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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 27. Mai 2017 | 17:42

     

    Michail Bulgakow: Der Meister und Margarita.

    14.03.2004

     

    Moskauer Passionsspiele

    Bulgakows Geniestreich "Der Meister und Margarita" als 700 Minuten-Hörwelt. Gradlinig, unverzichtbar - und endlich auf CD.



     

    Was an den Moskauer Patriarchenteichen der 30er Jahre seinen unheilvoll-heilsamen Anlauf nimmt, kommt ebenda wieder an sein Ende. Zwei angesehene Literaten, Berlioz und Besdomny, finden sich ein und geraten unversehens in einen Disput. Es dreht sich um die grundsätzliche Frage, ob Jesus je gelebt hat. Als aufgeklärte Materialisten sind sie sich jedoch schnell einig und verweisen Gott in die Mottenkiste der Geschichte - samt finstrem Alter ego. Hinzu tritt nun der befremdlich aussehende Voland, angeblich Deutscher und Professor der schwarzen Magie, doch niemand anderes als der leibhaftige Leibhaftige selbst. Als Berlioz diesem nun eröffnet, dass hinter allen Fensterscheiben Moskaus die Aufklärung Einzug gehalten habe und keiner mehr an Gott, geschweige denn den Teufel glaube, bekommt die Spielfreude des Satans aber erst den rechten Schisslaweng. Und seine Bilanz kann sich sehen lassen: absurd Enthauptete, traumatisierte Nackedeis zu Tausenden, Feuersbrünste und endlose Skandale. Final fegt dann noch ein großes Unwetter über die Stadt hinweg - Höhepunkt und Katharsis in einem. Seltsam nur wie resistent Bulgakow diese Gesellschaft einschätzt, denn bald schon finden Wissenschaftler für alle Ungereimtheiten findige Erklärungen. Und in Moskau strahlt die Aufklärung wieder im Zeichen triumphalsten Unheils.

    Ritter, Tod und Teufel

    Der satanische Kladderadatsch, entfacht von Voland und seinem ominösen Gefolge, nimmt beizeiten zwar Harry-Potter-Dimensionen an, jedoch finden sich hier auch eine Vielzahl gut platzierter Backpfeifen. Insbesondere die Entdeckung der fünften Dimension, einer Chiffre für die absurde Praxis des Aufteilens von Wohnraum. Ebenso der zweite Frischegrad von Störrücken, als Worttünche für Gammliges. Inmitten des turbulenten Szenarios - nicht immer gelungen, weil über Gebühr eingesetztes Stilmittel - wird aber die eigentliche Geschichte erzählt. Die Liebe eines Schriftstellers ohne Namen, fortan nur mehr "Meister" genannt, zu Margarita, einer Frau mit endlos einsamem Gesicht. Sein Werk ist allen Restriktionen des Staatsapparats ausgesetzt, worüber er arg verzagt. In der Nervenheilanstalt von Dr. Strawinski trifft er auf den für verrückt erklärten Ivan Besdomny (zu Deutsch: "der ohne Haus"), einen opportunistischen, nichtsdestotrotz erfolgreichen Lyriker. Ihm erzählt der Meister unter anderem von seinem geächteten Pilatus-Roman.

    Hieraus ergibt sich die dritte Ebene des Romans: die Begegnung von Pontius Pilatus und Jesus - also Staatsgewalt und freies Künstlertum. Die historische Parallele dazu bildet ein Telefonat mit Stalin, der dem Radaugenossen Bulgakow das Angebot unterbreitet, künftig doch als Regisseur am Theater zu arbeiten. Wiederholt wird diese Szene in Der Meister und Margarita bei dem Tête-à-tête von Pilatus mit Levi Matthäus, dem Chronisten Jesu. Jener erhält vom Prokurator das Angebot, fortan als Archivar in seinen Diensten zu arbeiten. Matthäus lehnt jedoch - im Gegensatz zu Bulgakow - ab.

    Die Heilige Dreizeitigkeit

    Diese kunstvolle, nicht völlig auf das Prinzip der Simultaneität reduzierbare Architektur vereint also dreierlei Zeitebenen: die Historie (Jesu Historizität, die realexistierende Sowjetunion), die Zeitlosigkeit (die Liebe des Meisters zu Margarita) und die Überzeitlichkeit (die teuflisch-himmlische Phantastik mitsamt ihrem satirisch-karnevalistischen Potenzial). Chronos und Äon, also menschliche wie göttliche Zeit, werden durch ein Drittes vervollkommnet: die Schaffenskraft des Künstlers, hier eine Art transformierter Kairos. Zur Illustration dessen überzeugt der Meister den Lyriker Ivan Besdomny aufzuhören, mit Gedichten - seine rein opportunistische - Kunst produzieren zu wollen. Das Buch endet wie versprochen an den Patriarchenteichen etwa sieben Jahre später. Einzig Besdomny hat seinen Namen in Ponirjov ("der Verständige") verwandelt und schlussendlich auch ein Haus gefunden. Er ist nämlich Mitarbeiter im Institut für - na? - Geschichte und Philosophie natürlich.

    Der Roman, angelehnt an Faust, ihn in vielerlei übersteigend (man richte den Blick hier allein auf die Figuren Margarita und Gretchen), musste sich oft die Kritik eines zu mäßig ironisierten Schlusses gefallen lassen. Das Idyll im Biedermeierstil kaum angetatscht. Völlig auslöschen lässt sich dieser Punkt sicher nicht, dennoch bleibt der Roman epochemachend. Auch wenn Bulgakows Ehefrau einst polemisierte, er sei nun mal kein Dostojewski. Die Pointe dieses Satzes entfaltet sich in ihrer ganzen heiteren Bitterkeit erst heute.

    Literatur in akustischer Dimension

    Das Hörspiel dauert beeindruckende 700 Minuten, erfreut sich aber der allermuntersten Kondition. Die sehr luzide Konzeption erleichtert dem Hörer sowohl den Wechsel der Ebenen als auch die Überschaubarkeit des durchaus riesenhaften Personeninventars. Mit dem unaufdringlichen und gekonnten Einsatz von Musik (nur eine Handvoll Kompositionen, hier und da aufscheinend) bleibt den Sprechern ausreichend Raum, die Facetten ihrer Rollen herauszuarbeiten. Das Resultat ist ein Hörspiel auf außergewöhnlich hohem Niveau, dem auch nicht ein einziges Mal der Absturz droht - und völlig zu Recht 1999 prämiert wurde.

    Christoph Pollmann


    Michail Bulgakow: Der Meister und Margarita. Hörspiel mit Jürgen Hentsch, Thomas Thieme, Daniel Minetti, Udo Samel u.v.a. Regie: Petra Meyenburg. Erschienen bei: der hörverlag. 10 CDs. Preis: 39,95 EUR. ISBN 3-89940-277-4.

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