TITEL kulturmagazin
Donnerstag, 23. März 2017 | 21:17

 

Verteidigung des Schlagers

Klar, man kann sagen: der Schlager geht musikalisch über das kleine Einmaleins der Harmonielehre nicht hinaus, seine Texte haben mit der Wirklichkeit nichts zu tun, er ist ein konservatives Genre, das ablenkt von den politischen Notwendigkeiten. Und das stimmt sogar. Aber man kann im Schlager auch eine moderne Form der urbanen Folklore sehen, eine reduzierte Kunstform, in der sich jene Schichten wieder finden, denen die Segnungen einer kulturellen Bildung weitgehend vorenthalten wurden. Etwas muss schon dran sein, wenn im ausverkauften Arriaga-Theater von Bilbao drei Generationen mehr als zwei einhalb Stunden ohne Pause dem Sänger Raphael zujubeln. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

700 Seiten Buch. 3 Stunden Film. 90 Minuten Musik. Ein Abend.

Kristjan Järvi zappelte. Ruderte. Seine Arme schrien: »Los! Gib alles du Knecht!«. Die Gesichtsmuskeln vollzogen einen Marathon. Verlor er die Kontrolle über seine turbulente Mimik? Gewissermaßen. Aber Egal! Als Dirigent einer Uraufführung gibt man alles. Besonders wenn es sich dabei um einen Soundtrack für den Film Cloud Atlas handelt. Von VICTOR RUCHOTZKI

 

Scharfe Lichter auf Novemberliches

Neuinszenierungen des Meisterwerks »Pelléas et Melisande« waren  in Claude Debussys Jubiläumsjahr (man feiert 2012 seinen 150. Geburtstag) zwar nicht selten, aber die novemberliche in Frankfurt am Main dürfte zu den spannendsten gehören. Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH

 

Wo Sir Simon Rattle seinen Abend verbringt

Dass sich Künstler für die Arbeit ihrer Kollegen interessieren, ist eher die Ausnahme als die Regel. Wenn also der Chef der Berliner Philharmoniker Sir Simon Rattle mit großer Aufmerksamkeit beobachtet, wie Mariss Jansons die vierte Symphonie von Brahms dirigiert, ein Werk, das ja auch Rattle nicht ganz unbekannt sein dürfte, dann darf man das als Ausdruck der Wertschätzung deuten.

Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Menschen im Käfig

Das Schlussbild ist grauenerregend: Die acht Tänzerinnen und sieben Tänzer sind in eine enge Zelle gesperrt. Einem nach dem anderen gelingt es, durch das Netz der Wände zu entfliehen. Der Letzte aber bleibt stecken. Blackout. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Von der Ernsthaftigkeit des Jazz

Ein Gigant des modernen Jazz war hier: nicht in einem großstädtischen Konzertsaal, nicht in einem der verbliebenen Jazzkeller, die tapfer gegen die Aushungerung durch die keineswegs generöse öffentliche Hand ankämpfen, auch nicht bei einem Festival unter freiem Himmel, sondern im entlegenen Neckarsulm, in einer jener architektonisch auffälligen Mehrzweckhallen, mit denen sich die Nobelmarken der Autoindustrie neuerdings ihr Denkmal setzen. So findet zusammen, was nicht zusammengehört: die Musik, die aus den Slums kam, und das gepflegt nüchterne Ambiente einer Einrichtung, die Kultur zur Imagepflege fördert und Luxuskarossen zur Kassenpflege verkauft, und mit der der verdienstvolle Jazzclub Cave 61 aus Heilbronn kooperiert. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Alte, neue und blasse Mozartbilder des diesjährigen Festivals Aix-en-Provence

 

Die große alte Mozarttradition von Aix-en-Provence, ich erlebte sie noch als junger Kritiker 1968 mit einem Figaro, ähnlich den sagenhaften Glyndebourne-Vorkriegstaten von Fritz Busch. Dirigent des Südwestfunk-Sinfonieorchesters war zwar nicht mehr Hans Rosbaud, aber der vergleichbar luzide Ernest Bour, und als Nonplusultra-Gräfin sang Teresa Stich-Randall in den Abendhimmel, ein in glühender Sanftheit insistierender Stern. Schauplatz war eben der Innenhof des Bischofspalastes (Theatre de l’Archeveche), der nach wie vor zu den auratischen Spielstätten der südfranzösischen Barock- und Festspielstadt gehört. Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH

Jodeln ohne Lederhose

Mit dem Jodeln verhält es sich wie mit Ziehharmonika- und Mandolinenorchestern oder mit der Blasmusik. Wer in der Nachkriegszeit in Bayern, Österreich oder der Schweiz aufgewachsen ist, ist geschädigt. Diese Musizierformen sind für ihn eng verknüpft mit einer konservativen Weltsicht, mit provinzieller Spießigkeit, mit Lederhosen, Dirndln und einem Heimat-Mief, der sich im Dreiklang erschöpfte. Dass man beim Akkordeon auch an die Valse Musette oder an das verwandte Bandoneon und den Tango, bei der Mandoline an Vivaldi, bei Blechbläsern an den Jazz und beim Jodler an amerikanische Western Music denken kann, bedurfte einer länger andauernden Überwindung der Prägungen durch die musikalische Sozialisation. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Aus Handkes Heimat

Wolfgang Puschnig ist einer der bemerkenswertesten Jazzsaxophonisten nicht nur Europas, sondern längst auch im internationalen Maßstab. Was den mittlerweile 56-Jährigen auszeichnet, ist seine unerschöpfliche Neugier. Seit er als Mitbegründer und zentrale Figur des Vienna Art Orchestra auffiel, hat er an zahllosen höchst unterschiedlichen Projekten, unter anderem mit der geistesverwandten Carla Bley, teilgenommen oder sie selbst initiiert. Und immer wieder fasziniert der gebürtige Kärntner durch seinen Witz und seine Spielfreude. Was er auch unternimmt: es wird stets hervorragende Musik daraus. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Pina Bausch, Luis Buñuel und Alain Platel

Der Titel ist ein Kalauer. C(H)OEURS unterscheidet »Chöre« und »Herzen« im Französischen nur durch die Schreibweise, durch das H. Ausgesprochen werden beide Wörter gleich. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Grubinger mischt auf

Ein All American Concert: so ein Programm wird einem in der Regel nur angeboten, wenn ein Orchester aus den USA oder wenigstens ein amerikanischer Dirigent gastiert. Aber hier, in der Stuttgarter Liederhalle, machte die Camerata Salzburg unter der Leitung des israelischen Dirigenten Ariel Zuckermann auf ihrer Europatournee Halt. Die Camerata zählt längst zu den angesehenen und von prominenten Dirigenten gerne besuchten Kammerorchestern. Wie das Mozarteumorchester, hat sich die Camerata, die in den frühen fünfziger Jahren aus Schülern und Lehrern des Mozarteums gebildet wurde, längst vom Image der bloßen Pflege des in der Stadt allgegenwärtigen Wunderkinds entfernt. So muss es zunächst nicht verwundern, dass sie ein Programm mit Werken anbietet, die allesamt nach 1900 entstanden sind. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Kunst statt Militär

Es gibt Konstellationen, die ohne Absicht symbolträchtig werden. Ludwigsburg war eine Garnisonstadt. Neben dem barocken Schloss prägen die zahlreichen Kasernen ihr architektonisches Bild. Die massiven Ziegelbauten haben ihren Zweck verloren. Hier wohnen keine Soldaten mehr. Sie wurden nach und nach neuen Bestimmungen überführt, nicht zuletzt kulturellen Zielen. Von THOMAS ROTHSCHILD

Die Aktualität der Melancholie

Lautenisten haben es nicht leicht. Es mangelt an Literatur. Das Repertoire für diesen reizvollen Vorläufer der Gitarre, der seine große Zeit in der Epoche der Renaissance hatte, ist überschaubar, und so begegnet man in Konzerten und auf Schallplattenaufnahmen der Virtuosen dieses Instruments immer wieder den gleichen Werken. Dazu gehören die Instrumentalstücke und Lieder von John Dowland. Von THOMAS ROTHSCHILD

Feier der Tonalität

Bei den großen Musikfestivals, in Salzburg, Luzern oder Verbier, kommt Jazz, wenn überhaupt, allenfalls als Kuriosität am Rande vor, am ehesten noch in der Gestalt des »Third Stream«, der hybriden Mischung von »Klassik« und Jazz. Der Jazz in seiner reinen Form findet anderswo statt: in Saalfelden und Willisau, in Moers und Berlin, in Wien und Montreux, wo man sich wiederum eher zur Popmusik hin öffnet als zur zeitgenössischen Musik aus jenem Bereich, den man irreführend »Klassik« nennt. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Er lebt, und er weiß es

Es muss einfach einmal gesagt werden: Er ist einer der Größten. Nächstes Jahr wird Randy Newman siebzig, und seine Zuhörer sind mit ihm alt geworden. Aber es sind genug, um den Stuttgarter Hegel-Saal zu füllen, einen Konzert- und Kongress-Saal von imponierendem Fassungsvermögen. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Ein Kriegsheld, ein Außenseiter

Interessant und ein Stimmfest. Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH

 

Kein bisschen Staub angesetzt

Für ihr kleines Puccini-Festival hat sich die Lyoner Oper etwas Schönes einfallen lassen. An drei Abenden kombiniert sie jeweils einen der Opern-Einakter, die der Komponist 1918 unter dem Titel Das Triptychon zu einem Abend für die Metropolitan Opera zusammengefasst hat, mit einem Einakter eines anderen Komponisten. Das Unternehmen ist deshalb so reizvoll und erhellend, weil die drei Ergänzungen ungefähr zur gleichen Zeit entstanden wie Puccinis Kurzopern. Sie machen mit ihrer Modernität den Anachronismus von Puccinis Musik deutlich. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Pomp und Knall und Tätärätä

Das Silvesterkonzert der Münchner Philharmoniker und des Philharmonischen Chors Münchens unter der Leitung von Andrew Manze. Gesehen von BJÖRN VEDDER

 

Vier Stimmen und ein Saxophon

Kaum eine andere Schallplattenaufnahme jenseits der Popmusik hat sich so sehr in das Gedächtnis einer ganzen Generation eingegraben wie das Köln Concert von Keith Jarrett. Achtzehn Jahre danach, 1993 hat ECM eine Aufnahme veröffentlicht, die ähnlich sensationell wirkte wie Jarretts Improvisation am Klavier. Der norwegische Saxophonist Jan Garbarek, der damals schon eine beträchtliche Fangemeinde hatte und übrigens am Anfang seiner internationalen Karriere sicher von der Nähe zu Keith Jarrett profitiert hat, spielte mit einem Vokalensemble, das vom Jazz meilenweit entfernt ist, vor allem aber mit alter Musik zu den Spitzengruppierungen zählte und zählt. Die Rede ist vom englischen Hilliard Ensemble. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Ein Gefühl reinen Glücks

Noel Gallagher hat sich nach dem Ende von Oasis nicht nur musikalisch weiter entwickelt, sondern auch auf der Bühne. So hat man Noel noch nicht gesehen! Eine musikalische Nachlese aus New York von MARTIN SPIESS.

 

»Das Lied von der Erde« und der Klang des Körpers

München ist eine, vielleicht sogar DIE Mahler-Stadt. Die Philharmoniker jedenfalls lieben ihren Gustav Mahler, der hier 1897 zum ersten Mal dirigierte und dessen 4. Symphonie und Lied von der Erde hier uraufgeführt worden sind. Letzteres geschah vor ziemlich genau 100 Jahren, am 20. November 1911, weshalb die Philharmoniker dieses Jubiläum nun mit einer Wiederaufführung des Stückes am 17., 18., 20. und 21. November feiern. Dafür haben sie sich einen anderen Liebling des Orchesters eingeladen, Zubin Mehta, den das Orchester 2004 zum Ehrendirigenten ernannte. Von BJÖRN VEDDER

 

Forever young

Kaum zu glauben: dieser Mann ist 70 Jahre alt. Bob Dylan altert nicht. Er steht rechts auf der Bühne an einer Keyboards-Miniaturausgabe, schaut nicht ins Publikum, sondern zu seiner Band, und singt ins Mikrophon. Hier bleibt er den größten Teil der gut 80 Minuten, die er den Zuhörern gönnt, ohne sich zu zieren, ohne launische Eskapaden, die man von ihm stets erwartet. Nur ab und zu greift er zur Gitarre und kommt in die Mitte der Bühne, nach vorne, an die Rampe. Nein, das ist keine Show. Das ist ein Konzert. Zu sehen gibt es schon deshalb wenig, weil Halbdunkel herrscht. Den Rest erledigt der breitkrempige Hut, eine Art weißer Filzsombrero, den Dylan zu einem schwarzen, hochgeschlossenen Anzug mit roten Streifen trägt, die Karikatur eines mexikanischen Bahnhofsvorstehers. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Die Weltenentdeckerin

Susan Weinert. Eine Frau, die weiß, was sie will und konsequent ihren Weg geht. «Ich bin ein Mensch mit einem eigenen Kopf. Und ich lasse mir ungern in meine Musik reinreden.» Das ist Susan Weinert. Eine Frau, die an sich die höchsten Ansprüche stellt und die damit Erfolg hat. Seit über 20 Jahren ist die Saarländerin in der Jazz-Szene mit ihrer Gitarre und ihrem Mann Martin (Bass) unterwegs - und sie hat sich einen sehr guten Namen gemacht. Mit Musik vom Feinsten, wie sie derzeit wieder bei ihren Auftritten in ganz Deutschland unter Beweis stellt. So auch jüngst im Jazzkeller von Burghausen. Von JÖRG ESCHENFELDER

 

Same Gear, No Speeding

Es mag eine unprofessionelle Argumentation sein, aber Liam ohne Noel ist wie Fußball, ohne dass Tore fallen. Auf Platte ganz okay, aber live ziemlich unspannend. Findet MARTIN SPIESS.

 

Keep the love in your tanzendes, hüpfendes heart

Am 26. August 2011 veröffentlichten die Red Hot Chili Peppers mit I’m With You ihr zehntes Studioalbum. The Adventures Of Rain Dance Maggie, die erste Single-Auskopplung, lief sofort überall rauf und runter und verpasste der Hörerschaft einen ersten Eindruck. Das neue Album ist ein für die Alben nach der Jahrtausendwende typisches geworden; einigen schon wieder zu typisch, und es stimmt, die Mannen um Sänger Anthony Kiedis liefern, was man von ihnen erwartet, aber mein Gott: Wer verschwitzte Männerleiber mit runtergerutschten Stutzen sehen möchte, der geht halt nicht ins Ballett. Von STEFAN HEUER

 

Konzert als Privatparty

Von Jingo de Lunch hat man gehört oder nicht. Wenn, dann kennt man sie als Urgesteine, als Pioniere des Crossover-Sounds Ende der 80er aus dem isolierten Westberlin. Wenn nicht, dann dürfte das alles ziemlich angestaubt klingen. Aber, um fair zu bleiben: Selbst wenn das Konzert-Album Live in Kreuzberg vielleicht wenig neue Fans gewinnen dürfte, KRISTOFFER CORNILS würde trotzdem gern ein Bier mit den Vieren trinken.

 

Der heitere Jazzer

Die »Festwochen Gmunden«, die sich inzwischen »Salzkammergut Festwochen« nennen und eben im oberösterreichischen Teil des Salzkammerguts, in der schmucken Kleinstadt am Traunsee beheimatet sind, gehören schon seit Jahren zu den bedeutenderen kulturellen Angeboten, mit denen die Region im Sommer lockt. Just am Kaisergeburtstag begab sich das Festival ins nahe Bad Ischl, wo Franz Joseph die Sommerfrische zu verbringen pflegte und sich die Herrschaften mit der vorstehenden Unterlippe alljährlich treffen, um ihren toten Ahnherren mit einem Gottesdienst und einem weltlichen Empfang in der Kaiservilla zu feiern. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Zum Dahinschmelzen

Die Qual der Wahl. TOM ASAM war fast etwas überfordert von einem Line-Up zum Dahinschmelzen.

 

Brandrodung

Begeistert vom neuen Album Tunnel Blanket war KRISTOFFER CORNILS eigentlich nicht gerade. Allerdings klaffen ja meistens einige Differenzen zwischen Platte und Live-Performance auf und deswegen schaute er sich This Will Destroy You auf ihrem Tourhalt im Berliner Lido zusammen mit Tides From Nebula an. Gut drei Stunden lang bekam er zu sehen und hören, was er erwartet hatte – und ging sehr zufrieden nach Hause.

Trara, das tönt wie Jagdgesang

Bei dem Stichwort »Blechbläser« denkt man gemeinhin an Blasmusikkapellen bei der Kirchweih, an Militärmärsche und dergleichen. Spätestens seit der Botschaft von New Orleans an die Welt konnte man wissen, dass es Musik, nämlich den frühen Jazz gibt, die Blechblasinstrumente liebt und, wiewohl bei Begräbnissen für Trauermärsche eingesetzt, dennoch anders klingt als eine Blaskapelle österreichisch-bayrisch-preußischer Provenienz oder als eine böhmische Dorfmusik. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Oper mit echten Pferden

Es gehört in gehobenen Kreisen zum guten Ton, über die plebejischen Besuchermassen, die in die Arena von Verona strömen, um dort eine Oper zu genießen, zu spötteln. Das sind anders riechende Tiere. Denen steht nicht zu, was die Bourgeoisie als ihr kulturelles Eigentum betrachtet.

Von THOMAS ROTHSCHILD

Ariost und Tasso in Kleinformat

Eigentlich sollten Oper und Puppenspiel eine natürliche Ehe eingehen. Beide Kunstformen setzen auf Artifizialität, leisten Widerstand gegen eine Ästhetik der bloßen Wirklichkeitsverdoppelung, gegen das aktuelle Misstrauen gegenüber dem Artefakt. Sie sind dem Theater in seinem ursprünglichen Verständnis näher als vielerorts das Sprechtheater, wie es, in Zeiten, da der dogmatische Sozialistische Realismus die aufregenden Experimente der frühen Jahre der Sowjetunion von den Bühnen verbannt hatte, das Puppentheater von Sergej Obraszow war. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Hi-De-Ho und Puccini unter dem Schirm der Bank

Über dem Wort »Jazz« steht der Name einer Bank. Es war in früheren Jahren schon einmal ein anderer Name. Auch von einer Bank. Wer sich im Internet durch die »kontinuierliche Förderung von Jazz, Rock und Pop« der Landeshauptstadt Stuttgart klickt, stößt noch auf einen Link, der diese Bank in der Adresse trägt. Wenn er diese freilich aufruft, ist die Website »vorübergehend nicht erreichbar«. Die Bank ist offenbar gerade damit beschäftigt, anderswo zu »fördern«. So ist das halt, wenn man – also die Politik und der Veranstalter selbst – die Kultur von Sponsoren abhängig macht. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Fast komplett

Es waren die Jahre, als der Rock noch erfinderisch war, als er noch nicht mit Schablonen gestanzt und für den schnellen Massenabsatz gefertigt wurde. Da kamen aus England ein paar junge Musiker und nannten sich Colosseum. Was sie machten, klang aufregend neu und knüpfte doch an Vorhandenem an. Damals wusste man nicht so recht, wie man das nennen sollte. Rockjazz? Jazzrock? Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Euphorischer Wahnsinn

Kurz nach Mitternacht, bei einer Selbstgedrehten danach: »Also, jetzt ernsthaft: So sieht die Zukunft von Musik aus.« Ich unterlasse es, meinen Kumpel zu korrigieren und denke mir nur, dass es auf jeden Fall eine Möglichkeit ist. Aber stillschweigend dürften wir in jedenfalls einem Punkt absolut übereinkommen: Wenn die Zukunft der Musik so aussieht wie die Live-Shows von Amon Tobin, dann sind es rosige Aussichten. Von KRISTOFFER CORNILS.

Paolo Contes leiser Bruder

Heiserkeit ist im klassischen Gesang ein Makel. In der Oper oder beim Schubert-Liederabend muss die Stimme strahlen. Schon beim Jazz und später beim Rock war das anders. Louis Armstrong hat die Vorstellungen von einer »schönen Stimme« gründlich verändert. Auch Liedermacher dürfen eine raue Stimme haben. Wolf Biermann, Georges Brassens, Andonis Kalojannis, Atahualpa Yupanqui, Wladimir Wyssozki – sie alle legten mehr Wert auf Ausdruck, mal intim, mal extravertiert, als auf den Schönklang im Verständnis des klassischen Gesangs. 

AB, AC und BC und die Toilettenfrage

Es gibt gewiss Argumente nicht nur für, sondern auch gegen Thomas Wördehoffs Konzeption und Programm. Wenn aber ausgerechnet ein Stadtrat von den Grünen im vergangenen Jahr seine Kritik an den Ludwigsburger Schlossfestspielen daran festmachte, dass »ein Publikum, das zu diesen Schlossfestspielen gehört, … zum großen Teil weggeblieben« sei, und dem Oberbürgermeister vorwirft, »dass er seinem neuen Intendanten nicht in den Vertrag geschrieben hat, dass er die Säle zu füllen hat«, dann muss man nicht nur an der kulturellen Kompetenz, sondern auch am politischen Verstand einer Partei zweifeln, die offenkundig mit Bäumen mehr im Sinn hat als mit Menschen. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Warten auf Blofeld

Zum Schluss spielt Mnozil Brass Joe Zawinuls geniale Komposition Birdland – und hier passt das Attribut nun einmal genau, »echt«! Da zeigt sich, dass es doch die musikalische Qualität ist, was zählt. Ohne sie wären die Späßchen von Mnozil Brass bald lau, findet THOMAS ROTHSCHILD

 

Fremd vorm Paillettenvorhang

Das kleine NBI in der Berliner Kulturbrauerei liegt im Epizentrum des Prenzlauer Bergs und damit mitten im arrivierten Szenetum. Da passen kleine Indie-Bands kurz vor dem Aufstieg in die erste Liga gut ins Programm, und einige haben 50 Leute in den kleinen Club gezogen bevor sie im nächsten Jahr bereits vor 500 spielten. Ein Abend wie der heutige passt allerdings nicht unbedingt ins Raster, irgendwie stehen dann doch Fremdkörper vor dem Paillettenvorhang auf den höchstens acht Quadratmeter Bühne, die gerade mal kniehoch ist. Von KRISTOFFER CORNILS

Ohne Parfüm und Mechanik

Dass der nicht sonderlich große Ordenssaal im Residenzschloss nicht voll war, könnte man mit Gelassenheit hinnehmen, wenn die Medien nicht kurz zuvor so viel Aufhebens wegen der Lackaffen des Eurovision Song Contests gemacht hätten. Diese Unverhältnismäßigkeit zwischen Kunst und Schwachsinn, die beide unter der Kategorie »Musik« firmieren, kann einen schon an dem herrschenden Kulturbetrieb und seinen Multiplikatoren verzweifeln lassen. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Dem Risotto entstiegen

Applaus dient dem Ausdruck von Anerkennung, von Begeisterung gar, aber auch der psychologischen Entlastung nach zwanzig Minuten oder gar einer Stunde des erzwungenen Schweigens und der oktroyierten Bewegungslosigkeit, des Verzichts auf Selbstdarstellung zugunsten des respektvollen, mehr oder weniger konzentrierten, jedoch passiven Zuhörens. Von THOMAS ROTHSCHILD

Wo Barock auf Folklore stößt

Es war allen voran die Nuova Compagnia Di Canto Popolare (NCCP) aus Neapel, die uns vor vierzig Jahren bewusst machte, wie nah sich in früheren Jahrhunderten Volksmusik und die Musik der Höfe waren. Später kamen Cantautori wie etwa Angelo Branduardi hinzu, die ihre Inspirationen aus der Volksmusik der italienischen Regionen schöpften und zugleich einen Sound reproduzierten, der eher in den Archiven für »Alte Musik« schlummerte als in der Popszene. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Der Superstar des Schlagzeugs

Jubel am Schluss, wie er an diesem Ort nicht alle Tage zu hören ist. Martin Grubinger hat mit seinen Freunden auf seiner Welttournee, die ihn bis nach Kolumbien und Japan geführt hat, in Ludwigsburg Station gemacht. Auch Stuttgart, nur wenige Kilometer entfernt, steht auf dem Plan. Erst kürzlich hat er da eine eindrucksvolle Komposition seines österreichischen Landsmanns Friedrich Cerha präsentiert. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Zunehmend paralelluniversal

Glück hat man bereits dann, wenn man über zwei exzellente Alben stolpert, die einem von der ersten Sekunde das Gefühl bereiten, einen noch lange zu begleiten. Mehr Glück hat man, wenn man es schafft, beide Bands eben diese Alben live performen zu sehen. Am meisten Glück hatte allerdings KRISTOFFER CORNILS, denn er hat Lento und Terminal Sound System tatsächlich noch am selben Abend erleben dürfen.

 

Böhmen an der Donau

Dass die Wiener Philharmoniker große Anstrengungen unternähmen, ihrem Publikum die Moderne, gar die Musik lebender Komponisten zu vermitteln, lässt sich beim besten Willen nicht behaupten. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Gipfeltreffen

Die Metapher vom Gipfeltreffen drängt sich auf, wo die beiden von den Medien zurzeit am meisten gehätschelten Opernsängerinnen gemeinsam auf der Bühne agieren. Gaetano Donizettis Anna Bolena ist dafür das ideale Material. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Ein »E« für ein »U«

»Ernst« contra »Unterhaltung«: Vor allem hierzulande tobt einen Kampf um die Deutungshoheit des Anspruchs musikalischer Darbietungen. Andernorts geht man damit lockerer um. Eine kleine Entdeckungsreise von THOMAS ROTHSCHILD

 

In Union We Still Stand!

Am 15. April 1985 veröffentlichen Megaforce Records das Debütalbum einer jungen Band aus dem Großraum New York, welches die Herzen der jungen Thrashmetalgemeinde im Sturm eroberte. Die Mischung aus brettharten Metalriffs, der »Fuck You!«-Attitüde des Punks und melodischen Mitshoutrefains lässt Overkills Feel The Fire damals wie heute wie einen Monolithen aus der Flut unzähliger Veröffentlichungen herausragen. Zum Jubiläum ist es dann höchste Zeit, sich mal wieder gehörig die Lauscher durchpusten zu lassen. Auf zu Overkill, auf zur Killfest Tour 2011. Von DAVID EISERT 

 

Schönheit und Harmonie

Die französische Pianistin Hélène Grimaud ist ziemlich berühmt – auch dafür, sehr schön zu sein. Am 11.3. gastierte sie im Gasteig und spielte mit den Münchnern Philharmonikern unter der Leitung von Christian Thielemann Ludwig van Beethovens Klavierkonzert Nr. 5. Bereits im August 2007 hatte sie eine Aufnahme davon zusammen mit der Staatskapelle Dresden veröffentlicht. Von BJÖRN VEDDER

 

Kein Anlass zu europäischer Überheblichkeit

Gabriela Montero stammt aus Venezuela. Die große Martha Argerich sagte von ihr: »Ich bin selten so einem Talent wie Gabriela begegnet.« Da meldet sich nicht das feministische Netzwerk – wirkliche Talente benötigen das nicht –, sondern ehrliche Bewunderung. Gabriele Montero wird auch alljährlich von Argerich nach Lugano eingeladen. Und mit solch einem Zeugnis lässt sich schon leben. Darauf darf eine Pianistin stolz sein. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

»Von deutschen Dichtern lies am meisten, die, die soviel wie Mühsam leisten«

Schüttelreime, Kabarettistisches, Tagebücher, Briefe des anarchistischen Autors Erich Mühsam gelesen von Harry Rowohlt im Erlanger E-Werk. Besucht von HUBERT HOLZMANN

 

Das ist und bleibt stimmig

Die kanadischen Godspeed You! Black Emperor haben das, was wir heute unter Post-Rock verstehen, maßgeblich definiert. Nur, um im selben Zug sofort damit zu brechen. 2003 lösten sie sich für unbestimmte Zeit auf. Nach sieben Jahren gingen sie wieder auf Tour und trafen dabei auf ungeheure Erwartungshaltungen. KRISTOFFER CORNILS hat sie in Berlin gesehen und fand sie großartig (konnte sich aber den einen anderen missmutigen Gedanken nicht verkneifen).

 

Im Gasteig roch es nach Pferdehaar

Das sei nun mal so, wenn sich der bayerische Landadel die Ehre gibt? Aber der erfahrene Konzertbesucher ahnt natürlich, dass dies vom Rosshaar der Streicherbögen rührt, mit denen sich das Orchester warm gespielt hatte für die Aufführung von Mahlers letzter Symphonie, der Neunten. Von BJÖRN VEDDER

 

Cash im Gefängnis oder gar kein Cash

Er ist eine Legende der Country Musik und in seiner Heimat, den USA, wird er als einer der größten Amerikaner aller Zeiten gehandelt. Die Rede ist von Johnny Cash. Heute vor 43 Jahren spielte »The Man in Black« sein wohl berühmtestes Konzert. Er spielte im Folsom State Prison in Kalifornien. JULIAN SCHRAVEN erinnert daran.

 

Die Psyche ist ein Wurm

Die alten Griechen glaubten, die Seele sei ein Schmetterling, leicht wie der Atem. Psyche nannten sie sie deshalb. Claus Guth und Massimo Zanetti hingegen zeigen, dass die Psyche ein Wurm ist, schleimig und schmeichelnd, intrigant und selbstsüchtig – böse sogar. Von BJÖRN VEDDER

 

»Ihr stürzt nieder, Millionen?«

Es hat eine lange Tradition, Beethovens Neunte Symphonie an Sylvester zu spielen. Von dieser Tradition ist aber nur noch wenig übrig - und das hat verschiedene Gründe. Von BJÖRN VEDDER

Die Seele irrt wie eine Murmel im Trichter

Uraufführung von Simon Wills Symphoniekonzert Malebolge am Montag, den 13. Dezember durch die Münchener Philharmoniker. BJÖRN VEDDER saß im Premierenpublikum.

 

Wo die Altersmeise zwitschert

Jazz war stets eine Minderheitenkunst und ist es heute mehr denn je. Wer nach den Perlen sucht, wird kaum in den großen Konzertsälen oder gar in Kongresshallen fündig. Die Rundfunkanstalten haben sich längst, zusammen mit ihrem Kulturauftrag, auch der Pflege des Jazz entledigt und setzen sich dreist über die immer lauter werdende, immer mehr Einverständnis erzielende Klage wegen der Quotenidiotie hinweg, und die Konzertveranstalter interessiert sowieso nur, was möglichst viel Profit einbringt. Die aktuellen Stichwörter heißen „Sponsoren“ und „Idealismus“ - und beide sind eher rar. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Pils hat auf dem Biermarkt nichts zu suchen!

Guter Tipp vom kompetenten Barmann der Münchner Freiheizhalle, in der Lloyd Cole and the Small Ensemble an einem Dienstagabend gastiert. Ein Übertragungswagen des BR steht vor der Tür und die damit verbundene Garantie für guten Klang und geregelte Abläufe sorgen für eine Veranstaltung auf hohem Niveau. Von DAVID EISERT

 

Wenn Engel singen

Wir wissen nicht, wie Engel singen, aber das dürfte ziemlich nahe herankommen oder – wer weiß? – es gar übertreffen. Cecilia Bartoli ist ein Stimmwunder ganz eigener Art. Ihr zuzuhören ist jedes Mal aufs Neue ein Erlebnis, das kaum einen Vergleich zulässt. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Mildes Nordlicht

Der vielleicht letzte warme Sonnentag in diesem Jahr, ein sehr überschaubar besuchter Club, die Anwesenden drücken sich in die dunklen Ecken und Rauchverbot ist auch. Beste Voraussetzungen für einen Abend voller Schwermut und Traurigkeit oder für ein Schulterzucken und das Gegenteil. Von DAVID EISERT

 

Auf der Suche nach dem perfekten Musiksommer -Teil II

Trotz Startschwierigkeiten ausreichend Zeit, im Klang zu baden, blieb TOM ASAM in Scheer. Und – so viel sei schon hier verraten: Besser kommt´s nicht bei auf Suche nach dem perfekten Musiksommer!

 

Life is Live!

Auf der Suche nach dem perfekten Musiksommer

 

Hat man erst mal ein paar Jährchen Livemusik erlebt, wird es schwieriger, in Begeisterung auszubrechen, nur weil ein paar Rotzbengel die Bühne entern. Von TOM ASAM

 

Runde Geburtstage

Eben erst hat diese einmalige Einrichtung einer (mehr oder weniger) alternativen Kultur, Glückwünsche für sein Vierteljahrhundert Erfolgsgeschichte entgegengenommen, da ergötzt es mit den 24. Internationalen Theaterhaus Jazztagen. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Sinfonie, die rockt

Es war ein Abend, der Pink Floyd stolz machen würde – das Classic meets Rock Spektakel „The Fabulous Rock Philharmonic Orchestra plays Pink Floyd“ verknüpfte auf eindrucksvolle Weise sinfonische Orchesterklänge mit legendärer Rockmusik der britischen Kultband Pink Floyd. Am 24. Februar 2010 rockte die Düsseldorfer Tonhalle nach Philharmonietönen. Von CHRISTIANE MIETH

 

Inner- und außerhalb der Nische

Die Veranstalter von Jazzopen waren diesmal demonstrativ entschlossen, mit ein paar Großen des Jazz Flagge zu zeigen. Daneben setzt man in Stuttgart auf Bewährtes.
Von THOMAS ROTHSCHILD

Musik in Schwarz-Weiß

Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

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Dank eines Deals der Künstlerin mit Domino Records bekommen nun auch hiesige Fans die Möglichkeit, dieses im Frühjahr erschienene ...

Heiße Ausgrabungen

Lassen sie sich entführen in die Zeit des frivolen Chansons und des Schurken-Schlagers oder heben sie ab mit Space-Age-Psych-Beat. Mit Major TOM ASAM.

Kühle braune Zwerge und Würzpaste

Der Mann wird in wenigen Wochen 70, seine Arbeit entzieht sich immer mehr irgendwelchen Kategorien – und die Kritiker überschlagen sich. TOM ASAM über das ...

Glam, Mathe und Lethargie

Glam-Rock-Epigonen, verfrickelte Post-Punks und Im-Bett-Gebliebene: Hauptsache interessant! Findet KRISTOFFER CORNILS – und nimmt im vierten Teil seiner ...

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