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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 23. Juli 2017 | 04:46

     

    Feuerreiter: Balladen für eine neue Generation

    14.03.2004

     

    Multimorbide Mähre

    So sollte sich Lyrik heute nicht anhören, da entsteht - allein schon aus Platzmangel - kein Zauber mehr.



     

    Rapper und Slammer aufgepasst: Goethe groovt, Fontane ist funky! Die Produktion Feuerreiter will hierfür endlich den Beweis antreten - und holt sich ein blutend Näslein dabei ... Jugendliche an die Höchstliteratur heranführen, na bitte. Sie, die Literatur, ist ja schließlich das Rizinusöl im Bildungsgetriebe. Mit diesem Ansatz sollte nichts schief gehen, möchte man meinen. Und die Notwendigkeit ist einfach viel zu manifest. Einzig PISA dräut da dunkel von fern her. Mit dem nicht ganz unerheblichen Einwand allerdings, unsere Jugend sei doch schon zu b***, die B*** zu lesen.

    Heureka, das Hörbuch!, rufen wir aber diesen ewigen Miesmachern reformpädagogisch entgegen. Zuerst die Literatur, dann das Lesen ... Da jedoch Hörbücher bei der Jugend nicht gerade den Status der Unverzichtbarkeit genießen, muss man sich schon was einfallen lassen, um Balg um Balg hinter dem TV-Set hervorzulocken. Wie wär´s mit: Jack Nicholson liest Eduard Mörike? Oder Anthony Hopkins die von Droste-Hülshoff. Besser noch: Jean Reno den Lenau! Der AUDIOBUCH Verlag hat es geschafft, diesen Traum nun endlich wahr zu machen. Joachim Kerzel heißt er und die CD Feuerreiter (Untertitel: "Balladen für eine neue Generation").

    "Muss ne Ode öde sein?"

    So fragt der Verlag. "Und ne Ballade ballaballa?", fragen wir. Denn in der Tat, es ist erstaunlich. Gemixt mit Soundeffekten, die alle Bilder im Kopf zum Leben erwecken wollen, dazu starke, nein allerstärkste Musik, die sogar Wagner ins Leben zurückholt. Dieser Versuch, eine multimorbide Mähre mit Kraftfutter zum Feuerreiter aufzupäppeln, schlägt fehl. So sollte sich Lyrik heute nicht anhören, da entsteht - allein schon aus Platzmangel - kein Zauber mehr. Bisweilen hat es geradezu peinliche Momente, wenn die Sprecherlegende Kerzel bei Goethes Totentanz einzig pausiert, um mimetische Geräusche folgen zu lassen wie Gebeineklappern und Türenschlagen. Vollends enttäuscht werden wir letztlich aber von Kleinigkeiten: Der gesprochene Text hat Ungenauigkeiten, das Booklet ist fehler- und das Design lachhaft. So trabt dieses lodernde Bildungsschlachtross nur in die Abdeckerei.

    Den Bildern ein Refugium

    Auf eigentümliche Weise entziehen sich aber die klassischen Balladen unbeschadet dem ganzen Trara und büßen nicht den leisesten Hauch ihrer Aura ein. Und seien wir ehrlich: Es war ja auch, als ob man sie - gestanzt in ihr Popformat - schlicht nicht mehr vernahm. Zurück in die Bücher flüchteten sie sich, wo sie nun weiter ihr seliges Unwesen treiben. Vielleicht sollte man ihnen ja dort auch wieder auflauern.

    Christoph Pollmann


    Feuerreiter: Balladen für eine neue Generation. Sprecher: Joachim Kerzel. Musik: Rabhi Merhi. 1 CD, Laufzeit: 46 min. AUDIOBUCH Verlag 2004. 16,90 Euro. ISBN: 3-89964-040-3

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