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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 10:55

    David Foster Wallace: Kurze Interviews mit fiesen Männern

    12.12.2010

    Das ist recht mutig

    Männer sind eine eigene Spezies. David Foster Wallace hat in seinem Buch Kurze Interviews mit fiesen Männern diverse Geheimnisse der männlichen Psyche gepetzt. Die Hörbuchfassung vom Hörverlag gibt den fiesen Männern Stimmen und setzt akustische Akzente, die den Rezensenten DR. RANDY WEINHEIMER kurzzeitig an der Funktionstüchtigkeit seines CD Players zweifeln lassen.

     

    Männer sind unsensible, haarige Biester, die von einer Frau nur das Eine wollen. Frauen wollen von Männern eigentlich das Andere, wobei sie dann letztlich das Eine tun, um das Andere dafür zu kriegen. So suggeriert es das geschlossene Machoweltbild. Machos und Scheißkerle der alten Schule sind auch die Protagonisten der erfundenen Interviews, Telefonmitschnitte und Männergespräche, respektive Selbstgespräche.

     

    Da gibt es den flüsternden Schmeichler, dem kaum eine Lüge zu schäbig ist, um dem Objekt seiner Begierde das Höschen vom Hintern zu quatschen: »Ich schätze mal, es ist am meisten Deine Intelligenz, die mich so anzieht. Mehr als alles andere jedenfalls ... und jetzt komm her, zier Dich nicht so.« Ein anderer gesteht freimütig die Beliebigkeit der Triebabfuhr: »Ich will´s nur mit einem Mädchen treiben. Mehr nicht. Mit wem genau, ist mir letztlich egal.« Wenn er da nur nicht ein Problem mit seiner Koprolalie hätte, einer Art sexuellem Tourette-Syndrom, das ihn ausgerechnet beim »Abspritzen« ereilt. Dann kann er sich nicht mehr halten und schreit: »Sieg den Kräften der demokratischen Freiheit!«, was den romantischen Rahmen des Körpersäfteaustauschs stark strapaziert: »Ich meine, was sagt man, wenn gerade eben noch losgebrüllt hat: Sieg den Kräften der demokratischen Freiheit! - mitten im schönsten Orgasmus?«

     

    Da blitzen Verbindungen zwischen Sexualität und männlicher Begeisterung für Macht auf. Ein weiteres Testosteronmonster beendet seine  Beziehung, und dreht der Verlassenen dabei immer wieder geschickt das Wort im Munde herum: »Deine ewige Panik ... das hält doch kein Mensch aus.« Bis sie glauben muss, sie sei selbst schuld. All diese unterschiedlichen Kerle sind sich in gewisser Weise ähnlich, ein männliches Muster zeichnet sich ab, irgendwo zwischen Ignoranz gegenüber weiblichen Bedürfnissen und ihrer mehr oder weniger bewussten Nichtachtung pendelnd. Sehr aufschlussreich ist auch die Unterhaltung zweier Freunde, bei der einer mit einem sexuellen Abenteuer prahlt. Er hat sich die emotionale Notlage einer potentiellen Bettkandidatin zunutze gemacht. Lachend lässt sich der Scheißkerl feiern - sein Kumpel spendet Anerkennung für so viel Chuzpe.

     

    Hörprobe Kurze Interviews mit fiesen Männern

    Manchmal übers Ziel hinaus

    Unterschnitten sind diese fiesen Männer mit den Gedanken eines pubertierenden Jungen, der im Bad den Sprung vom Turm wagen will. Die körperliche Reifung hat er hinter sich gebracht, »Dein Sack ist jetzt voll und verletzlich« - jetzt muss er nur noch springen und möglichst cool dabei aussehen. Fast wirkt dieser, in allen Einzelheiten beschriebene, letztlich doch zögerliche Sprung wie eine Art symbolischer Initiationsritus der Männlichkeit an sich.

     

    Die Hörfassung kann in Anbetracht der Spieldauer von etwa einer Stunde natürlich nicht alle Texte des Buches wiedergeben. Geschadet hat das nicht. Während der Rezensent der Frankfurter Rundschau, Martin Lüdke, dem sonst einhellig gelobten Werk einen etwas ermüdenden Charakter attestierte - das Hörbuch ist knapper geraten und durchweg unterhaltsam. Müdigkeit kommt da nicht auf. Das mag zum Teil auch an der durchaus gewagten akustischen Umsetzung liegen. Bearbeiterin, Regisseurin und Klangkomponistin Antje Vowinckel hat zahlreiche, teils etwas gewöhnungsbedürftige Soundeffekte eingestreut. Mal sind es Geräusche, die an alte Drucker erinnern, teils wirres Gezupfe oder absichtlich primitive Melodien, die ebenso mechanisch anmuten, wie der eine oder andere der fiesen Kerle. Das ist in sich schlüssig, untermalt den Text mit treffenden Geräuschbildern und gibt Struktur.

     

    Manchmal ist die akustische Bearbeitung allerdings etwas über das Ziel hinaus geschossen, so sinnvoll die Effekte und atmosphärischen Hintergründe auch sein mögen. Teilweise hört sich das an wie ein ausgewachsener Tinnitus, weil einem da geradezu inflationär ein Zigtausend-Hertz-Ton um die Ohren gehauen wird. Tatsächlich vermutete der Rezensent anfangs erschrocken einen Defekt seines Abspielgerätes, musste jedoch anhand eines zweifellos sauber arbeitenden Zweitgerätes feststellen, dass das unerträgliche Gefiepe wirklich als Stilmittel eingesetzt worden ist. Das ist recht mutig. Kunst darf schon mal weh tun, aber muss man deshalb dem Hörer gleich das Trommelfell mit der Nervensäge punktieren? Vielleicht ja, denn die fiesen Männer sind in ihrem unablässigen Machogeschwätz eben selbst fürchterliche Nervensägen.

     

    Auch die »depressive Person« die diese Hörfassung abschließt, reiht sich da ein - allerdings mit gebrochenem Selbstbewußtsein. Ihren Zustand beschreibt Wallace so: »Die depressive Person befand sich in einem Zustand unausgesetzter psychischer Qualen und die Unmöglichkeit diese Qual jemandem mitzuteilen, war Teil des Zustandes und verantwortlich für seinen eigentlichen Schrecken.« Dieser Art Schrecken ist der gefeierte Autor wohl schließlich selbst erlegen, als er im September 2008 in seinem Haus in Kalifornien den Freitod wählte.


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