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Carlos Ruiz Zafón: Der Schatten des Windes

16.04.2009

Der Charme des Morbiden

Sowohl die öffentlich-rechtlichen Anstalten als auch die meisten Hörbuchverlage (in diesem Fall der WDR und Der Hörverlag) fühlen sich auf der sicheren Seite, wenn Hörspiele auf der Grundlage vielfach erprobter literarischer Bestseller produziert werden. Von TINE BRÜMMER

 

Neben der Spezies des so genannten Originalhörspiels, das direkt für die Produktion als Hörspiel verfasst wird, erfreuen sich Literaturadaptionen überaus großer Beliebtheit. Der Streit der Radioästheten und Hörspielsachkundigen, ob nun das Originalhörspiel das wahre und richtige Hörspiel ist und alles andere nur Audiokultur zweiter Klasse, geht bis in die Anfänge des Hörspiels zurück. Fakt ist, dass Literaturbearbeitungen schon immer auf den Sendern zuhause waren. Und auch heute noch sind Adaptionen von Literaturvorlagen aller Art ein enorm wichtiger Bestandteil der Hörspielproduktion.

So war es also wohl nur eine Frage der Zeit, bis Carlos Ruiz Zafóns 600 Seiten starker Roman Der Schatten des Windes eine Hörspielbearbeitung erfährt. Diese legt der WDR nun in Zusammenarbeit mit dem Hörverlag vor. Damit das Hörspiel die gut konsumierbare Länge von 150 Minuten erreicht und auf zwei CDs passt, musste recht stark gekürzt werden. Und zwar so, dass die eher ausufernde Handlung des Romans auf die detektivische Suche nach einem geheimnisvollen Autor eingedampft wurde.

Dem Hörspielbearbeiter und Regisseur Martin Zylka oblag also wahrlich keine leichte Aufgabe. Für die Bearbeitung des erfolgreichen Romans wurde Matthias Schweighöfer als Daniel und Erzähler verpflichtet. Daneben sind Michael Habeck als Fermin Romero de Torres und Sylvester Groth als Julián Carax und Laín Coubert zu hören.

Genre-Mix: Detektivgeschichte, Liebesroman, Gruselstück

Durch das Antiquariat des Vaters hat der junge Daniel die Liebe zu den Büchern früh entdeckt. Noch als Kind nimmt ihn der Vater zum „Friedhof der vergessenen Bücher“ mit. An diesem geheimen Ort darf er ein Buch wählen, dass von nun an seiner Obhut unterliegt. Jenes Stück Literatur nimmt ihn derart gefangen, dass er Nachforschungen zu seiner Herkunft und zu dessen Autor Julián Carax anstellt. Die sich entwickelnde Obsession beginnt sein Leben und das seiner Freunde zu bestimmen. Daniel stößt auf Geheimnisse, Tabus und Ungereimtheiten, die ihn jedoch nicht abschrecken. Fasziniert geht er allen Hinweisen nach – auch dann noch als sich die detektivische Suche nach den Puzzelteilen dieses fremden Schicksals als gefährliches Unterfangen herausstellt. Längst Vergangenes tritt wieder zutage und über allem schweben die Geister der großen Liebe, der wahren Freundschaft und der verbitterten Feindschaft. Zafóns Roman ist ohne Zweifel das, was man gemeinhin einen Schmöker nennt – ein wilder Ritt durch literarische Genres und die Gesellschaftsschichten eines vergangenen Barcelonas. So einiges davon konnte sich – abgesehen von ein paar Leerstellen und dramaturgischen Tücken – in die Hörspielfassung hinüberretten.

Ein Ohrenschmöker


Der Schatten des Windes startet gemächlich, legt aber in Sachen Spannung im zweiten Teil noch zu. Dabei lebt das Hörspiel im Wesentlichen von der Erzählfreudigkeit der Figuren – es muss schließlich viel erzählt und erklärt werden. Die Einzelheiten um Carax, um seine Gegenspieler und Verbündeten sind verworren und undurchsichtig. Der Fokus liegt stark auf der Wiedergabe der Handlung. Die akustische Umsetzung ist schlicht, fast sparsam. Streckenweise gleicht das Hörspiel dann doch eher einer szenischen Lesung. Zu hören gibt es also ein gefälliges Hörspiel mit leichtem Gruselfaktor – die solide Umsetzung eines erfolgreichen Schmökers, ohne Extravaganzen, dafür aber auch ohne erwähnenswerte Raffinessen.

 

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