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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 02:07

    Jurek Becker: Vernarrtsein in Worte, Verliebtsein in Sprache ...

    14.09.2009

    Letzte Worte

    In einer beeindruckenden Sammlung von Tondokumenten aus den Jahren zwischen 1989 und 1997 reflektiert Jurek Becker über das eigene Leben und den Stellenwert der Literatur in der Welt des Home-Entertainments. Von JÖRG AUBERG

     

     

    Am Ende seines letzten Interviews mit der Fotografin Herlinde Koelbl zog Jurek Becker ein bemerkenswertes Resümee seines Lebens. „Meine grundlegende Stimmung ist: Mein Gott, mach nicht soviel Theater“, sind seine letzten Worte in der Sammlung von Tondokumenten, die Christina Becker – gewissermaßen als Kompendium zu dem Textband Mein Vater, die Deutschen und ich (Suhrkamp 2007) – unter dem Titel Vernarrtsein in Worte, Verliebtsein in Sprache ... zusammengestellt hat. Aus einer vergangenen Welt taucht Beckers wunderbare Stimme des Einspruchs gegen die herrschenden Verhältnisse auf, ohne dass er sich selbst wichtigtuerisch in Szene setzt oder in egomanischer Manier über die Realität einer zunehmend von elektronischen Medien dominierten Gesellschaft erhebt.

    Das Verschwinden der Wörter

    In einem Ineinanderspiel von „Wirklichkeitssinn“ und „Möglichkeitssinn“ lotet Becker, der 1937 in Lodz geboren wurde und als Kind die Vernichtungslager Ravensbrück und Sachsenhausen überlebte, als „Außenseiter“ und „Eindringling“ die eigene Existenz im Gesellschaftsbetrieb aus. Im Sinne Sartres war Becker als Schriftsteller auch Intellektueller, der die jeweiligen Verhältnisse einer kritischen Prüfung unterzog. „Ich bin lieber Totengräber als Lakai“, schrieb Sartre 1947 in seinem programmatischen Essay Was ist Literatur?. In dieser gesellschaftskritischen Tradition agierte auch Jurek Becker, der in beiden deutschen Staaten als „geistiges Fehlprodukt“ negativ auffiel. Sowohl in der DDR als auch in der BRD blieb Becker – trotz aller Erfolge als Roman- und Drehbuchautor – ein „Fremder“, dem die ersten deutschen Worte „Alles alle“, „Antreten – Zählappell“ oder „Dalli-dalli“ stets im Gedächtnis blieben. Für Becker blieb die deutsche Sprache ein besonderes Terrain, und er war überaus empfindlich gegenüber der machtpolitischen Einebnung der Sprache, die nicht allein von den Zensoren der DDR betrieben wurde, sondern auch von den Kulturverwaltern in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, die von der Angst umfangen sind, ihr Publikum (das stets nur als Projektion existiert) zu überfordern, und so dem Rundfunk mit konzentrierter „Entwortung“ die sprachliche Reflexion austreiben. Indem sie in vorauseilendem Gehorsam vor dem vorgeblichen „Publikumsgeschmack“ das „Verschwinden der Wörter“ forcieren, entziehen sie nicht nur sich selbst die Existenzgrundlage. Als DDR-Dissident wollte man Becker als Kronzeuge gegen die Verhältnisse in der DDR in Beschlag nehmen, doch wenn er Zivilcourage bewies und mit gleicher Verve die Verhältnisse in der BRD kritisierte, wurde er als „Nestbeschmutzer“ abgestraft.

    Täter und Opfer

    Herz- und Glanzstück der Sammlung ist die „Warnung vor dem Schriftsteller“, eine Reihe von drei Vorlesungen, die Becker im Rahmen der Frankfurter Poetik-Vorlesungen im Sommersemester 1989 an der Goethe-Universität hielt. In diesem Mitschnitt des Hessischen Rundfunks sind im Gegensatz zur publizierten Form (Suhrkamp 1990) das wunderbare Timbre der Stimme Beckers, seine Nuancierungen, Betonungen, Verzögerungen, Beschleunigungen und leichten Versprecher wie auch die Reaktionen des Publikums zu hören. Im Zentrum dieser Vorlesungen steht die veränderte Rolle der Literatur und ihrer Produzenten in den gesellschaftlichen Verhältnissen in der DDR (die kurz danach verschwinden sollte) und der BRD. Während die Literatur in der DDR unter der Zensur litt, verlor sie nach Beckers Auffassung in der BRD durch die Ausbreitung der Medien- und Unterhaltungsindustrie ihren einstmals herausragenden Stellenwert und begann, allmählich ihr Bleiberecht einzubüßen und aus dem Fokus der Gesellschaft zu verschwinden. Ironisch thematisiert Becker diesen Prozess in der dritten Vorlesung, in der er von einem Freund berichtet, der nahezu all seine Bücher aus dem Wohnzimmer in den Keller verbannt, um Platz für das neue, weit um sich greifende Home-Entertainment zu schaffen.

    Dabei vertritt Becker jedoch keineswegs einen rückwärtsgewandten Kulturpessimismus, der gegen die technologischen Entwicklungen wettert und das Buch als besonders schützenswertes Gut um seiner selbst willen zum Fetisch erhebt. Im Gegenteil: Wenn er in einen Buchladen trete, bemerkt er, fühle er sich von Überflüssigem umzingelt. „In der freien Marktwirtschaft ist ein Buch ein Produkt wie jedes andere, es unterliegt keinen besonderen ethischen Regelungen“, heißt es in der zweiten Vorlesung. „Die Ware hat möglichst profitabel zu sein, ob sie nun Leberwurst oder Panzerfaust oder Buch heißt.“

    In den Augen Beckers war die Literatur längst Teil der Vergnügungsindustrie geworden, was allerdings nicht individuellen Verlegern oder Autoren anzulasten war: Vielmehr war dies das Spiegelbild einer gesellschaftlichen Entwicklung, in der Literaturproduzenten und Literaturkonsumenten zugleich Täter und Opfer und für die „Neigung zu Oberflächlichkeit und Denkunlust“ verantwortlich sind. Die Einlassungen Beckers sind von einer bemerkenswerten Aktualität: In den letzten zwanzig Jahren haben sich die beschriebenen Tendenzen noch weiter verschärft, da marktschreierische, angepasste Figuren den Markt dominieren und Literaturkritik zur Daumen-hoch/Daumen-runter-Dienstleistung verkommen ist. Die Ansprüche, die Becker an die Literatur, ihre Produzenten und ihr Publikum formulierte, scheinen heute wie aus einer fernen Vergangenheit – umso schmerzlicher wird eine Stimme wie diese vermisst.

    Eine Dimension exemplarischer Auflehnung

    Umrahmt wird die „Warnung vor dem Schriftsteller“ von dem Prosastück „Die beliebteste Familiengeschichte“ (produziert vom Deutschlandradio Berlin im Jahre 1996), in dem es um eine Geschichte vom Geschichtenerzählen mit erfundener Familie geht, und dem Essay „Mein Judentum“ aus dem Jahre 1978, in dem Becker sein komplexes Verhältnis als Mensch jüdischer Herkunft im Land der Verfolger und Mörder reflektiert. Den Abschluss schließlich bildet das eingangs erwähnte Interview mit Herlinde Koelbl, das leider um einige Passagen gekürzt wurde (die im Textband Mein Vater, die Deutschen und ich nachgelesen werden können). So stellt diese Sammlung von Tondokumenten Beckers einen bemerkenswert aktuellen Kommentar zur realen Situation dar und ist keineswegs allein aus historischen Gründen außergewöhnlich. In ihm kommt noch immer eine Dimension exemplarischer Auflehnung zum Ausdruck.

     

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