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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. April 2017 | 01:41

    Pruncks Hörladen: John Rabe

    29.06.2009

    Nazitum und Nächstenliebe

    John La Bei, wie die Chinesen ihn nennen, war Mitglied der NSDAP seit 1934 (Karteinummer 3401106), er war Ortsgruppenführer und entflammter Hitler-Verehrer, verdächtig deutsch, wenn es um Tugenden wie Ehre, Pflicht und Disziplin geht. Ein wohldisziplinierter Beamter, nach eigener Aussage. Und ein Mann, der acht Wochen lang ein echter Held war, ein Held der Menschlichkeit. H.-W. PRUNCK über den "guten Deutschen von Nanking".

     

    John Rabe, wie wir ihn nennen, ist ein Deutscher, wie man ihn hätte mögen können, wie es hätte mehr geben müssen. Ein Beispiel an Zivilcourage und ideologieüberschreitender Nächstenliebe, in der asiatischen Ferne, wo der japanische Verbündete ähnlich wütete, wie die Deutschen dies später in Europa noch übertreffen würden. Dabei ist er ein Stockkonservativer, kaisertreu, ein bürgerlicher Vorzeige-Nazi. Er schwärmt von Hitler als einem einfachen, schlichten Menschen wie du und ich. Diese naive Bewunderung für den Führer ist schon einigermaßen verwunderlich für einen Mann seines Intellekts: „Right or wrong – my country!“ lautet seine Devise, womit wir wieder mitten in diesem Mysterium sind, das sich unsere Generation einfach nicht erklären kann – und oft auch nicht mag.

    Aber genau dieser Mann, der die deutschen Widersprüche so offenkundig in sich trägt, wird von einem Technokraten zu einem Helden mit Nazifahne! Und genau diese seine Fahne, die Leben retten wird, weil sich schutzsuchende Menschen unter sie flüchten, ist so etwas wie die Engführung der Geschichte dieses seltsamen Mannes, ein absurdes Symbol.

    Bomben, Bajonette und Benzin

    Das Massaker von Nanking ist ein Ereignis, dass auch heute noch China und Japan extrem belastet. In ein paar Wochen nur gab es 300.000 tote Chinesen durch Bomben, Bajonette und Benzin. John Rabe errichtete in dieser Zeit eine zwei mal zwei Kilometer große Schutzzone für Nichtkombattanten. Und so schreibt Rabe Telegramme an Hitler. Seine Hoffnungen sind groß: Der Führer wird mich nicht im Stich lassen, denkt er. Doch die Antwort ist uneindeutig.

    Und so wird John Rabe als Quasibürgermeister von Nanking nicht alle Übergriffe der Japaner verhindern können. Aber er wird viel leisten in diesen schrecklichen Wochen. Warum, wird man sich fragen. Warum wird ein Anhänger des deutschen Herrenmenschentums zu einem humanitären Vorbild? "Ich kann nicht anders", schreibt er in seine Tagebücher, "wer einmal, an jeder Hand ein zitterndes Chinesenkind, stundenlang bei einem Luftangriff im Unterstand gesessen hat, wird das nachfühlen können.“

    In ihm entsteht angesichts der Gräuel, die sich ihm täglich bieten, ein Menschenbild, und zwar das Bild des „normalen“ Menschen, das die Japanischen Soldaten immer wieder ins Bestialische verzerren. Rabe selbst nahm in seinem Einfamilienhaus und auf seinem 500 qm großen Grundstück mehr als 650 Menschen auf, die ihn als lebenden Buddha verehrten.

    Gründliches Revidieren

    Am 15. April 1938 ist er zurück in Berlin nach mehr als 30 Jahren Chinaaufenthalt. Und schon marschiert sein Sohn in Österreich ein! Die kommenden Ereignisse deuten sich hier schon an, der aggressive Naziimperialismus, der den japanischen noch übertreffen wird.

    Er macht Vorträge in Berlin über die japanischen Kriegsverbrechen. Einen Bericht sendet er sogar direkt an Hitler, damit dieser die Japaner dazu bewegen soll, ihre Gräueltaten zu beenden. Daraufhin wird er von der Gestapo verhaftet und weitere Vorträge und Veröffentlichungen werden ihm verboten.

    Erwin Wickert, der Rabe persönlich kannte, sagt: "Er wollte ihn Hitler zeigen: Mit diesen Leuten können wir nicht zusammenarbeiten! Ein völliges Missverständnis Hitlers, den er für einen Mann hielt, den man mit humanitären Geschichten und humanitären Argumenten beeinflussen könnte." Denn Hitler hatte in Wirklichkeit nichts übrig für diese Menschenfreundlichkeit. Rabe muss sein Hitlerbild eines Friedensfürsten gründlich revidieren. Sein einziges Ziel ist es nun, entnazifiziert zu werden. Dies wird ihm nach einigen Anläufen denn auch gelingen, obschon man misstrauisch ihm gegenüber ist. Nach dem Krieg bekam er noch einige Care-Pakete von einem seiner amerikanischen Helfer aus dem Nankinger Komitee. Die Chinesen boten ihm sogar an nach China zurückzukehren. Unter der Voraussetzung allerdings, dass er gegen japanische Kriegsverbrecher aussagt. Doch Rabe will nicht, dass durch seine Aussagen Menschen hingerichtet werden, und so bleibt er im zerstörten Berlin, wo er 1950 einen Schlaganfall erleidet und stirbt, völlig verarmt und vergessen.

    Ein teilverblendetes deutsches Relikt

    Nahezu sechzig Jahre lang wusste kaum einer hierzulande von seinem Schicksal, wollte womöglich auch keiner etwas davon wissen, es hätte das Bild des tumben deutschen Mitläufers zu sehr verkompliziert - man suchte das elende Nazischwein und nicht den teilverblendeten Menschen, wie er noch dem deutschen Kaiserreich entstammte. Dann aber wurden die 2.500 Seiten seines Tagebuchs entdeckt, die ein ganz erstaunliches Dokument sind mit einer sehr untergründigen Provokation.

    Ulrich Tukur, der im Film diesen deutschen Hanseaten verkörpert, hat auch das knapp vierstündige Hörbuch eingesprochen. Ein Hörbuch, das ganz auf die stille Sprengkraft der Tagebucheintragungen vertraut, die zu gut Dreivierteln in Nanking spielen, zum Ende aber auch Rabes Kampf um Entnazifizierung beinhalten. Dieses Kapitel seines Lebens in die Produktion mit hinein zu nehmen, erscheint richtig und wichtig, wird doch hierdurch ein Lebenskreis geschlossen, indem John Rabe jeglichem ideologischen Traumgespinst abschwört und sich des einfachen Menschseins besinnt, wie er es gelebt hat und auf das er nun im zerstörten Deutschland auf das Elementarste zurückgeworfen ist. Viele mögen diesen Download vielleicht als eine Ergänzung zum Film sehen, eigentlich aber strahlt hier der Kern der gesamten Geschichte - schillernder als jede Filmfiktion dies für 15 Millionen Euro zustande bringt.

    H.-W. Prunck


    John Rabe. Der gute Deutsche von Nanking. Editiert von Erwin Wickert. Gelesen von Ulrich Tukur. Random House Audio 2009. 3 Audio-Cds. Laufzeit ca. 233 Minuten. 19,90 Euro.

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