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Montag, 27. März 2017 | 10:40

Pruncks Hörladen: Karl Valentin

08.06.2009

Kampf des Dünnen mit der Sprache

Ich war diesen Mittwoch in München und wollte endlich einmal ins Karl-Valentin-Museum zum 50jährigen Bestehen. Und so schlenderte ich mit zwei Anheiterungsbieren im Blut, also munter gelaunt, hinunter zum Isartor - doch das Museum hatte zu! Auf dem Schild stand: Mittwochs geschlossen. Besichtigung, auch bei Regenschein, Tag und Nacht, nur von außen und zwar kostenlos. H.W. PRUNCK hört Valentin.

 

Museum war dort mit ä geschrieben und der Eintritt hätte mich 2,99 gekostet, ein 99jähriger in Begleitung seiner Eltern hätte sogar umsonst hinein dürfen. Die Öffnungszeiten gingen von 11:01 Uhr bis 17:29. Also alles knapp aber entscheidend am Normalen vorbei. So auch die Uhr auf der Außenseite des Isartors, die spiegelverkehrt läuft. Natürlich – hier wurden die Regeln unserer Zivilisation befragt, auf den Prüfstand gestellt. Valentin hätte vermutlich auch hier gefragt: Warum nicht auf den Prüfsitz gesetzt oder auf die Prüfliege gelegt? Und wenn jemand geantwortet hätte: Weil es halt so heißt. Hätte er gesagt: Ja, wenn es halt so heiße, dann könne er es ja auch halt so anders nennen.

Diese kurze kostenlose Außenbesichtigung hatte mir – wie Sie hören können – einen valentinschen Appetit gemacht. Und so wollte ich mich zuhause mit zwei Weiterheiterungsbieren und einem Download trösten. Da gab es bei Claudio zum einen eine fünfteilige Valentin-Höredition nach Themen zusammengestellt: "Karl Valentins wahrhaftige Weltbetrachtung", "Karl Valentin und die Gesundheit", "Karl Valentin und die Frauen", "Karl Valentins sprachliche Wirrungen" und "Karl Valentin und die Musik". Insgesamt rund 400 Minuten, was mir jedoch ein wenig zu lang war – später vielleicht, jetzt wollte ich etwas, das mich mitten ins Valentinsche hineinkatapultierte: Und da war es – „Sie sind ein witziger Bold!“ ein Live-Mitschnitt eines Themenabends zum 125. Geburtstag des Meisters der "Unsinnsfabrikation" – wie es hieß, mit Christine Urspruch, Edmund Jäger und Peter Lohmeyer, die den weltlustigsten Schlaks ehren wollen, einige seiner Werke interpretieren und aus seinem Leben erzählen – eine Art biographischer Valentinaden-Rührtopf. 75 Minuten - die perfekte Länge, und nur 9,95 Euro. Und das Beste: Edmund Jäger macht als Pseudo-Valentin sofort die richtige Laune.

Klar ist die beleidigt!

Lohmeyer hat die Aufgabe, die biographischen Daten zu präsentieren und Urspruch gibt den Gesprächspartner, die Liesl Karlstadt also, die immer den Hintergrund bildete, vor dem das komische Genie zur absurden Entfaltung kam. In dieser Konstellation waren Sie am erfolgreichsten, doch beinahe wäre es schon zu Anfang gescheitert, denn Valentin war zwar Experte in Bühnendingen, jedoch alles andere als charmant zu Elisabeth Wellano, wie Liesl Karlstadt eigentlich hieß:

"Sie, Fräulein, Sie sind als Soubrette aufgetreten. Des is nix. A Soubrette muß ganz keß sein, die muß an Busen haben. Des is nix für Sie. Aber Sie sind sehr komisch, Sie müssen sich auf das Komische verlegen."

Klar ist die beleidigt! Welche vom Bühnenerfolg träumende junge Dame wäre das nicht gewesen? Aber nach großem gemeinsamem Publikumserfolg ändert sie schließlich ihre Meinung. An guten Abenden improvisieren sie sogar spontan auf der Bühne, dabei ist Liesl immer auch Souffleuse für das Nervenbündel Karl Valentin, dem auch nach Jahren noch die Angst im Nacken hockt und das Lampenfieber schüttelt. Die Zusammenarbeit mit Valentin wird für Liesl Karlstadt immer schwieriger. Sie versucht sich sogar durch einen Sprung in die Isar das Leben zu nehmen, wird jedoch gerettet und kommt in eine Nervenklinik. Sie erholt sich auf sehr moderne Art- sie "steigt aus" und pflegt zwei Jahre lang Maultiere bei den Gebirgsjägern in Tirol. 26 Jahre dauert diese furiose Partnerschaft insgesamt, weswegen das Musäum jetzt auch „Valentin Musäum, zur Erinnerung an Karl Valentin und Liesl Karlstadt“ heißt.

Ach ja - und Valentin bitte immer mit f gesprochen – das ist wichtig, man sagt ja auch nicht „Für Wolk und Waterland“, gut das sollte man eh nicht sagen, erinnert es doch zu sehr an unsere Zeit unter dem Führer, von dem Valentin sagte: „Wie gut, dass der nicht Kräuter heißt!“ Bekannt sind auch seine Bühnenworte „Heil…, heil…, heil…! ja wie heißt er denn nur – ich kann mir einfach den Namen nicht merken.“

Es ist diese intellektuelle Volktümlichkeit, die er verkörpert! Also das Intellektuelle ist natürlich immer vom Depperten verdeckt: „KV bedient sich bewusst eines weiß-blauen Stumpfsinns und ist nur versehentlich in die Seelenverfassung eines Hamlet geraten", sagte Wilhelm Hausenstein über ihn.

Nicht umsonst haben Biermösel Blosn und Gerhard Polt am 18. Februar 2007 anlässlich seines 125. Geburtstags erstmals den Großen Karl Valentin Preis verliehen bekommen.

Scherben auf Spielplätze

Valentin ist das Aushängeschild Münchens geworden, ein Grund vermutlich, warum diese Großstadt immer noch so gemütlich daherkommt. Man nimmt diese Millionenstadt in einer gewissen harmlosen Urigkeit, in einer dörflichen Heiterkeit wahr – durch ihn! Dabei geht auch ein makabrer Zug durch Valentin: so hat er als Kind Scherben auf Spielplätzen ausgestreut, weil er Verletzte brauchte, um seine Sanitäterfantasien ausleben zu können. Er baute eine einwandfrei funktionierende Miniatur-Guillotine, er suchte Erfolg mit einem Lach- und Grusel-Kabinett, über das der Schriftsteller Eugen Roth sagte: „Die Ungeheuerlichkeiten dieses verbohrten Hirns, dieses kranken Gemüts übertrafen weit meine schlimmsten Befürchtungen“.

Karl Valentin muss ein anstrengender Mensch gewesen sein, so anstrengend wie seine Sketche, die oft auf Überanstrengung der Geduld setzen. „Meine Frau stellte trocken fest, dass ich nach weiterer Arbeit mit Valentin bald auch vollreif sei für psychiatrische Behandlung", meinte ein Produzent.

Karl Valentin lehnte sogar ein Filmangebot aus Hollywood ab, da ihm die Reise nach Amerika nicht geheuer war, Taxifahrern gab er hohe Trinkgelder, damit sie Schritttempo fuhren. In Zügen wollte er in der Lok sitzen, damit er sehen konnte wohin sie fuhr. Trotz all dieser Vorsicht hat er sich immer wieder kopfüber - vielleicht wäre herzüber hier passender - in neue Projekte gestürzt, die größtenteils danebengegangen sind.

Er ist also nicht ohne Tragik, unser magerer Held, unser bayrischer Don Quichotte. Und als sein geliebtes München in Trümmern liegt, thematisiert er diesen Wahnsinn. Aber sein Pessismmismus und seine Melancholie erreichen das Publikum nicht – man will Ablenkung und kein mahnendes Skelett!

Bei einem Gastspiel im "Bunten Würfel" erkältet sich Karl Valentin bei der Übernachtung in der ungeheizten Garderobe. Er holt sich eine Lungenentzündung und stirbt am 09.02. - es ist Rosenmontag!

Miniaturdarstellung des Daseinskampfes

Valentin war ein Vorbild für viele Komiker, denken Sie nur mal an Didi Hallervorden: „He, he, palim, palim, ich hätte gerne eine Flasche Pommes frites!“ Eine Flasche Pommes – das ist das Erbe Karl Valentins, gut, das ein wenig heruntergekommene Erbe. Aber noch der Abklatsch hat das Zeug zum Klassiker!

Dada ist hier nicht unwichtig, aber wichtiger ist vielleicht noch der eulenspiegelsche Sprach-Anarchismus. Dabei ist der Kampf des Dünnen mit der Sprache und den Dingen ja nur eine Miniaturdarstellung eines größeren Daseinskampfes.

Karl Valentin war Komiker, Stückeschreiber, Wortakrobat, Schauspieler, Filmemacher, Handwerker, Sammler, Philosoph, Museumsdirektor, Volkssänger, Avantgardist, Bewahrer, Sammler und Kritiker der Verhältnisse – alles zu sehen im Karl-Valentin Musäum, nur nicht mittwochs, und einiges davon zu hören mit dem Download Sie sind ein witziger Bold.

H.W. Prunck


Karl Valentin: Sie sind ein witziger Bold. Lebensbeschreibung und Valentinade. Gesprochen von Christine Urspruch, Edmund Jäger und Peter Lohmeyer. Random House Audio 2009. 74 Minuten. MP3-Download: 9,95 MP3. 1 CD: 14,95 Euro.

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