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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 02:05

    Marion Oelmann erklärt den Expressionismus

    29.01.2009

    Die heiligen Avantgarden

    Marion Oelmann erzählt in einer neuen Hörbuch-Reihe Geschichten über moderne Kunst – und verfällt dabei leider der tradierten Fabel von einer teleologischen Entwicklung hin zur Abstraktion. Von SEBASTIAN KARNATZ

     

    „Die Malerei des Expressionismus: Die Kunsthistorikerin Marion Oelmann erzählt die Geschichte hinter den Bildern.“ In knapp 70 Minuten übrigens. Ein Grundkurs Kunstgeschichte zum Hören? Eine lebendige, gänzlich unakademische, also im wahrsten Sinne des Wortes farbige Einführung in die faszinierendsten Kunstepochen? Kann so etwas denn überhaupt funktionieren? Daran darf zunächst einmal getrost gezweifelt werden. Denn eine Geschichte der Malerei zum Hören kann in den seltensten Fällen mehr bieten als Geschichten über Malerei. Für höhere Ansprüche fehlt diesem Medium schlicht und ergreifend eine für ausführlichere Kunstbetrachtung durchaus nicht unwichtige Komponente – die Bilder selbst. Da hilft es auch nichts, dass der CD ganze fünf Werke als Bilddateien angefügt sind.
    Aber zumindest mangelnde Konsequenz kann man Marion Oelmann kaum vorwerfen: Wo Heerscharen zeitgeistiger Bildwissenschaftler den Primat der Visualität postulieren und doch nur auf eine im Medium der Schrift ausgearbeitete Theorie des Bildes abheben, setzt sie auf eine populärwissenschaftlich abgewandelte Version der alten Strategie des berühmten Vitenschreibers Giorgio Vasari: Ihre Erzählung von der Kunst gliedert sich in flotte kleine biographische Künstleranekdoten. Und dementsprechend bildet diese Programmatik als typographisch leicht abgewandeltes Bonmot dann auch tatsächlich den Titel der vorliegenden Hörbuch-Reihe: KUNSTGeschichten.

    Der Murnauer Kreis

    Aber dies muss nicht unbedingt ein Nachteil sein. Die Mehrzahl der kunstinteressierten Hörer dürfte sich ohnehin weit lieber mit Ernst Ludwig Kirchners erotischer Potenz als mit hochtheoretischen bildwissenschaftlichen Spezialthemen beschäftigen wollen. Und für eben jene Hörer ist Oelmanns Einführung in die Malerei des Expressionismus (wahlweise auch in die Kunst des Impressionismus, des Surrealismus und in das Bauhaus) gemacht. Sie weiß den Hörer durchaus zu unterhalten und gibt ihm auf angenehme Art und Weise einige Grundkenntnisse über die jeweilige Epoche mit auf den Weg zum nächsten Museumsbesuch – dies ist ohne Zweifel nicht das schlechteste Konzept der Kunstvermittlung.
    Allerdings neigt die Kunstgeschichten-Reihe gerade im Detail zu groben Unstimmigkeiten. So werden die mit dem Almanach „Der Blaue Reiter“ assoziierten Künstler, also Kandinsky, Marc, Klee, Feininger usw., anfangs bedenkenlos „der Murnauer Kreis des Blauen Reiters“ genannt. Zwar berichtigt sich Oelmann später zum Teil selbst – der Blaue Reiter sei „kein Kreis im eigentlichen Sinn“ –, die Rede vom Murnauer Kreis bleibt jedoch im Kern bestehen. Dass man Murnau getrost auch durch Sindelsdorf und am sinnvollsten durch München ersetzen könnte, ist der kleinste Fehler in dieser unseligen Diktion. Denn dass es sich bei der Redaktion des Almanachs „Der Baue Reiter“ – dies wäre die korrekte Benennung – eigentlich nur um die beiden Herren Wassily Kandinsky und Franz Marc handelt, verschweigt uns Oelmann vollkommen.

    Eine tradierte Erzählung


    Nun könnte man diese Kritik als Wortklauberei abtun. Die großen Bögen, die kulturgeschichtlichen Grundlagen – all das verfolgt Oelmann immerhin durchaus mit Anspruch. Doch ihre oftmals merkwürdige faktische Ungenauigkeit passt leider auch zu ihrem sehr einseitigen Kunstverständnis: Oelmanns Weltbild ist das Weltbild der klassischen Avantgarden. Ihre Kunstgeschichten stehen unter dem Herrschaftszeichen der Teleologie. Hier regieren Brüche, hier wird pausenlos etwas Bahnbrechendes erfunden und Altherbrachtes umgestürzt. Dies ist aber nur eine Version der Geschichte der modernen Kunst. Es ist die tradierte Erzählung der Modernisten, der vorgängerlosen Umwälzungen in der Kunst des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. In diesem System gehen der modernen Malerei ihre größten Köpfe verloren: Pablo Picasso, Max Beckmann, Salvador Dali – sie alle existieren in dieser Erzählung vom heilsgeschichtlichen Weg hin zur Abstraktion nur am Rande. Weite Teile ihres Werkes fallen als figürliche Anachronismen schlichtweg durch das Raster.
    Werner Haftmann hat in seiner – trotz allem immer noch lesenswerten – Geschichte der Malerei im 20. Jahrhundert den Grundstein zu dieser genuin deutschen Lesart gelegt. Er erzählt darin implizit von einem Land, das durch die bestialisch-dilettantische Kunstpolitik der Nationalsozialisten den Anschluss an die Moderne verloren hat; von einem Land, das nun Tribut zu entrichten hat und deswegen umso entschlossener dem Gott der Abstraktion huldigen muss.
    Nach all den Deutungskämpfen um die „richtige“ Moderne sollten wir über diesen Punkt jedoch inzwischen hinaus sein. Richtungsweisende Studien haben beispielsweise längst den engen Zusammenhang der frühen Brücke-Graphik mit der Kunst des Jugendstils bewiesen. Auch der scheinbare Antagonismus von Moderne und Klassizismus ist schon lange nicht mehr aufrechtzuerhalten. Die Malerei Manets, Degas oder Picassos wäre schließlich ohne das Studium des Klassizisten Ingres nicht denkbar.

    Brüche, soweit das Auge reicht


    So verschenkt Oelmann ihr durchaus lobenswertes Konzept an eine längst überholte Kunstauffassung, die lieber radikale Brüche postuliert, als historische Zusammenhänge sauber aufzuarbeiten. Da hilft es auch nichts, dass Frank Arnold den Text routiniert vorträgt – mit einer Mischung aus ruhiger Erzählung und wissensdurstiger Neugier. Es ist eben jene Neugier des Hörers, die es verdient hätte, mit mehr als einer Standarderzählung der Avantgarden abgespeist zu werden. Marion Oelmann jedenfalls wird dem Hörer diese andere Geschichte der Moderne nicht erzählen können.
    Wo im Übrigen die ‚radikalen Brüche’ des Expressionismus hinführten – ins Museum –, hatten die Dadaisten schnell erkannt. So heißt es in Raoul Hausmanns Manifest von 1918:

    „Unter dem Vorwand der Verinnerlichung haben sich die Expressionisten in der Literatur und in der Malerei zu einer Generation zusammengeschlossen, die heute schon sehnsüchtig ihre literatur- und kunsthistorische Würdigung erwartet und für eine ehrenvolle Bürger-Anerkennung kandidiert.“


    Aber dies ist Teil einer anderen Erzählung.

     

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