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Neuromancer

14.03.2004



Die Sehnsucht der KI´s

Unter Alfred Behrens Regie bleibt William Gibsons epochaler Debütroman Neuromancer im Ambitionierten stecken und bietet keine Alternative zur Lektüre.


 

„Der Himmel über dem Hafen hatte die Farbe eines Fernsehers, der auf einen toten Kanal geschaltet war.“ Mit diesem Satz hat sich der Autor in doppelter Hinsicht unsterblich gemacht. Nicht nur, dass er hier in ein neues Multiversum hereinbittet – das, wie wir noch sehen werden, zur Genüge von Kopisten ausgeschlachtet wurde –, sondern der Autor hat auch mit meisterlicher Lockerheit die Genres übersprungen. Das Ineinanderwuchern von Science-Fiction und Hochliteratur ist zwar nach einer langen Liste von Großschriftstellern nichts völlig Neues mehr, doch kommen Lemsche, Bradburysche, Orwellsche und Huxleysche Szenarien bei weitem nicht so hüftschwungsicher daher wie Gibsons neue Welt, in der Zukunft einfach nur ungleichmäßig verteilt scheint.

Hüftschwungsichere neue Welt

Gibsons Ideen wurden in der Shadowrun-Reihe nachgeäfft (und es täte jedem dieser Anhänger mal gut, auf einen Teller gekaute Nägel bei Großpapa William reinzuschauen). Seine Cyberspace-Kreation wurde in der Superman-Serie zum bemüht-originären Hyperspace, einer idiotischen Parallelität der Historien (oder war es doch die historische Parallelität der Idiotismen?). Matrix war der hinterletzte aller Versuche. Davor gabs aber noch eine Cyberpunk-CD von Billy Idol, die in jeder gut sortierten Sammlung fehlen sollte.

Stichwort Wucherung: Sprawl heißen Gibsons verwachsene Megastädte, gegen die sich das Ruhrgebiet wie ein romantischer Schrebergarten ausnimmt. Doch auch Material und Mensch, Techno und Bio gehen ineinander über: Hirntote Lehrer als ROM-Konstrukte, Transplanties und Implanties, hoffnungslos Überalterte, Cyberspace-Junkies und Künstliche Intelligenzen (KI´s). Sehnsucht definiert sich unter dieser Sonne – die kaum scheint – als endlich Gelöscht-werden-wollen, als ein weiteres Lebensjahr mittels Kryogenik, als Droge, als neue Leber und auch mal als Beischlaf oder Bier. Einzig die KI´s haben noch so was wie Romantik in ihrer Verdrahtung und sehnen sich nach Verschmelzung mit anderen KI´s. Ist das nicht wunderbar? Allein hierfür gebührt Gibson der bequemste aller Schreiberthrone, denn des Autors eigentliche Absicht war, uns vor Augen zu führen, wonach wir uns einstmals wieder sehnen werden.

KIs goes Überseits

Natürlich sind KI´s auch bösartig, so böse wie jemand, der seinen Schoßhund ärgert. Ja, sie scheinen regelrecht ihren Spaß mit dem heruntergekommenen Menschengeschlecht zu haben. Und wer könnte es ihnen verdenken angesichts dieser letzten biblischen Plage. So etwas wie Reinheit existiert ausschließlich unter den Künstlichen. Das menschliche, zur schieren Existenz verkommene, kötergleiche Leben bietet einfach keinen Ausweg mehr aus der Verschlungenheit der Begierden. Ein Roman in buddhistischer Mönchskutte, möchte man meinen. Eine Welt im total-gewordenen Samsara-Mahlstrom gegen die Klarheit des Datennirvana im Jenseits, im Überseits, in das der Cyber-Cowboy Case einst Einblick hatte. Durch die Vermasselung eines Auftrags wurde er aber von seinem heißgeliebten Space abgekoppelt. Im Gegensatz zur Realität, in der nur ewige Inventur zu herrschen scheint, Bestandsaufnahme des Schrotts, gibt es im Roman enthusiastische Beschreibungen von seinem verlorenen Paradies, Oden auf das Elysium fernab des Biologischen: „Dunkelheit stürzte von allen Seiten herein, eine Sphäre singender Schwärze, ein Druck auf die ausgedehnten Kristallnerven des Datenuniversums, zu dem er fast schon geworden war... Sein Blickfeld war sphärisch, als würde sich eine Retina über die Innenfläche einer Kugel spannen, die alle Dinge enthielt.“

In Case’ Körper schlummert Gift. Einen Monat hat er noch. Und sein neuer Auftrag bietet ihm außer dem Zugang zum Cyberspace auch noch die biologische Runderneuerung, die er so nötig hat als 24-jähriges Wrack. Wie könnte er da Nein sagen?

Neuromancer ist ein gehetzt geschriebener Roman, dem die genrespezifische Angst anhaftet zu langweilen. Man stolpert durch Informations- und Desinformationsfetzen, durch Storyfragmente, Gewaltkaskaden und arrangierte Perversionen, keucht sich bis zu einem Finale, wo sich zwar kaum etwas einrenkt, vieles auch völlig offen bleibt, aber man endlich erlöst zusammenbrechen darf.

Wie ist da die Hörspieladaption gelungen? Zunächst musste man den 300 Seiten umfassenden Text auf etwa ein Drittel kürzen. Das Problem hierbei aber ist, dass der Text kaum Kürzungen zulässt, da er selbst vom Prinzip der Raffung lebt, von einer Verknappung, die den Eindruck erwecken soll, als sei alles zu Bruch gegangen, bloßes Stückwerk nur mehr, abgesehen eben von jenen kontrastiv ausufernden Beschreibungen des Cyberspace. Das Wortmaterial sträubt sich zumeist und liegt wie hingeschmissen, nackt und vermüllt da. Abgesehen davon, weist die Handlung – außer einem recht einfachen Plot – noch vielerlei Nebenstränge auf, woran denn Gibsons reichste Früchte hängen – und leider auch die Erklärungen zu seinem überbordenden Vokabular. Behrens versucht dieses Problem durch zweisprachige Glossarstimmen zu lösen, die jedoch recht unmotiviert eingeflochten sind. Dieser Rhythmisierungsversuch erweist sich als zu mechanisch und wenig sinnstiftend.

Hörspielfassung versandet

Die überschwängliche Kritik dieses Projekts von Radio Bremen kann ich nicht teilen. Allein aus dem simpelsten aller Gründe: Das Buch ist als Neuromancertrilogie (inkl. Biochips und Mona Lisa Overdrive) bei Heyne für 10 Euro erhältlich und bietet ein unbändiges Lesevergnügen (außer dass es der Verlag auch nach etlichen Auflagen nicht zustande gebracht hat, eine einigermaßen fehlerfreie Ausgabe anzubieten). Die CD dagegen bleibt im Ambitionierten stecken, ja versandet dort sogar. Da zieht kein noch so berühmter Sprecher (wie z. B. Boris Aljinovic, Alexander Radzun oder Tayfun Bademsoy) den Regiekarren aus dem eigenen Dreck, ja manch einer verkommt gar zum völligen Karikat. Das Hören ist wesentlich anstrengender und unergiebiger als die Lektüre, da helfen auch keine aufmontierten schnieken Popplärrereien. Mit Biochips bekommt man als Dreingabe außerdem einen Roman, mit dem Gibson nach eigener Aussage so etwas wie ein Ideal erreicht haben will. Und das soll bei ihm nicht nichts heißen.

Christoph Pollmann


Neuromancer. Hörspiel mit Matthias Scherwenikas, Jarreth Merz, Boris Aljinovic u. a. Bearbeitung und Regie: Alfred Behrens. Produktion: Radio Bremen. 3 CDs. Der Audio Verlag 2003. 212 Minuten. 22,95 Euro.

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