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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 18. August 2017 | 23:57

    Das Psalmenprojekt - Wasser des Lebens

    27.11.2010

    Urlaub unter Psalmen

    Psalmen sind über 3000 Jahre alt. Popsternchen meist unter 30. Wenn letztere nun erstere interpretieren - wer ist da wohl wem überlegen? Das fragt sich DR. RANDY WEINHEIMER beim Hören der CD Das Psalmenprojekt - Wasser des Lebens. Moses Pelham, Xavier Naidoo, Castingshowfinalist Thomas Enns und andere Geistesgrößen geben sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten Mühe.

     

    Mit Religion ist es so eine Sache: Der eine glaubt´s, der andere nicht. Spätestens seit Ben Becker hat die Verwurstung religiöser Inhalte im Fleischwolf der Aufmerksamkeitsökonomie ihren Platz in der Popkultur. Wenn da die Interpretation weit unter der Qualität der Vorlage bleibt - wen stört´s? Das war bei Ben Beckers Bibelmachenschaft schließlich auch egal. Hauptsache man war rechtzeitig wieder aufgewacht, um die Standing Ovations nicht zu verpassen.

     

    Beim evangelikal gestifteten SCM Verlag ist „Das Psalmenprojekt“ erschienen, und man könnte meinen, die Kirche habe ihre Missionsarbeit auf Berlin-Neukölln fokussiert und damit den Versuch gestartet, wahlweise Allah, Hohepriester Dieter Bohlen oder der übermächtigen Liturgiemaschine Fernsehen ein paar spirituelle Marktanteile abzujagen.

     

    „Unsichere Zukunft, wachsende soziale Härte und Gefühlskälte, Extremismus, Terror und Gewaltbereitschaft – das Leben ist alles andere als ein großer Spaß. So suchen immer mehr Menschen Halt und Hoffnung im Glauben. Die Medien berichten von „Der Wiederkehr der Religion“ - kündigt Produzent George Garcia auf der Homepage des Projekts an.

     

    Sicher wohnt das Bedürfnis nach religiöser Welterklärung dem Menschen inne - und es wächst fatalerweise - das hätte George Garcia ruhig noch ergänzen dürfen - mit einem ungünstigen Verhältnis zwischen gesellschaftlicher Komplexität und Bildung.

     

    Evolutionär betrachtet ist Religiosität ein klarer Überlebensvorteil. Dabei spielt keine Rolle, was einer nun genau glaubt. Ob man, wie es in den Anden Brauch ist, einen getrockneten Lama-Fötus mit Benzin begießt und anzündet, den Regen herbeitanzt, ein rauchendes Messingkesselchen schwingt, eine Buddha-Statue mit Blattgold beklebt, oder einen schwarzen Stein küsst ist völlig unerheblich, solange sich durch das magische Ritual ein Gefühl der Unterstützung durch eine suprahumane Macht einstellt. So gestärkt lässt es sich leichter und länger auch in scheinbar ausweglosen Situationen überleben, während der Atheist, auf sich allein gestellt, nur die entmutigende Realität sieht und hoffnungslos und voreilig den Löffel abgibt.

     

    Gotteslobgenuschel

    Die Psalmen, die von überschaubar bis zumindest gesanglich begabten Interpreten wie Thomas Enns, Patrick Nuo, Florence Joy, Moses Pelham oder gar Xavier Naidoo dargeboten werden, sind wunderschön. Zumindest als literarische Vorlage. Eindringlich sind die Bitten und Appelle an Gott, rührend die Lobpreisungen und die Beteuerungen seiner Macht und Größe. Sie haben sich nicht umsonst als Mem über Jahrtausende erhalten und waren nach den evolutionären Gesetzen der Memetik nahezu zwingend erfolgreich. So heißt es zum Beispiel im Psalm 145: „Er erfüllt das Verlangen derer, die ihn fürchten. Ihr Schreien hört er, und er hilft ihnen. Der HERR bewahrt alle, die ihn lieben, aber alle Gottlosen vertilgt er.“

     

    Zwar hat, historisch betrachtet, der HERR die, die ihn lieben, keineswegs immer errettet und erhalten, auch Gottlose vertilgt er nicht zuverlässig, was berechtigte Zweifel am Wahrheitsgehalt solcher Zeilen schüren könnte. Doch geht dieser Zweifel stets mit denen unter, die ihr frühes Ende als Indiz für die Haltlosigkeit derartiger Thesen begreifen könnten. In denen aber, die wider Erwarten doch überleben, wird das Mem bestärkt und so weiter reproduziert. Was an kognitiven Dissonanzen noch übrigbleibt, weil auch der Frömmste zur Kenntnis nehmen muss, dass der göttliche Eingriff nur allzu oft eben nicht stattfindet, lässt sich mit Vorstellungen vom „unergründlichen Ratschluss“ auffüllen.

     

    Was die Popsternchen aus den historisch und religiös bedeutenden Psalmen gemacht haben, ist leider das pure Grauen. Auch hier hätte göttlicher Eingriff gut getan. Der Spagat zwischen jugendtypischer Coolness und den tiefen, mit elementaren  Metaphern aufwartenden Psalmen kann nur mit einem Riss im Schritt der ballonseidenen Hiphop-Uniform enden. Manchmal wartet man schier auf ein munter eingestreutes „Ihr Pharisäer seid doch alle Opfer, ey!“ Viel Pose ist da zu hören, am Gefühl mangelt es meist, Genuschel gibt es dafür reichlich. Einzig Xavier Naidoo lässt ahnen, wie es ist, wenn einer sich aus der Maske der verzweifelten Selbstbehauptung etwas lösen und sich in echtere Empfindung fallen lassen kann. Als Sänger beherrscht er es meisterhaft, auch relativ dünne Zeilen wie Offenbarungen klingen zu lassen - im Psalmenprojekt spricht er seine artikulatorisch und interpretatorisch gehandicapten Mitstreiter mit Leichtigkeit an die Wand.

     

    „Psalmen werden während des Gottesdienstes als Lieder gesungen. Das Psalmenprojekt hingegen, verlässt sich ganz auf das Wort und so werden alle Psalmen von bekannten deutschen Stimmen gesprochen und interpretiert.“ - auch dieses Zitat stammt von der Homepage des Projekts. Stimmt nur leider nicht. Erstens sind die Stimmen bis auf Naidoo nur F-Prominente und alle Tracks sind mit gefälliger Musik in moderner Sound-Soutane untermalt, die das Gehörte für nicht textaffine Jugendliche vermutlich ein bisschen weniger unerträglich machen soll.

     

    Ob das Psalmenprojekt von der anvisierten jugendlichen Zielgruppe außerhalb eines Kirchentags dankbar angenommen wird, mag dahingestellt bleiben. Vermuten lässt sich, dass so ein Projekt ohne Finanzierung durch ein evangelikales Verlagswesen nicht das Dämmerlicht der Öffentlichkeit erblickt hätte. Und doch: Wenn dieses Werk auch nur einem in der bedrängten Masse Erleichterung, Linderung, Hoffnung verschafft, hat es seine Berechtigung. Und so bleibt nur ein salomonisches Fazit: Wer´s mag, dem gefällt´s und wem´s nützt, der hat was davon.


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    Ich finde das Album sehr gelungen und glaube, dass es dem Produzenten darum ging, gläubige Künstler auf dem Album zu vereinen, die Psalmen interpretieren um Mitmenschen mit einer sehr wichtigen Botschaft zu erreichen und sie im Herzen anzusprechen. Allerdings scheint es sehr viele Menschen zu geben, und zu denen gehört wohl auch Randy Weinheimer, die nicht gelernt haben mit dem Herzen zu sehen (in dem Fall zu hören) und somit diese Projekt und die Idee Psalmen zu vertonen somit auch gar nicht verstehen können! Horst Büttner
    | von horst büttner, 30.11.2010
    Verstehe Randy Weinheimer nicht. Mir wurde das Album geschenkt, da ich ein großer Xavier Naidoo Fan bin und ich finde es großartig! Denke es ist eine tolle Geschenkidee zu Weihnachten. KS
    | von Karl Spannenberg, 07.12.2010
    die musik ist vor allem richtig gut!
    | von wolf_gang, 23.01.2011
    Der Randy soll mal zum Ohrenarzt gehen! SL.
    | von Siegfried Locher, 15.06.2011

    ... bis sie dann gestorben sind.

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