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Dienstag, 28. März 2017 | 12:10

Jörg Fauser: O-Ton

18.07.2011

Wenige von der Sorte

Die Doppel-CD von Trikont gibt mit der Auswahl an Gedichten, Romanauszügen, Kurzgeschichten, Briefen und einem bilderreichen informativen Booklet einen guten Einblick – für Fauser-Neulinge und -Wiederentdecker. Von MIRJAM STUTZMANN

 

67 Jahre alt würde er in diesem Juli werden. Ein seltsam hohes Alter für jemanden, den man aus verschiedenen Gründen als ewig Junggebliebenen abgespeichert hat. Vielleicht deshalb, weil ein tragischer früher Tod beinah zwangsläufig zur Legendenbildung beiträgt.

 

Jörg Fauser wurde nur 43 Jahre alt und starb 1987 in der Nacht seines Geburtstages, als er zu Fuß eine Autobahn bei München überqueren wollte – besoffen. Ewig jung auch deshalb, weil er einer war, der seine Ideale nicht aufgeben hat, der sich ums Verrecken nicht anpassen wollte, aus Überzeugung und mit einer fast schon sturen jugendlichen Leidenschaft. Über die Motive kann man höchstens spekulieren – vielleicht konnte er einfach nicht anders und wollte keinen anderen Weg durchs Leben finden.

 

Jörg Fauser hielt es zeit seines Lebens für »sublime Erpressung«, wenn die Verhältnisse ihn »zwingen würden, den Nacken zu beugen« (aus dem Brief an seine Eltern, CD 2, Track 1) und sich mit Leuten gut zustellen, von deren Launen sein beruflicher Erfolg abhängig würde. »Ein paar Leute, auf deren Meinung ich mehr gebe als auf die irgendwelcher gemachter Literaten, erkennen in dem was ich schreibe, sich oder ihre Welt oder ihre Halbwelt oder was immer wieder, ermutigen mich, so weiterzumachen. Das genügt mir. Ich weiß, irgendwann werde ich gedruckt und gelesen«, so Fauser im selben Brief an seine Eltern.

 

Schon mit 15 Jahren schreibt er für die Frankfurter Neue Presse. Er hat früh das Talent zum Schreiben, nur verbiegen will er sich nicht lassen. Bis er mit solchen Texten gedruckt wird, die ihm am Herzen liegen, vergehen viele Jahre, in denen sich Fauser irgendwie über Wasser hält.

 

Legendär ist beispielsweise der Verriss von Marcel Reich-Ranicki im Jahr 1984 beim Lese-Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis (siehe rechts). Die »hohe« Literatur, für die ein Reich-Ranicki steht, und der Schreiber, der nüchtern und in Gossensprache über den Rand der Gesellschaft schreibt, bilden die größtmöglichen Gegenpole und nur der Verriss kann beide in ihren Positionen legitimieren. Ein Lob des »Kritikerpapstes« wäre für Fauser gegebenenfalls ein Grund gewesen, mit dem Schreiben aufzuhören, aber das ist reine Mutmaßung.

 

Dank des zweiten Release von Trikont wird Fauser auch wieder gehört. Ganz ohne den Anlass irgendeines Todestages, Geburtstages oder anderer Jubiläen wurde die bereits 1997 erschienene und von Christian Lyra zusammengestellte Doppel-CD nochmals herausgebracht. Einfach nur, weil es wieder an der Zeit ist, Fauser zu lesen und zu hören.

 

In O-Tönen mit leicht hessischem Singsang, der sich genauso gleichbleibend und apathisch anhört, wie er auch schreibt. Die hessische Monotonie eines Milieustudierenden, der fast emotionslos von der Halbwelt berichtet, deren Teil er selbst ist und auch bleiben will: Von Stehausschänken, Prostituierten, Drogenräuschen oder dem nächtlichen Zeittotschlagen in irgendwelchen Kaschemmen der Welt, in denen man entweder auf das nächste Bier wartet, auf die Frau fürs Leben oder am besten auf beides zusammen. Die trostlose Romantik der Großstadt-Cowboys, wie es sie immer gab und immer geben wird. Als Fan von Bukowski (ein kurzes unspektakuläres Aufeinandertreffen mit ihm schildert Fauser auf der CD), der Beat-Generation und den Großen der amerikanischen Kriminalliteratur wie Hammett und Chandler ist seine Schreibe wie gemacht für Kriminalgeschichten und Schilderungen aus der halbseidenen Unterschicht. Als teilnehmender Beobachter beschreibt er unaufgeregt und selbstverständlich, dass es manchmal schon arrogant klingt. Dann wieder verzweifelt – ohne emotional zu werden.

 

Wie eine unnachgiebige Kamera hält er den Blick drauf, auch wenn es irgendwie peinlich, unappetitlich oder einfach nur langweilig wird. Nicht sensationsheischend, sondern ganz selbstverständlich und damit verliert sich jede Romantisierung. Dass Fauser altersmäßig schon Elterngeneration ist, wirkt befremdlich. Wohl auch deshalb weil von man von den eigenen Eltern solche Geschichten weniger gewohnt sein dürfte. Heute wäre Jörg Fauser sicher einer von vielen Popliteraten dieser Republik, aber damals in den spießbürgerlichen bundesdeutschen 70er und 80er Jahren gab es von dieser Sorte noch wenig.

 

Vom Aussehen her war Fauser auch eher der Typ Staubsaugervertreter und vielleicht ist genau das der Grund, warum er so authentisch wirkt. Irgendwie passen sein Trenchcoat und seine blau getönte 80er-Jahre Brille nicht so recht zum ehemaligen Frankfurter Hausbesetzer, zum monatelangen Bewohner von Topane, dem als Drogenviertel bekannt gewordenen Stadtteil Istanbuls, wo Fauser, nachdem er schon in Deutschland zum Morphinisten wurde, in Opiumhöhlen dahindämmerte.

 

Diese Widersprüche, die er in seiner Person vereinte, zusammen mit seiner Überzeugung, sich nicht für eine erfolgreichere Literatur verbiegen zu wollen, machen ihn zu einem zu Unrecht wenig bekannten, aber doch einen der schillernsten Literaten, die Deutschland damals hatte.


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