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    Dienstag, 30. Mai 2017 | 11:07

    Pruncks Hörladen: Blees / von Marschall: Obama

    04.05.2009

    Es begann vor 146 Jahren...

    Kennen Sie Awe Kooda bilaxpak Kuuxshish? Nein? Doch, garantiert, er ist nämlich seit mittlerweile 100 Tagen Präsident - nicht von Spitzbergen – von Amerika. Zugegeben, er ist wohl etwas bekannter unter dem Namen Barack Hussein Obama. H.W. PRUNCK über ein Obama-Hörbuch von Christian Blees.

     

    Awe Kooda bilaxpak Kuuxshish ist übrigens ein Indianername, ein Ehrenname und eine Adoptionsbescheingung der Crow, den Obama neben seinen sieben Ehrendoktorwürden noch erhalten hat, und er bedeutet: „der den Leuten im Land hilft“, was – wenn man einmal ganz ehrlich ist – ganz schön dröge klingt, jeder amerikanische Soldat im Irak und in Afghanistan würde das von sich sagen: „Tür auf, Hände an die Wand! Ich bin´s, euer Awe Kooda bilaxpak Kuuxshish!“ Also ich hätte eher ein „der die Ära Bush nach nur 100 Tagen Amtszeit völlig in die Tonne der Vergessenheit getreten hat“ erwartet oder zumindest ein „der gut in die Badehose passt“.

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    Ja, dieser „der den Leuten mit 800 Milliarden $ hilft“ ist mittlerweile schon ganze 100 Tage im Amt. Diese Zeit ist natürlich nur so eine dämliche journalistische Gnadenfrist und ein erstes Abrechnungsdatum für einen neuen Amtsinhaber, um zu sehen, ob er sich eingearbeitet und vielleicht schon erste Erfolge hat. Und tatsächlich: er prescht mit Riesenschritten voran - ganz so, als wolle er nicht nur den Leuten im Land, sondern gleich der ganzen Welt helfen.

    Ich nenne ihn ja am liebsten: Martin Luther Kennedy. Weil mich, wenn ich ihm zuhöre, immer so etwas Pastorales ankommt, also in seinen schwachen Momenten, in den starken ist er der junge Prophet, der Heiland aus dem Fitnesscenter, der Künder der Rucola und Tee-Diät, der Hallelujah-Man. Wenn ich ihn höre, dann muss ich zugeben: So habe ich mir immer einen knackigen Südstaatengottesdienst vorgestellt. „Yeah, Barack, a brighter day will come!” Und er tut gut an diesem heiligen Schmackes: Denn 90 Prozent aller US-Bürger glauben an Gott, 70 Prozent sind Mitglieder einer religiösen Organisation, 38 Prozent engagierte Christen und natürlich glauben wesentlich mehr US-Bürger eher an Engel denn an die Evolution. Klar muss er auf diese biblische Hupe drücken!

    Und innen- wie außenpolitisch ging es ja auch schon mächtig zur Sache: Teilverstaatlichung, Klimaschutz, Bürgerrechte, Türkei in die EU, Handschlag mit Venezuelas Präsident Hugo Chávez, Atomabrüstung, Öffnung gegenüber Kuba, Gesprächsangebote an den Iran – seien wir mal ehrlich, da hört man doch schon langsam das Wort „Sozialist“ herandonnern. Wenn Obama so weitermacht, muss er in zwei Jahren ins Exil – nach Nordkorea.

    Aber noch ist es nicht so weit, noch ist er unser großer Anti-Bush mit seinem politischen Programm. Wobei „Change“ jetzt aber nicht unbedingt ein besonders dezidiertes Ziel ist. Aber vielleicht ist ja einfach alles besser als der alte Bush-Trott, also macht Obama einfach eine Bush-Politik ex negativo? Warum nicht? Wenn Bush der unbeliebteste Präsident war, der jemals das Oval Office bevölkerte, dann ist das Gegenteil von seiner Politik garantiert ein Erfolg.

    Aus lauter demoskopischer Verzweiflung haben die Republikaner mit Michael Steele jetzt erstmals einen schwarzen Parteichef gewählt und hoffen, dass der Erfolg Obamas abfärbt. Ich verstehe nur nicht ganz, wie man als Schwarzer Republikaner sein kann. Von unseren Hartz-IVlern wählt doch auch keiner FDP. Oder ein deutscher Türke in der CSU, der mit schwarzem Schnauzer im weißen Bierschaum versunken singt: „In München ist der Muslim z´haus - ein, zwei, Yussuf!“ Also, ich würde mir die Visagistin von Steele wirklich noch einmal genauer ansehen wollen...

    Aber spielt Obamas Hautfarbe eigentlich eine Rolle? Spielt Hautfarbe überhaupt eine Rolle? Schwarz-Weiß, das sind doch Denkweisen der ollen Bush-Administration! Auch Obamas Realität und Erfahrung hat damit wenig zu tun. Denn die einzige Diskriminierung, die Obama je erleben durfte, war nicht gerade traumatisierend: Eine Frau dachte, sie würde vom kleinen Obama verfolgt, bis sie darüber aufgeklärt wurde, dass er in eben dem Appartement-Haus wohne, in dem sie auch wohne.

    Viel Vertrauen in die Zukunft

    Die Produktion Barack Obama von Christian Blees und Christoph von Marshall erschienen bei Audiobuch bietet einen interessanten Blick auf den Werdegang eines einmaligen Aufsteigers, wie ihn nur dieses pathosliebende Amerika hervorbringen kann. Und Christoph von Marshall ist überdies Obama-Biograph, er begleitete sogar den werdenden Präsidenten auf dessen Wahlkampftour. So hat er einen tiefen Einblick gewinnen können in die Person Obama. In dessen Stärken, aber auch in dessen Schwächen.

    Das wichtigste an Obama könnte vielleicht aber dies sein: Er nimmt mit seiner anpackerisch-patriotischen Art dem schwarzen Rapper-Klischee der ewigen Aufsässigkeit und des latenten wie offenen Sexismus natürlich voll die Luft aus den dicken Hosen! Jetzt wollen sie alle Präsident werden, DJ White House, Grandmaster Change, MC Hope und nicht mehr mit der Stretch-Limo voll basspumpender Subwoofer und zehn bekokster und knapp bekleideter Ho´s durchs Ghetto cruisen, nachdem sie die konkurrierende Drogengang mit ihren Goldketten erdrosselt oder in den Wahnsinn sprechgesungen haben.

    Obama kommt vielleicht nicht sozial, aber emotional aus einer durchaus privilegierteren Ecke, ohne Schmach und ohne alle Galle, aber mit viel Vertrauen in die Zukunft – das macht diese Person aus, diese Botschaft schwitzt er mit jeder Pore aus. Und es ist fast unheimlich, wie sich seine biographischen Stationen zu einem Gewinnergesamtbild fügen. Aber vielleicht hatte er diesen Aufbruch bei gleichzeitigem Pragmatismus schon in den Genen: Obamas Vater nämlich stammte aus Kenia und gehörte zum Volk der Luo. Die Luo praktizieren keine Beschneidung, weder bei Mädchen noch bei Jungen, was für die anderen Ethnien Kenias völlig undenkbar ist! Gut, dafür hatten die Luo den Brauch, den Heranwachsenden die vorderen Schneidezähne auszubrechen. Aber bei den Eltern geht es weiter: Sie heirateten 1961 in Hawaii, als in anderen Teilen der USA Ehen zwischen Schwarzen und Weißen noch verboten waren. – Das ist Bürgermut! Und dann lebte Obama noch drei Jahre im größten muslimischen Land der Welt: Indonesien, also zumindest abends, denn tagsüber besuchte er eine Kapuziner-Schule. Vielleicht hat all das, all diese kleinen biographischen Details, die uns dieses Hörbuch näher bringt, Obama zum großen Versöhner gemacht, der er heute ist.

    Glück hatte er jedoch auch, zwei seiner unmittelbaren Konkurrenten hatten Sexskandale und mussten zurückziehen. Aber seine Gegner waren oft auch nicht sonderlich geschickt: Alan Keyes z.B. verglich Obamas Wähler mit denen der NSDAP und ließ sich zu dem Satz herab, Jesus würde Obama nicht wählen. Das ist schlicht zu schlicht. Selbst für die ganz einfache Coca-Cola-Masse. Und so kam es denn, wie es kommen sollte, musste, ja, nicht anders durfte: Am 10. Februar 2007 verkündete Obama in Springfield seine Präsidentschaftskandidatur, genau dort, wo Abraham Lincoln die Abschaffung der Sklaverei gefordert hatte. Beide Träume, die unmittelbar zusammenhängen, sind schließlich in Erfüllung gegangen. Der eine vor 146 Jahren, der andere vor gerade mal 100 Tagen.

    H.W. Prunck


    Christian Blees / Christoph von Marschall: Barack Obama. Ein Gespräch mit Originalzitaten. 71. Minuten. MP3 Hörbuch Download. 9,95 Euro.

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