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Jan Weiler: Uwes letzte Chance

06.12.2010

Die Gnade des vereinzelten Daseins

Mit Uwes letzte Chance von Jan Weiler hat der Hörverlag den dritten Teil einer Hörspieltrilogie um einen liebenswürdigen Soziopathen namens Uwe herausgegeben. Eine ausgemachte Nervensäge trifft auf eine Studentin mit romantischen Bedürfnissen. Ob das gut gehen kann, hat DR. RANDY WEINHEIMER untersucht.

 

Telefonklingeln. Niemand zuhause. Uwe spricht aufs Band: Er fleht Sabine (Besitzerin des Anrufbeantworters und seine Ex-Freundin) an, ihn von einer abgelegenen Insel irgendwo im Südpazaifik abzuholen, wo er seit gut drei Monaten in einem Hotel festsitzt, schiffbrüchig, ohne Papiere. Von der deutschen Vertretung  vor Ort kann er keine Hilfe erwarten, denn er hat mal wieder die Nerven verloren und das gesamte Botschaftspersonal als „Puffreispatrioten“, „Evolutionsbremsen“ und mit einer ganzen Litanei kreativer Schimpfworte gegen sich aufgebracht. Zu Hause glauben alle, er sei mit einem Vergnügungsdampfer untergegangen. Es scheint sogar, als wäre man in der Heimat einigermaßen froh darüber, denn Uwe ist eben eine Nervensäge und ein notorischer Querulant, solange er glaubt Oberwasser zu haben.

 

Sabine vernimmt seinen Hilferuf vom Band. Es folgt eine Rückblende ins Kaufhaus „Trutschmann“: Dort haben sich Uwe und Sabine beim „Single-Einkauf“ kennengelernt. Uwe macht sich relativ unbeholfen an Sabine heran, rempelt sie absichtlich mit dem Einkaufswagen an und versucht sich im Herunterbeten des Arsenals der abgedroschensten Flirtsprüche („Glaubst Du an Liebe auf den ersten Blick - oder soll ich nochmal vorbeikommen?“) und stellt sich dabei an, wie ein Vollidiot. Sabine ist genervt. Sie weist Uwe zurecht, gibt Tipps, wie die Sache mit dem Frauenansprechen geht - und wie nicht. Das kann nichts werden mit den beiden. Sabine versucht ihn abzuschütteln, beginnt erfundene Details aus ihrem Leben aufzuzählen, die sie in einem möglichst schlechten Licht erscheinen lassen. Angeblich arbeitet sie in der Stadtverwaltung, rasiert sich nie die Beine, was dort sonst auch niemand macht, hat angeblich sieben Katzen und sammelt weinende Pierrot - Figuren aus Porzellan, die sie in ihrer Schrankwand platziert. Doch Uwe lässt sich nicht blenden. Stattdessen spuckt er ein kurzes Psychogramm Sabines aus, das offensichtlich seine Wirkung nicht verfehlt. Jetzt ist Sabine doch interessiert und die beiden kommen damals tatsächlich zusammen. Zurück im „Hier und Jetzt“ fasst Sabine den Entschluss ihren mittlerweile Ex-Freund aus seiner misslichen Lage zu befreien.

 

Hörprobe Jan Weiler

Die wünschenswerteste aller Besetzungen

Gesprochen werden die Protagonisten von Jan Weiler, dem ehemaligen Werbetexter  und Autor der Uwe-Trilogie. An seiner Seite steht Sabine mit der Stimme von Annette Frier, die momentan in der Titelrolle der „Anwalt-der-kleinen-Leute“-Serienschmonzette „Danni Lowinski“ reüssiert. Beide sind als Sprecher ein echter Glücksfall. Annette Frier ist eine talentierte und erfahrene Komödiantin, die die weibliche Ambivalenz zwischen Anziehung und Abstoßung vom männlichen Geschlecht gekonnt auf die Schippe nehmen kann.

 

Jan Weiler kennt seine Figur Uwe als Autor besser als jeder andere und ist schon alleine deshalb die beste und wünschenswerteste aller Besetzungen. Er muss sich den Uwe nicht aus fremdem Text erarbeiten, er hat ihn erfunden. Sein Uwe changiert glaubhaft zwischen wortgewaltigem Soziopathen und melancholisch-resigniertem Loser. Da drängt sich die Frage auf, wie viel vom Charakter des Uwe Jan Weiler aus der eigenen Biographie entlehnt hat. Hoffentlich nicht zu viel, das wäre zumindest seiner Umgebung zu wünschen. Sprachtalente gehen oft in die Werbung, was dazu führt, dass dem literarischen Betrieb manchmal die besten Kräfte verloren gehen. Bei Jan Weiler ist es zum Glück umgekehrt verlaufen. Nach einem beruflichen Werdegang als Werbetexter und Journalist hat er seit 2003 mit dem Bestsellerroman „Maria - ihm schmeckt`s nicht!“ den Weg zurück in die künstlerische Produktion gefunden.

 

Sabine findet ihren Ex Uwe auf der Weihnachtsinsel (als diese entpuppt sich der abgelegene Ort im Verlauf der Handlung) völlig verändert vor. Er hat sich Gedanken über sich gemacht, will ein ganz „neuer Uwe“ sein und findet zu neuer Offenheit. Angesichts der mittlerweile zurückliegenden Beziehung können sich Uwe und Sabine  wieder aufeinander einlassen, sich sogar gegenseitig Seitensprünge beichten. Ob und wie lange dieser Sinneswandel bei Uwe vorhält, soll hier nicht verraten werden.

 

Nach "Liebe Sabine" und "MS Romantik" ist dieser dritte Teil der Hörspiele um Uwe der dichteste und unterhaltsamste. Längen gibt es nicht, die Story fesselt und kann glänzend unterhalten. Köstlich sind die ungelenken Annäherungsversuche von Uwe, amüsant die Figur der Sabine, die zwischen taffer Ablehnung Uwes und Sehnsucht nach Beziehung hin und her taumelt. Man muss auch die vorhergehenden Teile nicht unbedingt gehört haben, um die Story zu verstehen. Dieses Werk ist als Präsent unter dem Weihnachtsbaum von Singles sicher eine gute Wahl. Vielleicht kann es dem einen oder anderen gebrochenen Herzen dazu verhelfen, den vermeintlichen Frust eines vereinzelten Daseins als Gnade zu begreifen.


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