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    Sonntag, 30. April 2017 | 11:02

    Pruncks Hörladen: Bichsel/Häusermann: Matrosen...

    30.03.2009

    Herz der melancholischen Helligkeit

    Das Hörspiel Matrosen übrigens halten Tauben für Zugvögel von Ruedi Häusermann nach Texten von Peter Bichsel hätte viel mehr Aufmerksamkeit verdient, als ihm bislang zugekommen ist. Ja, es ist von der Kritik praktisch komplett übergangen worden - ein kulturbetrieblicher Fehler, den H.W.PRUNCK korrigiert.

     

    Die eigentliche Kunst besteht demnach in der Komposition oder Collagierung der Bichsel-Texte und auch darin, ein irgendwie Ganzes daraus zu fabrizieren, etwas Sinnhaftes, das nicht aufeinander abfolgt wie die Texte einer Anthologie, die irgendwie thematisch verkittet sind, sondern so, dass es sich gegenseitig bereichert und schließlich zusammenklingt.

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    Häusermann kennt seinen Bichsel sehr gut und wildert nicht darin herum, sondern arbeitet eine ganz eigene Geschichte aus den ihm zur Verfügung stehenden Fragmenten heraus, in unserem Falle ersteht daraus die Geschichte eines Mannes, der sich vor lauter Ärger ordentlich einen hinter den Knorpel schlippert bzw. ins Jackett gießt oder auch kellertief in die Kannen steigt - also säuft, um schließlich am Bett eines unbekannten Sterbenden zu stranden. Und so geht es ganz schnell - im Wortumdrehen quasi - in dieser heiteren Parade plötzlich ums große Ganze: die Sinnhaftigkeit aller Existenz.

    Doch Häusermann ist nicht nur Regisseur, sondern Musiker zudem. Und so hat er sich zu den großartigen Rezitatoren noch das "Weshalb-Forellen-Quartett" eingeladen. Das heißt übrigens wirklich so und es verdankt seinen Namen einem Robert-Walser-Abend namens „Weshalb Forellen in Rapperswil essen, wenn wir im Appenzeller Land Speck haben können", das übrigens unter der Regie eben jenes Ruedi Häusermann entstand. Ihm müssen wir insgesamt dafür dankbar sein, hier kein Nummernkabarett mit Höchstanspruch vollführen zu wollen, quasi eine Lappensandale für die nächste Olympbekletterung zusammenzuschustert, nein, er hat es wahrlich geschafft, ins Herz der bichselschen Helligkeit vorzudringen.

    Ungeheuer aufrichtende Melancholie

    Was sagte noch Tilman Rammstedt vorletzte Woche auf der Leipziger Messe so bewundernd über Bichsel, diese ungeheure Melancholie, die er in nur zwei, drei Sätzen erzeugen kann, die aber immer irgendwie aufrichtend wirkt, nie ins Depressive abrutscht, weil sie sich auch das Beklemmendste stets aus der Perspektive der Liebe besieht. Bichsel berichtet von Einfachem, von Tagesumwelt, vom Nächsten - und das meine ich hier in dinglicher wie in kreatürlicher Weise. Alle bichselsche Fiktion klingt dabei immer auch so unglaublich echt, auch sprachlich. Nichts Überhobenes ist darin, viel Schlichtheit, aber eben auch so viel Aufmerksamkeit: diese Paarung macht ihre intensive Menschlichkeit aus.

    Die literarische Bichsel-Welt scheint dabei durchaus klein, schweizerisch klein, sie reicht vom Wirtshaus zum Spital. Aber dieser scheinbar so eng ummessene Lebensraum, weist Unmengen an Ab- und Umwegen auf, unabsehbare wie unerwartbare Kreuzpunkte von Lebenslinien - so reich sind die Momente des "einfachen Lebens“. Und genau das wird musikalisch übernommen, weiter- und dann mit dem Text zusammengeführt.

    Vom Klassischen ins Wiegeliedliche

    So wird ein musikalisches Motiv zunächst quakend-verkindlicht - eine Art Herunterbrechung des Klassischen ins Wiegeliedliche -, dann folgt die Ausführung dieses Motivs bis hin zu einem Hochpunkt der Erhabenheit, um dann ins Falsche, Schräge und Raue abzugleiten, bis nur noch ein Störton bleibt.

    Der Umgang des „Weshalb-Forellen-Quartetts“ mit dem musikalischen Material ist immer vorbehaltlos. Und so kommt es auch, dass die dominierende Melodie der Produktion ein alter Kommersbuchschlager ist. Kommersbücher? Burschenschaften, Männerchöre, deutsches Volksliedgut - dieses ganze dunkle Gloria. In der Schweiz heißt das Kommersbuch übrigens noch archaischer, nämlich Kantusprügel. Aber vor all diesen Assoziationen hat Häusermann, hat das Quartett keinen politischkorrekten Bammel, nein, sie heben eine Melancholie aus diesem völkischen Abgrund, das man eine echte Freude hat an diesem Leidensgefühl. Es sind auch keine komödiantischen Verhunzungen, und das „Weshalb-Forellen-Quartett“ hobelt auf seinen Streichinstrumenten kein behaglich biedermeiersches Gekratze. Die Musik arbeitet nur nach der Rauheit der Texte, einer treffsicheren Rauheit, wie die Skizze oft genauer trifft als das Ausgemalte.Matrosen übrigens halten Tauben für Zugvögel ist eine Produktion, die viel mehr Aufmerksamkeit verdient, als ihr bislang zugekommen ist. Sie ist von der Kritik praktisch komplett übergangen worden - ein kulturbetrieblicher Fehler, den Sie mit Ihrem Download nun korrigieren können.


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