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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 02:07

    Audio: Pruncks Hörladen

    26.01.2009

    Adam und Evelyn

    Schulze zelebriert einen Stil der Bescheidenheit, der niemals großtut und sich nie wortgewaltig in den Vordergrund spielt. Eine Hörbuch-Kolumne von H.W.PRUNCK.

     

    Haben Sie die Amerikaner gesehen? Diese Obamania? Diese Vereidigungsparty? Alle waren emotional völlig besoffen, so besoffen, dass sogar Mr. Cool himself sein Sprüchlein verbaselt hat. Nach der Ausnüchterung wurde es dann am nächsten Tag sicherheitshalber wiederholt.
    Und wir? Wir vergessen vor lauter neu entflammter Amerikaliebe unsere eigenen Jubiläen völlig. 60 Jahre friedliches und demokratisches und prosperierendes – nee, das lassen wir besser weg – und davon 20 Jahre wiedervereinte Bundesrepublik, zwei Deutschlands – oder wie ist eigentlich der Plural von Deutschland? Deutschlande, klingt wie Niederlande, oder Deutschländer …? Egal, – zwei deutsche Länder haben wieder zusammengefunden. Und jetzt kommt die ausgefuchste Überleitung – auch Adam und Evelyn, die zwei Hauptfiguren von Ingo Schulzes neuem Roman, versuchen wieder zueinanderzufinden.

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    Adam hat ein großes Talent, er hat ein Auge für die versteckte Schönheit der Frauen. Sein Handwerk ist die Schneiderei. Und selbst füllige, rubenssche Körper weiß er mit seinen Kleidern und Kostümen in hochsinnliche Wesen zu verwandeln. Und haben sie sich dann zu neuen Schönheiten entpuppt, fotografiert Adam sie. Bei Dir werde sogar ich fotogen, seufzt eine dicke Mittvierzigerin, bevor sie mit ihm auf den Zuschneidetisch sinkt … Für Adam sind diese Liebeleien bedeutungslos. Für seine Partnerin Evelyn nicht. Und gemeinsam mit Freundin Mona und deren Westcousin Michael flüchtet sie aus der DDR an den Plattensee. Adam macht sich in seinem alten Wartburg hinterher. Was bleibt ihm auch übrig? Denn er will, dass alles so bleibt, wie es bislang war, er hat sich eingerichtet in diesem Leben. Und jetzt muss er Evelyn vielleicht bis an das Ende der Welt nachfahren, in diesen elektrisierenden Wochen vor der Wende, als Tausende von DDR-Bürgern nach Ungarn fuhren, nicht für einen Campingurlaub am schönen Balaton, sondern in der leisen, aber großen Hoffnung, die Ungarn würden ihre Grenzübergange nach Österreich öffnen. Und dann öffnen sie sich tatsächlich! Evelyn sieht darin die Chance, ein neues Leben zu beginnen, eines, in dem sie nun selbst die Wahl hat.

    Adam und Evelyn, die zwei Deutschlands, die Wiedervereinigung, die Bibel, das Paradies, „Und Gott der Herr machte Adam und seinem Weibe Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.“ Auch Gott war also ein Schneider! Es fehlt hier jetzt nur noch die Schlange, nicht wahr? Und die gibt’s dann selbstverständlich auch – und jetzt lachen Sie nicht! – als Anstehschlange und Autoschlange an der Grenze.

    Und dann beginnt der ganze Roman auch noch in der Dunkelkammer! Na klingelt’s? Weltschöpfung! Kleiner ironischer Beiton: Gott schuf hier nicht zuerst den Mann, sondern in der Entwicklerflüssigkeit zeichnet sich ein Weib ab, in einer verführerischen Pose, die Verführung selbst, Verkörperung der Ursünde schlechthin.

    Es ist nicht nur alles hochsymbolisch inszeniert, sondern auch so gemeint. Adam lebt in einer Art Paradies, einem gesicherten Leben in dem gesicherten Geviert der DDR. Dazu die Frauen, die er doppelt glücklich machen kann und darf, was zugegebenermaßen kein gänzlich reizloser Gedanke für einen jungen Mann ist: „Plötzlich waren sie da, die Frauen. Sie erschienen aus dem Nichts, angetan mit seinen Kleidern, Hosen, Röcken, Blusen und Mänteln. Manchmal war ihm, als träten sie aus dem Weiß hervor oder als wären sie einfach aufgetaucht, als hätten sie endlich die Oberfläche durchbrochen und sich gezeigt.“

    Bei Evelyn ist jedoch der Westen mit all seinen Verlockungen und Versprechungen eines besseren Lebens das Paradies. Und nun gilt es, für beide eine Bleibe zu finden. So wird das Geschehen zunächst nach Ungarn verlegt, auf neutralen Boden quasi. Hier tut sich dann ein weiterer Paradiesraum auf, ein Raum, der eine Zwischenzeit gewährt, ein kurzes Himmelreich auf Erden voll sinnlicher Genüsse, einer Zeit, während der alles schwebt: die Welt, die Zeit, sein ganzes Personal.

    Der Roman holt sich seinen Atem aus seinen Dialogen, aus so vielen Dialogen, dass man von einem Dialogroman sprechen muss. Dieser Umstand bereitet dem Sprecher Matthias Brandt dann auch einige Schwierigkeiten, er gerät er allzu oft ins Flüstern. Und das schwächt die starken Dialoge bisweilen. Nur wenn’s Ungarisch wird, wird’s wirklich saukomisch.

    Ingo Schulzes Sätze sind knapp gehalten, die Szenen oft nur angedeutet. Dennoch schafft er es, das Panorama der Vorwendezeit vor uns auszubreiten, an Details orientiert und in sehr privater Manier. Ein schreiberisches Markenzeichen des gebürtigen Dresdners. Er zelebriert einen Stil der Bescheidenheit, der niemals großtut und sich nie wortgewaltig in den Vordergrund spielt.

    „Die Geschichte beginnt in Adam, schraubt sich dann aus diesem Adam heraus und wird ganz dialoglastig, also quasi zu einer Art Drehbuch. Am Ende geht es wieder zurück in Evelyn hinein. Der Standpunkt wechselt also, während man liest, und man selbst befindet sich sozusagen in der Mitte.“ So Ingo Schulze über das Kompositionsprinzip von Adam und Evelyn.

    Hier sehen Sie, wie kunstvoll und hochsymbolisch nicht nur die einzelnen Elemente der Geschichte, sondern auch die Komposition als Ganzes ist. 55 kurze Szenen, die immer wieder an Milan Kundera erinnern: Eine deutsche Leichtigkeit des Seins …

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