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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. April 2017 | 19:32

    Paul Plamper: Tacet

    06.11.2010

    Das Grundwasser unserer Existenz

    Eine junge Frau schweigt. Ihr Umfeld ist damit völlig überfordert ... Der junge Verlag HOERSPIELPARK von Paul Plamper hat ein mutiges und zugleich außergewöhnliches Psychogramm eines seelischen Ausfalls und der Zerfallserscheinungen eines sozialen Gefüges hörbar gemacht. Von DR. RANDY WEINHEIMER

     

    Therese Rahn spricht nicht mehr. Gerade eben hat sie mit Freunden ein Schostakowich-Konzert besucht - ab diesem Moment schweigt sie. Plötzlich und für niemanden fassbar. Die Freunde sind besorgt, kümmern sich rührend, rufen den Lebensgefährten Uli, der sie nach Hause bringt. Am nächsten Tag in der Werbeagentur - ihrem Arbeitsplatz - das Gleiche: Therese kommuniziert nicht mehr. Warum? Niemand weiß es. Die Kollegen haben Termine einzuhalten, wollen Mittagessen gehen, doch wie soll man mit einer Kollegin arbeiten, die nicht spricht? Ein Fall für die Medizin! Aber: Körperliche Untersuchung: Fehlanzeige. Die Eltern eilen herbei. Der Vater schlägt vor, sie könne ja wenigstens etwas auf einen Zettel schreiben. Ganz Mann sucht er schnelle und einfache Lösungen. Wieder Fehlanzeige. Er unterstellt der Tochter gar, heimlich zu lesen, wenn niemand dabei ist. Schnell kann er  seinen Ärger über das „radikale Experiment“, nicht mehr verbergen und wird von Thereses Mutter, die anfangs den einfühlsamen Part übernimmt, zur Tür hinauskomplimentiert.

     

    „Also wenn Dir irgendetwas nicht passt, dann musst Du es sagen!“, meint auch Lebensgefährte Uli und deutet an, er wolle sich auf jede Auseinandersetzung einlassen. Der Agenturchef schwurbelt etwas von einem „dadaistischen Konzept“ der Sprachverweigerung, worauf man in einer Werbeagentur schon mal kommen könne. Aber die „selbstzerstörerische Komponente“ geht ihm dann doch zu weit. Er kann es nicht greifen, was er da erlebt, auch mit seinem kundengesprächstrainierten, analytischen Wortgeklingel nicht. Noch wendet man sich mit ganz irdischen Problemen an Therese: Was soll nun aus dem Angrillen werden? Aber Therese schweigt und schweigt.

     

    Der Berliner Autor Paul Plamper hat mit diesem Werk kein einfaches Hörspiel vorgelegt. Er hat eine Art Versuchsanordnung geschaffen, die mit höchster psychologischer Präzision die handelnden Personen mit einem Totalausfall konfrontiert und damit die Unfähigkeit der scheinbar „Normalen“ im Umgang mit psychischen Aussetzern seziert. Nachdem Plamper im Jahr 2008 für sein Hörspiel Ruhe 1 die profilierteste deutsche Auszeichnung für Hörspielkunst, den „Hörspielpreis der Kriegsblinden“ erhielt, beweist er mit der Quasi-Fortsetzung Tacet (Ruhe 2), dass er zuverlässig aus einer tiefen Quelle schöpfen kann: Er kann das Grundwasser der menschlichen Existenz anbohren und den Durst nach Erkenntnis unseres Wesens wenn nicht löschen, so doch zumindest vorübergehend lindern. Was er da aus der Tiefe fördert, ist nichts weniger als die unabdingbare Zutat jedes relevanten künstlerischen Ausdrucks. 

     

    Für Therese bleibt nur die Einweisung in die Psychatrie. Als schweigendes Kuriosum wird sie sogar vom Anstaltsleiter höchstselbst begutachtet, der sich dabei geradezu als Volldepp geriert, weil er jetzt endlich mal von ihr selbst hören will, warum sie denn nicht mehr spricht. Der gesamte psychatrische Apparat wird in seiner Unfähigkeit entlarvt: Man suggeriert Vertrauenswürdigkeit, schließlich kenne man sich mit dem „Beschwerdebild“ bestens aus. Therese wird einem absurden Rohrschach-Test unterzogen, bei dem der behandelnde Arzt unbewusst die Interpretation der zufälligen Tintenklecksbilder gleich mitbringt: „Was hat der Mann da in der Hand? Hm? Der hat doch was in der Hand?“ Es folgt Gruppentherapie. Jeder darf mal beschreiben, was das Schweigen Thereses in ihm auslöst. Die Reaktionen der Gruppe kulminieren in einem Streit, in dem die Schweigende um die ihr zuteil gewordene Aufmerksamkeit beneidet wird. Doch nichts bringt Therese dazu, wieder zu sprechen.

     

    Also befragt man die Eltern: „Wenn eine Mutter ein Kind hat, dann wird das Leben einfach einfacher. Für die Mutter.“ Anschließend ergeht sie sich in sonderbaren Selbstvorwürfen, wie: „... ich war zu fixiert auf sie ... ich habe sie wahrscheinlich mit meinen Problemen erdrückt“ - die sich aber bei näherer Betrachtung als Vorwürfe an Therese entpuppen. „Das ist das Allerschlimmste, was eine Tochter ihrer Mutter antun kann.“ Subtil und für die Beteiligten unbewusst sind die Verstrickungen aus Projektionen und Enttäuschungen über das narzisstisch besetzte Objekt namens Kind auch im wirklichen Leben. Das zeigt sich dann auch beim Vater, der sein Scheidungskind ebenfalls mit ureigensten Problemen zu belasten sucht.

     

    Die Sprecher agieren in Tacet (Ruhe 2) in höchstem Maße authentisch. Auch prominente Namen sind dabei, etwa der Ausnahmeschauspieler Fabian Hinrichs, oder Carl Hegemann als Thereses Vater - selbst Vater der skandalumtosten Copy & Paste-Autorin Helene Hegemann. Mit einem guten Skript lassen sich trotz schmaler Etats eben auch die entsprechenden Interpreten gewinnen. Produziert wurde das Hörspiel von WDR und Deutschlandfunk mit Hilfe von Fördergeldern der Filmstiftung NRW, die sich damit einen weiteren Orden an die Rangeruniform des Nationalparks der vom Aussterben bedrohten Künste heften dürfen.

     

    Nach und nach zerbrechen Beziehungen, alte werden in Gestalt des Ex-Freunds wiederbelebt - doch Therese flieht aus dem Raum und weiter in ihr hartnäckiges Schweigen. Alle arbeiten sich ihr ab, bis hin zum Klangschalentherapeuten, der die Wortlose pathetisch vom Bann des Nichtssagens freispricht und dabei auf hässlich klingende, mutmaßliche Messingeimer hämmert: „Was ist das in uns, das will, dass sie schweigt? Lassen wir los ... Dein Schweigen ist die Stimme dieser Wünsche!... Ich spreche Dich frei von dieser Last!“ Was für eine herrlich zynische Sottise auf all den neuzeitlichen Eso-Quark!

     

    Aus den Selbstverstrickungen

    Doch das Leben geht weiter. Die Lieblingsfeindin und erbitterte Konkurrentin erhält anstelle von Therese die begehrte Festanstellung in der Agentur, Uli trennt sich, nicht ohne vorher zu betonen, er sei ja für alles bereit gewesen, „... damit das nicht falsch in die Geschichtsbücher eingeht“, Muttern braucht Urlaub und jeder ist gezwungen sich neu zu positionieren. Der regelmäßig die Wohnung der Kranken besuchende Sozialdienst inspiziert die Bettwäsche und lobt den Duft des Waschmittels, während er sich gleichermaßen darüber freut, nach diesem unkomplizierten Abhaken seiner Checkliste noch Zeit für einen Kaffee nebenan zu haben. Ein Ausweg für die Protagonistin der Stille im Sinne einer Wiederbelebung der Kommunikation ist nicht in Sicht.

     

    Das große Verdienst dieser Produktion ist, dass sie ein uns allen zumindest so oder ähnlich bekanntes Sozialgefüge in eine „Was wäre wenn?“-Situation stellt und die Schockwellen eines solchen Totalausfalls einfach nur demonstriert. Autor Plamper verstrickt die Figuren dabei in ihre eigenen Probleme, zu deren zumindest indirekter Äußerung sie durch das Nichtreden im besten Sinne des Wortes provoziert werden. Therese wird zum schweigenden Stein, der in eine bis dahin spiegelglatte Wasseroberfläche fällt und konzentrische Kreise hervorbringt, die im Verlauf des dramatischen Geschehens immer wieder von anderen abprallen, brechen und dabei höchst interessante Interferenzen hervorbringen.

     

    All das kann wirklich begeistern und ist eine klare Kaufempfehlung wert: Eine gute Stunde Hörspiel, dicht und präzise wie ein Uhrwerk, tragisch und gleichzeitig mit sehr unterhaltsamen Elementen, über die man herzlich lachen kann - wenn sie einem nicht als Schweigen im Halse stecken bleiben.


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