der Müllabfuhr

 

Schwundstufen

Es liegt nur einen Klick entfernt

und fährt ganz leicht aus seinem Schlummer

Alles, was du längst verlernt

Mathe, Ethik, Liebeskummer

 

Maulkörbchengröße

Ein harter Hund kennt seine Pflichten:

Bellen, Stellen und Vernichten

Doch worauf hat er wirklich Lust?

Das ist ihm leider nicht bewusst

 

Debattenlyrik

Hinter den Ohren steht es geschrieben

mit letzter Tinte, noch nicht ganz trocken

Ihr sollt eure alten Säcke lieben

Sie brauchen doch Publikum beim Verbocken

 

Stammkneipe

Im Gasthaus Zur freien Verfügung

all die vertändelte Zeit

all das »Bald ist es so weit«

und eigentlich längst aus der Übung

 

Antrittsbesuch

Guten Tag, ich bin der neue Schwiegersohn

und brenne drauf, Ihre Bekanntschaft zu machen

Wie meinen? Ihnen reicht der alte schon?

Ach was, ich bin mir selbst genug, Sie werden lachen

 

Resignierte Missionare (2)

Auf die lange Bank geschoben:

Himmelreich

Laut mit »Herr, ich danke« loben:

Wen doch gleich?

 

Prioritäten (1)

Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen

doch möchte er es auch?

Will lieber von der Welt was sehen

Popo, Beine, Bauch

 

Anleitung zum Wütendsein

Wenn sich Fäuste lustig ballen

sich Blicke dunkelrot umfloren

dann heißt es aus der Rolle fallen

ohne Angst vor Eigentoren

 

Bausatz Satzbau

Nun wirft das höchste Amt im Staat
und knödelt schmunzelnd »Sie gestatten«

auch auf die Puhdys und Karat
seinen spannenlangen Schatten

 

Resignierte Missionare (1)

In den Wind geschlagen

fünfundneunzig Thesen

nach Korinth getragen

Dort wird sie niemand lesen

 

Vor dem Katerfrühstück

Ein schlimmes Wort, ein Stinkefinger

und weiter geht der Ringelpiez

bis ich laut nach Hause schlinger

ins Katzenstreu zu meiner Miez

 

Lieblingstiere (3)

Es galoppiert mein hohes Ross

von Zauberschloss zu Zauberschloss

Bellevue, Neuschwanstein, Camelot

und heute hü und morgen hott

 

Nachbarplaneten

Aus der Welt sind Sie gefallen?

Los, aufrappeln und neue suchen!

Die hier, aus Pudding, Eis und Kuchen

zählt zu den besonders prallen

 

Der Adel ist wieder da (1)

Der Merowinger

dreht die dicksten Dinger

bohrt die dünnsten Bretter

und das bei jedem Wetter

 

Zu den Sternen

Nun starren sie vom Himmel wieder

auf das bunte Treiben nieder

auf all die Tölpel, Tulpen, Tierchen

bei uns, bei euch, in Dingenskirchen

 

Auf ein Neues

Hab den Weizen gepufft, den Oregano gerebelt

und ganz nebenbei eine Welt ausgehebelt

Da liegt sie nun neben mir, dreht sie nun hohl

und haucht immer wieder da capo, zum Wohl

 

Dichtung ohne den Wirt

Die heilige Johanna der Schlachtplatten

trägt schweigend das Vesperbrett auf

rund um die Uhr im Dauerlauf

Ihre Augen liegen im Nachtschatten

 

Wurzelbehandlung

Ich lasse mir ein Dorf installieren

aus Sehnsucht nach ein bisschen Natur

und um auch mal selbst am Stammtisch zu frieren

knapp hundert Schritte neben der Spur

 

Fürs Poesiealbum

Wo die Liebe hinfällt

wächst kein Gras mehr

gilt kein Maß mehr

weil sie stets aufs Kinn fällt

 

Flucht nach vorn

Drei Chinesen geben Kontra

der vierte ist ein scheues Reh

und springt doch in den Opel Manta

von Prinzessin Lillifee

 

Vertröstung

Behalten Sie doch bitte Platz

Ein Räuspern noch, ein Nebensatz

dann Gluckgluckglück und Schmackofatz

nebst Budenzauber und Rabatz

 

Nächster Versuch

Fahr zur Hölle, brülltest du

Ich tats und kam zurück

mit Glühwein und mit Grillragout

nach Haus in unser Glück

 

Geordnete Verhältnisse

Reinen Tisch mit dem Bedränger

schön nach Sorten aufgeräumt

ausgewrungen, ausgeträumt

Mahlzeit; Porto zahlt Empfänger

 

Hebelwirkung

Lass uns in der Kreide stehen

und auch manchmal davon naschen

So möchte ich uns beide sehen

voller Bauch und leere Taschen

 

Delete/Repeat

Haltet die Erinnerung wach

sie ist uns noch was schuldig

so prosten wir geduldig

und schunkeln mit und haken nach

 

Heimchen am Krisenherd

In den Himmel ragen

morsche Heldensagen

Auf die Erde nieder

bröckeln fromme Lieder

 

Liebes Tagebuch (2)

Über Joseph Haydn war

in der Zeitung was zu lesen

Und ich? Las »Joseph Handy«, klar

Sonst ist nicht viel gewesen

 

Das E und Ä

Ich wollte meinen Anwalt treffen
und habe ihn verfehlt
sodass der Drang, ihn nachzuäffen
mich nun weiter quält

 

Die besten Absichten

Wir wollen schlafende Riesen wecken
aber wissen wir auch, wo die Riesen schlafen?
Unterm Hollerbusch, im Nichtschwimmerbecken
oder zwischen den Paragraphen?

 

Workout - eine Lösung?

Warum nach den Sternen greifen

wenn das Gute liegt so fern

Beugefehler, Dehnungsstreifen

sieht man immer wieder gern

 

Schaunse einfach mal vorbei

Der grimmige Mäher

heut mal gefühlig

morgen schon zäher

und Mittwoch in Jülich

 

Vorletzte Fragen

Könnte man fliegen

würde man dann

Und woran mags liegen

dass man nicht kann

 

Wahlversprechen

Ich bin ein Netz in Nutzerhand

ich berste schier vor Sachverstand

sodass die Zielgruppe vielleicht

mit mir das Gruppenziel erreicht

 

 

Als nächstes

Das sind ungelegte Eier

und das sind zwei Paar Schuhe

Die springen jetzt synchron vom Dreier

Danach ist vielleicht Ruhe

 

Mal kurz

Was nervt Noah

auf der Arche

an der Boa?

Ihr Geschnarche

 

Der Letzte

Steht einer am Straßenrand

Ausgelaugt und hirnverbrannt

Schüttelt sich noch selbst die Hand

Schlenkert da ein Freundschaftsband

 

Lieblingstiere (2)

Lasst uns wie die Fische werden

wortkarg, rund und immer sauber

anmutig bei Drohgebärden

süß beschwipst beim Budenzauber

 

Konstanten (4)

Wohin verschlägts die Sprache

und wie hoch geht der Hut?

Erst Bresche und dann Brache,

erst Ebbe und dann Blut?

 

Zweite Lebenshälfte

Die Wahrheit untern Teppich trinken

der Außenwelt den Mund verbieten

die Innenwelt im Suff umnieten

und in Selbstmitleid versinken

 

Masterplan

Ich lass von mir hören

Ich mach von mir reden

Ich möchte nicht stören

Zumindest nicht jeden

 

Dear Popanz

Sack und Pack befragten Sack und Asche:

Was lügen wir uns heute in die Tasche?

Sack und Asche drauf zu Sack und Pack:

Heut lügen wir uns Löcher in den Frack

 

Diskretion Ehrensache

Unterm Strich zähl ich, aber was heißt das netto?

fragte die Amarena den Amaretto

Doch wo Mandeln verhandeln und Kirschen knirschen

da wollen wir uns von dannen pirschen

 

Konstanten (3)

Woher wohin woraus worüber

wie viel wie weit wie blöd wieso?

so fragt das Ich sein Gegenüber

im Sonderzug nach nirgendwo

 

Ein anderer Wind

Da wurde unser Blockwart

plötzlich zum Null-Bock-Wart

kannte keine Regeln mehr

und pfiff den Vögeln hinterher

 

Lieblingstiere (1)

Der Zeisig, der Zeisig

ist heute nicht ganz bei sich

Zur Hälfte hängt er fest

im Wolkenkuckucksnest

 

Mein schönstes Ferienerlebnis

Es nistet in mancher Gardine

ein fester Gestaltungswille

Da funkelt Asphalt oder Schiene

durch rosarote Brille

 

Auf Gegenseitigkeit

Reim dich oder ich fress dich

Vor diese Wahl stelltest du mich

Zum Nachtisch erkältest du dich

Heimlich, aber verlässlich

 

Stunden der Wahrheit (1)

Es kommt mir vor als sei

unsere Zeit vorbei

So sprach mit müdem Blick

der Schmied zu seinem Glück

 

Das Ende des Föderalismus

Ein erschöpftes Guthaben

schleppte sich mit letzter Kraft

durch sieben Jahre Sippenhaft

als Fischkopf unter Wutschwaben

 

Bewegungsabläufe

Der Tiger aus dem Tank

der reitet durch den grünen Wald

der rollt wohl heim auf Schienen bald

und auf die lange Bank

 

Geschlechtertrennung

Das Fräulein steht am Meere

das Männlein steht im Wald

da kommen in die Quere

die zwei sich nicht so bald

 

Strickmuster

Zwei links, zwei rechts, dann den Faden verlieren

Immerzu im Kreis marschieren

Plötzlich »Keinen Schritt weiter!« brüllen

und sich einen Kinderwunsch erfüllen

 

Von den Dächern (Folge 1000)

Was die Spatzen von den Dächern brüllen

ist ein alter Schlager von Bob Dylan

Wie oft auf uns noch mit Kanonenkugeln

Geht doch lieber heim, euch selber googeln

 

Liebes Tagebuch (1)

»Wir spalten Ihr Herz ofenfertig«

So war es: Herz las ich statt Holz

Da stand ich, müde, ein wenig bärtig

und auf den Verleser fast stolz

 

reaktionsmuster

immer schon gewusst?

weit weg und landtagswahlen?

nun schreibt sich alles klein

und reimt sich nicht einmal

 

Suchbild

Wer hat den Fuchs zur Strecke gebracht?

Wer hat den Jäger zur Schnecke gemacht?

Wer hat zu laut um die Ecke gedacht?

Über wen hat am Schluss nur die Zecke gelacht?

 

Konstanten (2)

Wenn die alte Leier tönt

mag die Standpauke nicht schweigen

So hängt der Himmer voller Geigen

ausgeschimpft und unversöhnt

 

This way up

Ich trage einen großen Namen

über Stock und über Steine

nehme mir auch beim Examen

nur die Freiheit, die ich meine

 

Hinterland der Ideen

Wo die Straßen noch Holzweg heißen

trinken die Wölfe hart mit den Geißen

legen sich Äpfel auf die Häupter

und sind nach dem Volltreffer kaum betäubter

 

Die neue Entspanntheit im Umgang

Das kleine Schwarze spricht zum weißen Riesen:

»Ich lasse mir mein Müffeln nicht vermiesen«

Der weiße Riese herzt das kleine Schwarze:

»Dann störts wohl auch nicht, wenn ich weiter quarze.«

 

Konstanten (1)

Wer dreht schon früh am Tage

die Dusche ganz weit auf?

Es ist die alte Klage

über den Weltenlauf

 

Schatten voraus

Auf den Atemwegen geh ich

In der Abendsonne steh ich

Kein Wässerchen zu trüben fähig

Krumme Dinger? Däumchen dreh ich

 

Zu den schönsten Hoffnungen

Irgendwo auf halbem Weg

zwischen Karies und Karriere

sprang eine fette Hypothek

dem Jüngling in die Quere

 

Systemvergleich

Das Schnabeltier sagte zum Fabeltier:

Wir essen mit Messer und Gabel hier

Das Fabeltier sagte: Bei uns da drüben

tun wir dies nur zwischen Fieberschüben

 

Zu neuen Ufern

Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt

war bei der Taufe eingepennt

Flaschenklirren, Schaumweinschäumen

durfte es im Traum versäumen

 

Torschluss

Das Jahr schlingert seinem Ende entgegen

Das Ende schwitzt peinlich berührt

Ihm kommt die Begegnung ganz ungelegen

Und wer weiß, wohin das führt

 

Einmal Hollywood und zurück

Ich fand den Senkel vom Donnerstag

in der Schreibtischschublade wieder

wo er neben Sarah Connor lag

und krähte: »Herr Wirt! Zwei Batida!«

 

Wann, wenn nicht heute?

Durch die Servicewüste schleicht

ein einzelner Fuchs

Hat sein Tagesziel erreicht

kaut Electronic Books

 

Metamorphose

Die Frösche scharten sich um den Teich

Der Teich fragte zögernd: Wer wart ihr doch gleich?

Da ergrünten die Frösche in kalter Wut

und zischten: Wir waren der Eisbär Knut

 

Nach oben offen

Den Dresscode geknackt
in bessere Kreise vorgedrungen
„Einer geht noch rein“ gesungen
splitterfasernackt

Gerd Sonntag und ein Hühnerglucksen zum Abschluss

Giovanni Santi malt eine Fliege – Lyrik von Ger Sonntag.

Von STEFAN HEUER

Die Geschichte geht weiter

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