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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 30. Mai 2017 | 11:07

    Pruncks Hörladen - Iwan Gontscharow: Oblomow

    15.06.2009

    150 Jahre Faulheit

    Natürlich ist Oblomow ein eingebildeter Kranker und ein Taugenichts, aber er ist auch ein Provokateur, der das "Hohelied der Faulheit“ anstimmt in Zeiten des beschleunigten Kapitalismus. H.-W. PRUNCK lauscht einem Klassiker.

     

    Vor einigen Tagen erfasste mich beim Durchblättern meines Literaturkalenders plötzlich bittere Melancholie. So viele Kreuze waren darin hinter Aberhunderten von Namen. Und auch die Fotos - verblichene Bilder von verblichenen Schriftstellern, leichenbleiche Bilder, die bald völlig ein Weiß des Vergessens sein würden... - So machte die Arbeit einfach keinen Spaß und standen den Kreuzen auch noch so viele Geburtssternchen zur Seite, sie würden sich ja doch auch bald in Sterbesymbole wandeln!

    Da fiel mein betrübter Blick - meine Augen schweiften sentimental über all die Werke der Gestorbenen, die meine Bibliothek bevölkerten, ein Regal voller Testamente - da fiel also dieser triste Fronleichnamsblick auf ein Buch: Erfundene Kunst von Koen Brams. Und meine Sorgen waren wie verflogen, denn dieses Buch beheimatete Figuren, die schon ihren 150. Geburtstag feierten und noch ihren 200. und 300. würden feiern können. Es waren die Kinder jener verblichenen Schriftsteller, Figuren, die ewig leben werden!

    Wie z.B. Oblomow, den Iwan Alexandrowitsch Gontscharow 1859 mit seiner Feder zur Welt gebracht hatte. Keine Sturzgeburt, bei Gontscharow ging alles immer sehr gemächlich. Er war beileibe kein Viel- oder Schnellschreiber. Aber er hat mit Ilja Iljitsch Oblomow eine unvergessliche Figur geschaffen von der Turgenew schrieb: „Solange es noch einen einzigen Russen auf der Welt gibt, wird man sich an Oblomow erinnern.“

    Warum? Was ist das Besondere an ihm? Das besonders Russische vielleicht? Gontscharow beschreibt seinen Helden so: „Oblomow war ein mittelgroßer Mann von zweiunddreißig, dreiunddreißig Jahren, hatte ein angenehmes Äußeres und dunkelgraue Augen, doch fehlte seinen Gesichtszügen jeglicher bestimmte Ausdruck und jegliche innere Spannung. Die Gedanken huschten frei wie Vögel über das Gesicht, flatterten in den Augen, ließen sich auf den halbgeöffneten Lippen nieder, versteckten sich in den Falten der Stirn und verschwanden schließlich überhaupt; dann leuchtete das ganze Gesicht im gleichmäßigen Licht der Sorglosigkeit. Vom Gesicht wanderte die Sorglosigkeit in die Posen des ganzen Körpers und sogar in die Falten des Schlafrocks. Im allgemeinen löste sich die ganze Erregung in einen Seufzer auf und erstarb in Apathie oder in Schläfrigkeit.“

    Oblomow ist ein Gutsbesitzer. Sein Gut zählt 300 Seelen und liegt weit entfernt von Sankt Petersburg, wo er seit zwölf Jahren seine Tage im Bett oder auf dem Diwan verbringt, seine weichen Pantoffeln immer treu zu seinen Füßen wie zwei kleine kuschelige Hündchen. Termine erledigt Oblomow grundsätzlich morgen. Er ist grundaufrichtig, aber abgrundtief faul.

    Hohelied der Trägheit

    Ja, Oblomow ist gewiss der trägste Mensch der Weltliteratur. Und genau diese grenzenlose Langeweile ist Gontscharows Grundthema, das im Russischen sogar sprichwörtlich wurde: die „Oblomowerei“ ist ein allmähliches Absinken ins Nichtstun, ein Sinken hin zum Tod, ja eine Vorstufe des Todes, aus der man keinen Ausweg mehr findet.

    Dabei scheint sich aber noch einmal eine Wende anzudeuten, als Oblomow mit der jungen Olga bekannt gemacht wird. Ihr gelingt es zunächst, die Apathie Oblomows aufzubrechen. Doch Oblomow ist gleichzeitig gerührt wie erschreckt von dieser Liebe, außerdem müsste er Verantwortung übernehmen, Entscheidungen treffen – all das überfordert ihn und so lässt er Olga gehen. Er heiratet lieber seine ungebildete Vermieterin Agafja, die ihm ergeben ist und ihn in seiner allumfassenden Lethargie umsorgt. Das Leben mit ihr empfindet Oblomow als Leben "in einem Goldrahmen", bis er schließlich erstirbt wie eine Uhr, die man vergessen hatte aufzuziehen...

    Man muss den Oblomow nicht als etwas spezifisch Russisches und spezifisch Zarenzeitliches lesen, man kann ihn durchaus auch zeitlos nehmen. Stellt er doch unsere gesamte Leistungsgesellschaft radikal infrage, unsere durchterminierte Welt, unsere Bizeps- und Fitness-Gesellschaft, in der alle im Stress und auf Diät sind! Natürlich ist Oblomow ein eingebildeter Kranker und ein Taugenichts, aber er ist auch ein Provokateur, der das "Hohelied der Faulheit“ anstimmt in Zeiten des beschleunigten Kapitalismus. Nehmen Sie ihn als Warnung vor der sinnlosen Betriebsamkeit unserer Welt! Oblomowerei ist nicht einfach zu verkürzen auf reines Phlegma, dieser Müßiggang ist das Glück der reinen Seele.

    Pausbäckigkeit in der Stimme

    Axel Milberg verkörpert all dies im Hörspiel Oblomow mit einer wunderbar pomadigen Schlurfigkeit und Pausbäckigkeit in der Stimme. Dazu bildet Otto Sander als Erzähler mit seinem reifen Organ einen ganz wunderbaren Kontrast. Und immer wieder summt eine Fliege dazwischen, das memento mori, die ständige Anmahnung des kommenden Todes.

    Regie führte Leonhard Koppelmann, ein Garant für gute bis ausgezeichnete Hörproduktionen. Und auch der DerAudioVerlag steht seit Jahren für ein wirklich hohes Produktionsniveau. Das Hörspiel ist vielleicht nicht sensationell, sondern eher grundsolide, unaufgeregt – eben ein wenig oblomowisch.

    Am besten trinken Sie während des Hörens dieses 160 Minuten langen Downloads Oblomows Lieblingsschnaps - Wodka auf Johannisbeerblättern: Geben Sie dazu in einen großen Topf 1 Liter Wodka, Gewürznelken, Zimt und 10 gesunde grüne Johannisbeerblätter. Zerdrücken Sie dann 1 Kilo schwarze Johannisbeeren und geben Sie sie dazu. Dann noch 750 Gramm Zucker und alles gut durchmischen. Füllen Sie diese Mischung in ein gut schließendes Glas und verschließen Sie es dicht. Dann an einer sonnigen Stelle einen Monat durchziehen lassen. Schütteln Sie ab und zu. Danach filtern Sie es durch ein Tuch – und fertig ist das oblomowsche Lebensgefühl, vorausgesetzt Sie tragen einen ausgefransten Schlafrock dazu.

    H.W. Punck


    Iwan Gontscharow: Oblomow. Die Kunst des Müßiggangs. Hörspiel. Regie: Leonard Koppelmann. Sprecher: Axel Milberg, Otto Sander u.a. Der Audio Verlag. 160 Minuten. 13,99 Euro (MP3-Download), 19,99 Euro (2 Audio CDs).

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