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    Montag, 24. April 2017 | 01:42

    Pruncks Hörladen: Die Stammheim-Tonbänder

    06.04.2009

    Der unsouveräne Staat

    Ganz zu Recht hat dieses Tondokument, zusammengestellt von Maximilian Schönherr und erschienen bei DAV, dem Audio-Verlag, den begehrten Hörspielpreis 2009 gewonnen. Weil es uns so eindringlich wieder in ein 30 Jahre zurückliegendes Gebiet hineinführt. Von H.W.PRUNCK

     

    Ist Ihnen vielleicht kürzlich beim Joggen Christian Klar über den Weg gelaufen? Also, ich wäre beim Joggen mächtig zusammengezuckt und völlig aus dem Laufrhythmus gekommen. Oder haben Sie Brigitte Mohnhaupt schon einmal in einer Kochsendung gesehen? Aus lauter hilflosem Voyeurismus würde ich wohl nicht mehr umschalten können. Oder kennen Sie die Stimme von Andreas Baader? Bislang hätte ich "Nein" gesagt, hätte mich nicht eine neue Produktion von Maximilian Schönherr, die sich mit der RAF befasst, jäh aus dem Dornröschenschlaf der wohlmeinenden Bürgerlichkeit gerissen - die sensationellen Stammheim-Tonbänder.
    Stammheim, Sie wissen schon, dieses Flädle-Guantanamo, neben der Mauer das gewaltigste Zeichen der Schwäche, das Deutschland je erbaut hat, manisch bis zum Anschlag. Ich kann Ihnen nur raten, besuchen Sie das mal. Da ist jeder Trollinger-Rausch sogleich verflogen! Und dann dieser lichtlose Gerichtssaal. Keiner hatte je die Möglichkeit dort hineinzuhorchen, bis, ja bis diese ominösen Bänder auftauchten. Und da hörte ich plötzlich die Stimme von Andreas Baader, einem Menschen, den man von angstmacherischen Plakaten kannte mit der Aufschrift "Vorsicht Schusswaffe" darunter und von dem man wusste, dass er seinen durchgeknallten Terroristinnenharem auf eher unemanzipierte Art und Weise im Griff hatte. Und dann redet der plötzlich. Und je länger man hinhört und seinen revolutionären Ausführungen lauscht, desto stärker überkommt es einen, dieses hilflose, doch unruhigmachende Gefühl namens "Hä"?

    Aber der Star dieses sensationellen Downloads ist ein ganz anderer, Sie kennen ihn noch aus dem Sabine Christiansen-Parlament und wegen seiner angeditschten Schnittlauchfrisur: Otto "Justice" Schily, der Innenministerzombie. Wie Otto Schily in Stammheim auftritt, ist wirklich ein Erlebnis. Ein junger Anwalt, der inmitten von völlig überforderten Richtern, und unverständlich-weltfremden Weltumwälzern, seine Chance wittert - und sie nutzt. Und er wird es schließlich sogar schaffen, den vorsitzenden Richter Prinzing mit insgesamt 85 (!) Befangenheitsanträgen aus dem Sessel hinauszubeantragen...

    Unser Rechtssystem, aller Ehrengewänder entkleidet

    Insgesamt sind diese Tonbänder so faszinierend wie unerträglich, weil wir hier die fehlende Souveränität des Staates so hautnah erfahren dürfen. Ja, man hat fast das Gefühl, dass hier nicht gegen die Terroristen verhandelt wird, sondern dass der Rechtsstaat auf den Prüfstand gestellt wird - und sich dabei leider nicht sonderlich gut schlägt.

    Ganz zu Recht hat dieses Tondokument, zusammengestellt von Maximilian Schönherr und erschienen bei DAV, dem Audio-Verlag, den begehrten Hörspielpreis 2009 gewonnen. Weil es uns so eindringlich wieder in ein Gebiet zurückführt, das wir mit ca. 30 Jahren Abstand schon hinter uns gelassen wähnten. Aber diese Geister sind stark, weil wir ihnen noch nie so nahe waren, wie auf dieser Produktion. Stärker noch, weil sie uns unser eigenes Rechtssystem aller Ehrengewänder entkleidet vor Augen führen und die Grenzen unseres rechtlichen Systems, ja vielleicht unseres Gerechtigkeitsverständnisses aufzeigt, in dem Maße wie wir es gerade auch im wirtschaftlichen Sinne erfahren.

    Falls Sie noch zögern, sich noch nicht bereit fühlen sollten für diese Bänder, weil Sie sich vielleicht auch mehr Vorwissen wünschen, so bieten sich hier drei weitere Downloads an, von denen einer besonders hervorsticht, das 80 minütige RAF-Feature von Peter Ochs. Es heißt schlicht Die RAF und ist letztes Jahr im Hörverlag erschienen. Es hat gegenüber dem kürzeren und etwas anspruchsloserem Feature von Heiko Petermann aus dem Argon Verlag (RAF. Die erste Generation) den Vorzug, dass es etwas ausführlicher ist und sich gleichzeitig auch lebhafter und animierender ausnimmt. Zudem bleibt Ochs nicht bei der ersten Generation RAF stehen, sondern sieht ein wenig weiter in die Historie hinein.
    Das viel längere und viel teurere FAZ-Dossier RAF: (Baader-Meinhof und die Folgen) dagegen krankt an geradezu dinosaurisch zu bezeichnender dokumentarischer Trockenheit und allzu großer FAZ-Bezogenheit.

    Aber allem voran stehen die Stammheim-Bänder: Ein unglaubliches Stück Echtheit gegen die etwas zweifelhafte Verpopung im Film Der Baader-Meinhof-Komplex.



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