TITEL kulturmagazin
Dienstag, 28. März 2017 | 12:10

Pruncks Hörladen: Enigma Emmy Göring

02.03.2009

Die Biederkeit des Bösen

Voller Anspruch ist dieses Hörspiel von Werner Fritsch ohne Zweifel, doch spricht es auch an? Ja!, sagt H.W.PRUNCK.

 

Die Oscarverleihung verpasste mir mal wieder den rechten Tritt in die rechte Körpergegend - Ein deutscher Kurzfilm hat gewonnen: Spielzeugland. Darin folgt ein Junge den Lügen seiner Mutter in Richtung KZ, wo er einen Freizeitpark erwartet. Da war es also wieder: Nazideutschland! Aber was heißt eigentlich "wieder"? Guido Knopp sorgt mit seinem Faktensturm auf allen Sendern ja für quasi permanente Präsenz des dritten Reichs- doch Fakten sind eben etwas nur Verknappendes, hier möchte man sogar sagen Verknoppendes..

Beitrag hören

Die Antwort von Regisseur Freydank darauf mit seinem Kurzfilm Spielzeugland wie auch die von Werner Fritsch mit seinem monologischen Hörstück Enigma Emmy Göring, um das es hier gehen soll, liegt jenseits dieser Art von Infotainment. Es geht nicht um die Fülle, Komplettheit und Richtigkeit von Daten, sondern um die Kraft der Fiktion: Sie trifft nämlich oft so viel schwärzer und tiefer - und das gilt es sich in einer Zeit der grassierenden Quiz- und Wissenssendungen wieder vor Aug, in Ohr und unter die Hirnrinde zu führen.

Das etwa einstündige Hörspiel Enigma Emmy Göring tut genau das. Es ist ein fiktiver Monolog, geschrieben von Werner Fritsch, ein Monolog, der von der Kritik gerne "furios" genannt wird, was also bedeuten soll, dass er hitzig, begeisternd, leidenschaftlich, ja eigentlich wütend ist. Aber Emmy Göring, diese First Lady des deutschen Reiches, die den Titel "Hohe Frau" tragen darf, weil Adolf seine Eva so versteckt hielt, ist ja so viel mehr als nur wütend. Wir hören hier der Milchschokoladadenkönigstochter Emmy, der Gretchendarstellerin mit hohlem Zahn, der obrigkeitshörigen wie machtgeilen Fanatikerin bei ihren verlogenen Erinnerungen zu.

„Die meisterhafte Komposition von Text und Stimme, Geräusch und Musik setzt uns mit beklemmender Intensität der Spannung zwischen Kitsch und Terror aus." so urteilte die Jury. Kitsch und Terror als Pole, das ist stark. Und alles, was Emmy Göring erzählt, ist tatsächlich von grässlicher Harmlosigkeit, von monströser Biederkeit, von hündischer Raubtierhaftigkeit, womit dieser Monolog denn auch ins eigentliche Herz des nationalsozialistischen Deutschland oder besser: in den Eiterherd des Faschismus vorstößt.

Nähkästchenhafte Verhübschung der Nazi-Ungestalten


Die Besetzung der Emmy Göring durch die Sprecherin Irm Hermann ist auch so ein Volltreffer der Produktion: "Ich musste eine simpel gestrickte Frau vorstellen, die natürlich auch auf eine Karriere aus und vom Theater besessen war. Sie wollte ja immer alle großen Rollen spielen. Und sie hat in Hermann Göring ihre große Chance gewittert." sagt sie. Hermann arbeitete bis 1966 als Sekretärin beim ADAC, dann setzte sie Fassbinder in seinem Kurzfilm Der Stadtstreicher ein. Sie wurde zur Mitbegründerin des antiteater und wirkte noch in über 20 Fassbinderproduktionen mit, bevor sie sich von ihm emanzipierte. Sie war eine Art Standardbesetzung für die mürrische, schmallippige, deutsche Spießerin. Später spielt sie jedoch auch immer mehr komische Rollen, und genau diese Mischung aus Fassbinder und Loriot ergibt dann in Enigma Emmy Göring den speziellen Tonfall, die schockierend-naive Plauderei, die nähkästchenhafte Verhübschung der Nazi-Ungestalten.

Während die Philosophin Hannah Arendt angesichts des Dritten Reichs und seiner Verbrechen noch von der "Banalität des Bösen" schrieb, müsste man hier von der "Biederkeit des Bösen" sprechen - und da hinein mischt Irm Herrmann noch diesen Operettenton, den Belcanto der Barbarei. Das klingt vielleicht leicht, doch über die Studioarbeit sagte sie: "Wir haben täglich nur drei, vier Stunden gearbeitet. Mehr ging gar nicht. Sich in diese Emmy Göring hineinzubohren kostet viel Kraft."

Preisgekrönt

Die Produktion ist zugegebenermaßen schon etwas älter, sie ist vom SWR aus dem Jahr 2006. Das Buch zum Hörspiel ist dann 2007 im Suhrkamp Verlag erschienen. Preise kassiert sie aber immer noch, zuletzt den Hörbuchpreis 2009 in der Kategorie "Beste Interpretin". Können sich so viele Jurys irren? Voller Anspruch ist die Produktion ohne Zweifel, doch spricht sie auch an? Ich würde sagen ja, denn genauso müsste es gewesen, wenn man Emmy Göring an ihrem Lebensabend in München in einem Sessel neben dem Bild ihres geliebten Herrmann sitzend und Pralinen naschend gebeten hätte: "Nun erzählen Sie doch mal, gnädige Frau. Wie war das denn damals?”

Doch es geht hier nicht um die verbrämte Nostalgie einer Verblendeten, das Hörspiel hat auch noch eine hübsche Pointe in petto, einen Seitenhieb auf die heutige Medienwelt.

"Du wirst ewig im Gedächtnis der Menschen bleiben! Eure Politik wird künftighin ständig in den Illustrierten, im Rundfunk, im Fernsehen zugegen sein. Eure Philosophie wird selbstredend unter dem durchsichtigen Deckmäntelchen demokratischer Aufklärung allgegenwärtig sein. Und je mehr Sender ihr Sermonsammelsurium den Leuten um die Ohren schlagen und unsere Zeit somit zum Zerstreuungslager machen, umso mehr wird sich jeder Sender mit jedem Sender im Wettstreit darum befinden, wer die höchste Einschaltquote hat. Wer aber hatte die höchste Einschaltquote aller Zeiten in Deutschland?"

Die schnauzbärtige und seitengescheitelte Antwort kennen Sie natürlich.



Beitrag hören





Weitere Folgen von Pruncks Hörladen




 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

... bis sie dann gestorben sind.

Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

Musik in Schwarz-Weiß

Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

Zwischen Karikatur und Avantgarde

Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter