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Léo Malet: Das Leben ist zum Kotzen

14.03.2004

 

Drei Farben: Schwarz

Léo Malets schwarze Trilogie kommt in der Hörspielbearbeitung unwahrscheinlich stimmungsreich, wechselvoll und dennoch klar rüber und bietet feinste Ohrenkost.


 

Vielleicht lag’s ja am Titel, mutmaßte der Autor, dass der Roman Das Leben ist zum Kotzen so schlecht lief. Als aber die renommierte Edition du Scorpion das Buch erneut veröffentlichte, lief es endlich besser für sein düsteres Meisterwerk.

Um es einmal klar zu sagen: Was Hammett und Chandler der neuen Welt, das sind die Franzosen Vian und Malet uns. Bezeichnenderweise hatten beide ein amerikanisiertes Pseudonym: Léo Malet alias Frank Harding, um die Butter auf sein tägliches Brot zu bekommen, und Boris Vian alias Vernon Sullivan, um endlich auf einen Autor aufmerksam zu machen, der frustriert darüber war, dass seine existentialistisch-dadaistisch anmutenden Werke keinerlei Beachtung fanden. Aus Ärger darüber, dass der Stil Faulkners den Ton in der Buchwelt angab, sagte Vian seinem Verleger damals, das könne er auch, und schrieb binnen zwei Wochen das Skandalbuch Ich werde auf eure Gräber spucken. Malets Reaktion auf diesen 1946 gelandeten Coup war wiederum trotzig: Das kann ich auch!

Schließlich bewiesen es beide, übertrafen ihre amerikanischen, hassgeliebten Götzen dabei oftmals, da sich in ihren Stil auch das surreale Erbe einmengte – eine Mischung mit ganz eigenem und einmaligem Reiz. Eine Sprache, die sich abhob von schierer Schnoddrigkeit, die es schaffte poetische Augenblicke zu erschaffen, die sich wie schimmernde Blasen um den Kosmos nackter Brutalität spannten. Allerdings hatte man Malet zur Strafe aus dem Kreis um André Breton verstoßen, weil dort kein Platz für dekadente Romanproduktionen war.

Der Südwestrundfunk legt nun mit Malets schwarzer Trilogie Das Leben ist zum Kotzen, Die Sonne scheint nicht für uns und Angst im Bauch drei wunderbar gemachte Kriminalhörspiele von jeweils ganz eigenem Charme vor, auch wenn da manches Mal ein wenig zu viel Akkordeon für die rechte französische Stimmung sorgen will. Der erste Roman kommt Boris Vians Roman Ich werde auf eure Gräber spucken dabei eindeutig am nächsten. Liebe als rein manipulatives Machtspiel, Töten als lustvolles Handwerk, entseelte Gestalten, die zur Gemeinschaft verdammt, sich allmählich gegenseitig zerfleischen werden. Jean, der Anführer, gerät dabei zum Prototypen aller Outlaws. Wer diese Missgeburt kennt, hat alle anderen gesehen, die in der Mechanik von Neid, Einsamkeit und Begehren zermalmen und zermalmt werden.

In Die Sonne scheint nicht für uns liegt die Sache anders. Es ist das spätestromantische Passionsspiel eines jungen Liebespaares. Gina und Dedé, Parias der Pariser Gesellschaft, sind ewige Opfer der Umstände. Zu stark ist ihre Schicksalsbürde, als dass sie aufrecht durchs Leben gehen könnten. Schließlich werden sie auf ihrer Flucht zusammenbrechen und von der eigenen fatalen Last zerdrückt werden. Dieser zweite Teil der Trilogie ist geradezu eine Moritat, in welcher der Totschlag mit der Gleichmäßigkeit und Vorhersehbarkeit einer Kirchenglocke erfolgt. Ein völlig kaputtes Romeo- und Julia-Spiel, in dem die letzte Hoffnung auf Liebe über den Asphalt einer überharten Realität zu Tode geschleift wird. Angst im Bauch verspürt im dritten Teil der kleine Trickdieb Paul. Ebenfalls auf der Flucht, erleidet er das Gnadenlose einer unendlich langen Verliererstraße. Und seine Liebe zu Jeanne entpuppt sich dabei als ein zerstörter Rest von Sentimentalität.

Leonhard Koppelmanns Bearbeitung und seine Regie (vgl. auch Elementarteilchen, Kismet, Timbuktu) sind ein Glücksfall für dieses Projekt gewesen. Unwahrscheinlich stimmungsreich, wechselvoll und dennoch klar durchgearbeitet sind diese drei CDs feinste Ohrenkost. Und abgesehen von schwächeren Besetzungen, wie Achim Conrad in der Rolle des Pascal, findet man nur Bestbesetzungen vor. Ein besonders glücklicher Griff war die Besetzung der Erzähler und Protagonisten (Oliver Stokowski, Frank Giering und Sebastian Blomberg), die eigentlich nur minimale moralische Umwandlungen eines immergleichen Typus sind. Die Frauenrollen (Anna Thalbach, Martina Gedeck und Julia Hummer) erscheinen da im Spiel der ausgestanzten Mannsbilder sehr viel differenzierter. In ihrem Verhalten liegt vielleicht der einzige Hoffnungskeim für eine Welt im Zustand permanenter Apokalypse. Doch selbst ihre Kinder werden nie geboren werden. Ein wahrhaft finsteres Vergnügen.

Christoph Pollmann


Léo Malet: Das Leben ist zum Kotzen. Kriminalhörspiel. Der Audio Verlag

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