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Pruncks Hörladen: Thomas Bernhard

16.02.2009

Der Erzkomödiant

Bernhard verkörpert den literarischen Widerspruch, denn der Finsterling war auch ein großer Spaßmacher - nicht nur ein Ernstmacher. H.W.PRUNCK hat sich diese Woche zwei Bernhard-Biografien angehört, die als Hörbücher heruntergeladen werden können.

 

Haben Sie sich vielleicht schon einmal gefragt, warum es in den letzten 20 Jahren so brav läuft in der Literatur? Es schmökert sich doch recht gemütlich dahin, nicht wahr? Völlig skandallos. Na gut, da war Thor Kunkels Endstufe vielleicht oder Maxim Billers Esra. Und man vermieste den Deutschen zunehmend der Deutschen liebste Schreiber: Walser ein Antisemit, Grass ein Doppel-Sler.

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Vor genau 20 Jahren starb Thomas Bernhard. Und das ist der eigentliche Grund für die gemütliche Friedhofsruhe im Literaturbetrieb. Bernhard war nämlich DER fleischgewordene Literaturskandal. Er verkörperte sie geradezu, die Aufrührung - wofür man ihn einerseits gehasst, andererseits aber ebenso geliebt hat. Er kannte die wunden Punkte der Gesellschaft nur zu gut, amüsierte sich über sie und litt an ihnen, litt so lange bis er starb. An Herzversagen im katholischen Gmunden im Salzkammergut. Mit nur 58 Jahren hinterließ er ein wahrhaft gewaltiges Werk, eines, das abgesehen von einigen Gedichtbänden, in schlussendlich nur zwei Jahrzehnten entstanden ist, sich aufgehäuft hatte - aus Erregung, wie er sagte. Und noch sein Testament, das allerletzte schriftliche Zeugnis, verkündet diese Auflehnung, die zumeist eine gegen Österreich war.

Manch einer war wohl froh drum, dass er endlich tot war und endlich "a Ruh gab: „Hinaus aus Wien mit dem Schuft!" intonierte etwa Jörg Haider. Ja, Bernhard war der "negative Staatsdichter" und gleichzeitig wohl bedeutendste Autor der österreichischen Literatur nach dem 2. Weltkrieg. Anlässlich der Verleihung des österreichischen Staatspreises sagte er: »Wir sind Österreicher, wir sind apathisch; wir sind das Leben als das gemeine Desinteresse am Leben«. Es kommt zum Eklat. Einige Preise wird Bernhard zwar noch annehmen, doch dann verweigert er selbst den Vorschlag zum Literaturnobelpreis.

Bernhard verkörpert den literarischen Widerspruch, denn der Finsterling war auch ein großer Spaßmacher - nicht nur ein Ernstmacher. Er zeigt uns, was Literatur sonst noch ist, noch sein kann, vielleicht sein muss, erregt und erregend vor allem, kompromisslos und nicht betäubend, lullend, irgendwie gemach. Zwei Biographien stehen uns dabei einführend als Download zur Verfügung. Da ist zum einen aus der Reihe "Portrait" eine Biographie von Joachim Hoell gelesen von Hermann Beil.

Die Mannschaft passt, denn Hermann Beil erweist sich als wirklich guter Bernhard-Vorleser, er ist selbst Regisseur und Dramaturg für Peymann, so groß ist also die Nähe zu Thomas Bernhard, der ihm sogar drei Dramolette schreibt. Auf Zitate des Autors muss dabei nicht extra verwiesen werden, sie lassen sich vom Hoell-Text problemlos unterscheiden. In elf Kapiteln stellt uns Joachim Hoell einen Autor vor, in dem eine tief verletzte Kinderseele mit einem wachen und kritischen Geist koexistiert. Hoell legt dabei ein wenig mehr Wert auf die Entstehung des Werks, den Kern des Schaffens, den inneren Motor. Manfred Mittermayer konzentriert sich dagegen in seiner Produktion mehr auf äußere Ereignisse, auch auf Menschen um Bernhard herum. Als solches sind beide Biographien natürlich durchaus als ergänzend zu verstehen und zu hören.

Mittermayers Biographie aus dem Jahr 2006 ist einen Deut länger, dafür auch ein wenig gehetzter und unpersönlicher, nicht zuletzt durch den Einsatz von drei Sprechern statt nur einem. Bei Beil merkt man jedoch die größere Nähe zur Person Bernhard und auch zum Sujet an sich, bei Mittermayer ist es eher eine etwas beliebige Veranstaltung mit austauschbaren Sprechern, ein wenig seellos und fleißarbeiterisch. Es nervt auch, dass er komplett sein will, akribisch, ja sogar jedes Werk von Bernhard irgendwie bekommentiert. Eine Minute für Heldenplatz z.B. Diesen etwas stinkigen Schuh zieht sich Hoell mit seiner Biographie gar nicht erst an.

Jegliche Kommunikation scheint zum Scheitern verurteilt


Bernhards Erregungen, seine innere Wut kommen stets in den Monologen seiner Theaterfiguren und den Gedanken seiner Ich-Erzähler zum Vorschein. Die typischen Werke Bernhards bestehen sogar fast zur Gänze aus Monologen dieser Einzelgänger oder Außenseiter, dieser Menschen, die Zuflucht im Selbstgespräch suchen.

Auch in den Dramen finden wir eine ähnliche Konstellation. Die Monologisierenden sind dabei durchweg „Geistesmenschen“, die in langen Schimpfonaden gegen die „stumpfsinnige Masse“ Stellung beziehen. Das dialogische Prinzip der Bühne wird hier konsequent ad absurdum geführt. Jegliche Kommunikation scheint zum Scheitern verurteilt.

Ein besonderes stilistisches Merkmal von Bernhards Prosa ist eine Technik der Übertreibung. Beim »Demokratischen Volksblatt« erlernt er das Handwerk des Schreibens und versteht sich hier schon als »Übertreibungskünstler«. »Wenn drei Tote waren, warn´s bei mir immer sieben, es hat die Auflage gehoben.«

Bernhards Werke haben - nicht zuletzt durch seine musikalische Ausbildung am Mozarteum - eine große melodische Wirkung auf den Lesenden oder Hörenden. Und seine Werke sind, verglichen mit anderer avantgardistischer Literatur, zumeist sehr gut verständlich, da Bernhard dem Schwierigen stets Alltägliches, gerne auch Banales gegenüberstellt. "Bernhards Erzählungen sind zwar finster, doch nicht unbedingt grimmig. Denn er ist ein heiterer Tragiker, ein makabrer Humorist, ein lachender Rebell". sagt Marcel Reich-Ranicki im Begleitheft zu Holzfällen. Oder wie es Ulrich Weinzierl ausdrückte: "Irgendwann wird sich allgemein herumgesprochen haben, dass der tragische Autor Thomas Bernhard, in dessen ästhetischem Reich die Sonne nicht aufging, ein Erzkomödiant war."


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