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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 02:05

    Audio: Pruncks Hörladen - Uwe Tellkamp: Der Turm

    01.06.2009

    Der zundrige Hochsitz

    Ein Buch von 1000 Seiten eine halbe Million Mal verkauft? Ich dachte zuerst, der achte Band von Harry Potter ist draußen! H.-W. PRUNCK hat ins Buch gehört.

     

    Und meine Ahnung war gar nicht so falsch. Der Turm - ich meine, daraus hätte ein ordentlicher und geschäftstüchtiger Lektor doch auch den „Turm von Askaban“ machen können. Und dann der Untertitel: „Geschichte aus einem versunkenen Land“. Typischer Anfängerfehler! „Das versunkene Land“ hätte doch viel knackiger geklungen!
    Was ich eigentlich sagen wollte: Ich hätte nie gedacht, dass das deutsche Bildungsbürgertum so zahlreich ist, dass der Suhrkamp-Verlag mal so viele Bücher verkaufen würde.

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    Zu Beginn geht einer aufwärts zu jenem Turmviertel, nach dem der Roman benannt ist: Christian, siebzehn Jahre alt, mit Akne und schwülstigen Liebesträumen geschlagen. Und die Häuser, zu denen er hinauftreibt, scheinen sich aneinander zu schmiegen, als seien sie in Bedrängnis.

    Und das sind sie auch, denn im Turmviertel wohnt das Bürgertum - eine gesellschaftliche Klasse, die in der DDR eigentlich nicht vorgesehen ist. Doch selbst in einem Arbeiter und Bauernstaat besteht Bedarf an Richtern, Wissenschaftlern und Ärzten. Und die widmen sich weiter der Kunst und Kultur, was auch heißt, es werden alte Werte konserviert, Werte die nicht in diesen Staat passen wollen. Der Anspruch beispielsweise, jedem bei der Suche nach seinem individuellen Platz zu helfen. In der DDR gilt aber Klassenbewusstein und Linientreue, Ideologie statt Individualität.

    Und so sickert der sozialistische Alltag allmählich ein in diese letzte Dornröschen-Bastion, in der es geradezu wimmelt von Verfallsmetaphern, sickert aber auch ein in die Psyche seiner Protagonisten – exemplarisch dafür steht eben die Geschichte Christians.
    Der will Arzt werden, wozu er außer einem exzellenten Abitur, aber auch noch vorweisbares sozialistisches Engagement benötigt, d.h. Freiwilliger Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee, wo es eine „Brille“ wie er nicht leicht hat, bis er schließlich wegen staatsfeindlicher Äußerungen im Gefängnis landet – im dunklen einsamen Herzen des Systems.

    Es ist die Zeit zwischen Breschnew und Gorbatschow, von der da berichtet wird, die letzten sieben Jahre eines Unrechtstaates, historischer Spätherbst sozusagen. Müder Abgesang.
    Der Turm, sagt Tellkamp, ist zunächst einmal die Bezeichnung für das Stadtviertel, in dem der Roman spielt. Dann ist an den Elfenbeinturm gedacht, auch an Goethes ‚Turmgesellschaft‘ natürlich. Aber man kann ebenso an den Babylonischen Turm denken, der einstürzt, an die Sprachverwirrung, die am Ende der DDR vorherrschte, die Kakophonie.

    Der Turm ist eigentlich der „Weiße Hirsch“, so heißt das Dresdner Viertel nämlich wirklich. Man schaut von dort hinab durch Baum und Busch ins Elbtal und über die gesamte Stadt – ein atemberaubend schöner Blick! Sofort kommen einen da elitäre Gefühle an, elfenbeinerne Abgehobenheit – und schwupps – wo sind wir in der Literaturgeschichte? Genau, auf dem thomasmannschen Zauberberg. Früher war der weiße Hirsch sogar ein Kurgebiet, Sie sehen also - auch das Sanatorische ist gar nicht weit. Und dann noch diese Zeitspanne, sieben Jahre, und das zähe Hinlaufen dieser Jahre auf eine große Wende. Bei Mann der Erste Weltkrieg, bei Tellkamp die Wiedervereinigung. Der Zauberberg ist übrigens bis in den Wortlaut hinein nachweisbar. Papperlapapp also der ewige Buddenbrooksvergleich.

    Entledigung unerwünschter Leserschaft

    Und dann ist da noch dieser sprachliche Gestus zu Anfang, ganz so als wolle sich Tellkamp auf elitäre Weise gleich mal einer unerwünschten Leserschaft entledigen. Auf den ersten fünfzig Seiten suhlt er sich nämlich geradezu durchs Pathos.
    (Ja, Adjektive sind wahrhaft eine süße Obsession, das ist die Pralinenfabrik des Literaten – doch es wird einem mitunter schnell übel bei deren Verzehr - und sei noch so viel Edelschokolade dabei.)

    Doch aus diesem wortaufgedunsenen Anfang magert dann allmählich der eigentliche Roman heraus. Glaubt man sich in den ersten zwei Stunden noch ins 19. Jahrhundert zurückversetzt, in eine behagliche, deutsche Erzählung. Adalbert Stifter kommt einem in den Sinn, die stillen Landschaften, die Baumdunkelheiten, prachtsatte Villen mit kühlenden Gärten – so wird dieser bürgerliche Realismus dann plötzlich von DDR-Realismus abgelöst, hart und ungeschönt.

    Falls Tellkamp tatsächlich vorhatte, sich mit diesem Roman an eine bestimmte Leserschaft zu wenden, sagen wir mal die ZEIT-Abonnenten, dann ist ihm das nicht gelungen: Der Turm ist mittlerweile ja zum Volksbuch geworden! Da kann sich Tellkamp noch so dämliche Mützen aufsetzen oder überall rumerzählen, Tschechow sei ihm im Traum erschienen und hätte den Text redigiert! Oder auch diese Geschichte hier: Wie ich Dichter geworden bin. Tellkamp verbreitet nämlich die wundersame Begebenheit, am 16. Oktober 1985 um 15:30 Uhr seine Berufung zum Schriftsteller entdeckt zu haben: Er habe just an diesem Tag in seinem Garten die Schönheit roter Rosen entdeckt und dieses Bild in Versen ausdrücken wollen. Nach einer Stunde hatte er ein Ergebnis – jedoch Prosa.
    Sagen wir mal so, Tellkamp weiß inzwischen die Viola der künstlerischen Verschrobenheit schon recht gut zu fiedeln... Dazu gehört auch diese Aussage:

    Der moderne Dichter, wie ich ihn verstehe, ist wie der Dom-Baumeister. Er ist wie diejenigen, die sich aufmachten, Kap Hoorn zu umsegeln oder einen Seeweg nach Indien zu finden, zwangsläufig pathetisch – was er in Kauf nehmen kann, wenn es ihm gelingt, die grundlegenden menschlichen Empfindungen wieder zu gestalten.

    Genau diese Art von Kulturversunkenheit ist es natürlich, die auch den gesellschaftlichen Widerstand der Turmgesellschaft ausmacht, eine Art metaphysischer Aufmüpf gegen die real existierenden Zumutungen des real existierenden DDR-Sozialismus.

    Am 4. Dezember 1982 setzt der erzählerische Countdown ein und währt sieben Jahre, wie im Märchen, unwirkliche Zeit – und unwirklicher wurde dieser Staat ja auch zunehmend - bis zu jenem Moment, wo eine neue Zeit beginnt, der 9. November 1989, der Tag, an dem die Mauer fiel.

    Und von dieser neuen Zeit will Tellkamp später erzählen, in einem Folgeroman, dasselbe Personal, agierend in Leipzig zur Zeit der Nachwendejahre. Der Turm ist also noch nicht groß genug, er ist nur ein Teil eines viel größeren Romanprojekts.

    Eine auf die Rumpfgeschichte amputierte Hörbuchfassung

    Es gibt Kapitel in diesem Buch, die würde ich ihrer Großartigkeit wegen am liebsten ganz zitieren, so z.B. das Karbisinsel-Purgatorium, Christians Zwangsarbeit. Aber Tellkamp bedient sich überhaupt eines enormen Arsenals an literarischen Mitteln. Reflektionen, Bewusstseinströme, Tage¬buchnotizen, reine Dialog¬passagen, Briefe, weitufernde Beschreibungen. Und wirklich nur selten geht es ihm über die 1000 Seiten etwas wirklich daneben.

    1000 Seiten mal 2-3 Minuten pro Seite Lesezeit müssten eigentlich so 2000-3000 Minuten Hörbuch ergeben, unseres vom Hörverlag ist jedoch gerade mal 600 Minuten lang. Wie wurde hier vorgegangen. Die Lösung ist offensichtlich: Die Lesefassung konzentriert sich ganz auf den Protagonisten Christian und sein Erwachsenwerden. Das übrige Hauptpersonal wird weigehend ausgeklammert. Und Christians Leidensgeschichte hat ja auch Kraft! Sie kuriert wirklich von jeglicher schwülen DDR-Sehnsucht. Ja, diese mittlerweile schwer erträgliche und immer angekomischter und o­nkeliger daherkommende Ostalgie wird nun endlich durch eine energische Ostmoderne weggefegt! Und dafür schon mal den besten Dank, lieber Uwe Tellkamp!

    Die 600 Turmminuten liest untadelig der Schauspieler Sylvester Groth, der neben seiner Theaterkarriere auch in zahlreichen Fernseh- und Kinofilmen mitgewirkt hat. So hat er 2007 den Kritikerpreis für die Darstellung des Joseph Goebbels in Mein Führer erhalten, was vielleicht auch der Grund war, warum er ihn in Tarantinos Inglorious Bastards wieder gibt.

    Man muss sich aber schon fragen, welchen Sinn es macht, den Textkorpus derart zu amputieren auf eine Rumpfgeschichte, auf einen vom Ornament befreiten Stumpf? Denn dies führt das Ansinnen des Turms, sein eigentliches Seinwollen ad absurdum. Ja, ich gehe so weit: Wäre das hier auch der Buchtext gewesen, es hätte ja niemals einen solchen Erfolg feiern dürfen, sondern wäre hochvermutlich in die Senke der Wahrnehmung geschwappt.

    Für alle jedoch, die 1000 Seiten oder 3000 Minuten zu mächtig finden, ist das Hörbuch natürlich eine Alternative. Aber zu welchem Preis? – 20,99! – Materialist! Ich meine zu welchem ideellen Preis? Zum Preis der Verstümmelung. Denn dieses Buch will ja ein Mammut sein, willl Kraftanstrengung! Keine übliche Sainsonware, zu der es hier ein wenig verkommt, zu einem Türmchen oder bestenfalls einem zundrigen Hochsitz noch.

    Nicht, dass sie mich falsch verstehen, der Roman ist groß. Und nicht zu Unrecht hatte Iris Radisch in Klagenfurt gesagt, nein ausgerufen, ja proklamiert! „Ich glaube, wir haben einen großen Autor entdeckt“.

    Da proklamiere ich gerne mit. Und dennoch fürchte ich ein wenig, dass sich hier ein Autor schon früh verpulvert hat, das Kanonenrohr auf unbestimmte Zeit hohl. Tellkamp wird lernen müssen, mit der literarischen Flitsche auf Spatzen zu schießen. Und wenn Sie mich fragen, ich glaube, bald kommt ein Tellkamp-Gedichtbändchen heraus, das sich ganz bescheiden geben wird: Das Breisgau liegt an der Elbe oder Gespräche deutscher Rückkunftler oder Die Mütze der Muse – so ähnlich wird es heißen. Seien Sie versichert.

    Hanns-Werner Prunck


    Uwe Tellkamp: Der Turm. Geschichten aus einem versunkenen Land. Gekürzte Fassung. Gelesen von Sylvester Groth. Regie von Steffen Moratz. Der Hörverlag 2009. 582 Minuten. 20,99 Euor (MP3 Download), 29,99 (8 CDs).

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