• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. Juli 2017 | 22:36

    Nora Gomringer & Michael Stauffer: Kleine Menschen

    17.05.2010

    Der Maßstab der Wahrnehmung

    Poetische Anthropologie: Nora Gomringer und Michael Stauffer haben sich die großen Sorgen der kleinen Menschen genauer angeschaut. Entstanden ist ein Hörbuch mit ent- und bezaubernden Spoken-Word-Texten. Von JAN SEDELIES

     

    Auch kleine Menschen haben mitunter Probleme, Sorgen, Wünsche und Träume, die riesig groß erscheinen, die die Menschen im Verhältnis zu den Problemen und Bedürfnissen der Weltbevölkerung aber noch etwas kleiner machen, als sie es ohnehin schon sind. Diesen kleinen Menschen mit ihren großen Erwartungen an das Leben und Enttäuschungen, den überdimensionierten Egos und den immensen Eitelkeiten, ihren täglichen Riten und Traditionen zwischen Alltag und Gewöhnung daran, dem gelebten Leiden auf hohem Niveau, haben die Autoren Nora Gomringer aus Bamberg und Michael Stauffer aus Biel nun ein eigenes Hörbuch gewidmet.

     

    Auf Kleine Menschen erzählen sie in 17 Kapiteln die großen Geschichten der kleinen Menschen aus poetischer Anthropologenperspektive und verändern dazu einfach den Betrachtungsmaßstab. In den mal allein, mal zu zweit gesprochenen Texten nehmen sie dafür die Rolle kritischer Beobachter ein, analysieren fast wissenschaftlich die Aufgeregtheiten und Eigenheiten privilegierter Bürger unserer Zeit, um die Ergebnisse nüchtern, bemüht wertfrei und immer beißend komisch zur Diskussion zu stellen. Selten war Gesellschaftsanalyse so unterhaltend. So klingen Soziologen auf der Kabarettbühne.

     

    Kleine Menschen haben Sex

    Inhaltlich geht es um die großen Themen der Kleinbürger. Weniger Krieg und Frieden und die Suche nach dem Sinn des Lebens, die Texte drehen sich viel mehr um Beziehungsstress, Statussymbolsammlungen und Sex, natürlich Sex. Es geht um das Reden darüber, wie den Akt an sich. Gomringer und Stauffer machen aus dem intimen Miteinander einen rein körperlichen Austausch, nehmen ihn theoretisch auseinander, erklären Aufbau, Durchführung, Nachbereitung und fragen streng wissenschaftlich: „Welche Wand wäre funktionstüchtig?“ Die Autoren entzaubern gleich zu Beginn des Hörbuchs leidenschaftlichen, ungestümen und privaten Sex als einfachen Akt der Bedürfnisbefriedigung. Aus erotischen Zweisamkeiten wird Beischlaf, Kopulation, Fortpflanzung, der Austausch von Körperflüssigkeiten. Alle Emotionen davor, dabei, danach werden theoretisiert, der Mensch zum kühlen Funktionsträger körperlicher Bedürfnisse stilisiert. So betrachtet wird jedes romantische Essen, jeder lustvolle Seufzer, jede Diskussion über Abfuhr oder amouröses Abenteuer zum Beiwerk einer sich auslebenden Triebnatur. Der kleine Mensch fickt. Nicht mehr und nicht weniger, und doch macht er daraus die schönste Nebensache der Welt – und redet darüber.

     

    Die Lyrikerin und Performancepoetin Gomringer und der Autor und Open-Mike-Preisträger Stauffer abstrahieren Befindlichkeiten von Neid und Eifersucht bis Protz und Dekadenz, legen Gefühle auf kleine Probenträger, die es zu mikroskopieren gilt, und beschreiben sie, wie sie auf dem Tonträger auch eine Kastration detailliert beschreiben: nüchtern und medizinisch. Die Autoren sind vor allem stark darin, die tägliche Portion Dekadenz zu entlarven als das, was sie zumeist ist: eine Überbewertung, etwas Künstlich-Abstraktes, dem gesellschaftlich besonders viel Wert beigemessen wird. Warum macht man sich zum Ausgehen chic? Warum ist die Nahrungsaufnahme in Edelrestaurants tatsächlich etwas Besonderes? Wann wurde Essen zum Statussymbol? Gomringer und Stauffer hinterfragen materiellen Reichtum, aber auch emotionale Besitztümer. Ein Bürohengst behandelt im Text „Pfeife“ seine Frau wie eine Akte, mit der man sich zwar beschäftigen muss, aber die vor allem nicht stören soll. Das lässt sich die Frau nicht länger bieten und betrügt den Beamten genau mit dem Kerl, über den man zuvor noch gemeinsam gelästert hat. Der kleine Mann am großen Schreibtisch versteht die Welt nicht mehr. Doch statt seinen Umgang mit seiner Frau zu überdenken, heftet er die Sache ab. Die Akte kommt zu den Akten.

     

    Gomringer und Stauffer sind anschaulich und angriffslustig

    Es ist diese Art des Inkaufnehmens, des Hinnehmens, des Wegbeugens vor den Realitäten, die das Autorenpaar zu immer weiteren Analysen treibt. Ihre kleinen Menschen nehmen gesellschaftliche Statuten genauso hin wie Beziehungsmuster, die mehr von Vorstellungen aus Pilcher-Filmen geprägt sind als durch eigene Erfahrungen und Bedürfnisse. Die Autoren halten ihnen Spiegel vor und hinterfragen in kleinen Beispielen die Relevanz ihrer Fragen nach Anerkennung und Zufriedenheit, für dessen Antworten sich die kleinen Menschen in immer neuen Nebensächlichkeiten verlieren. „Zukunft hat man früher nicht gebraucht“, heißt es lakonisch im Text „Zukunft“. Offenbar hat der Fortschritt dazu geführt, dass man sich heute über die Zukunft Gedanken machen kann. Doch statt Zukunft zu gestalten, lässt man sich durch den Gedanken daran unter Druck setzen, verkrampft und sucht Halt in gesellschaftlich geprägten Mustern von Ablenkung und Süchten. Diese zeigen die Autoren in anschaulichen, angriffslustigen und amüsanten Bildern sehr genau auf. Manchmal reicht es einfach schon, genau hinzuschauen – und so den Maßstab zu verändern. Und dafür braucht es nicht mal ein wissenschaftliches Studium.

     

    | kommentar schreiben

    Name:
    Kommentar:

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    Zwischen Karikatur und Avantgarde

    Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter