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Dienstag, 28. März 2017 | 12:10

Audio: Pruncks Hörladen

19.01.2009

Odyssee im Weltraum

Wir sind das Experiment einer außerirdischen Rasse – und die amüsieren sich köstlich. Auf unsere Kosten wohlgemerkt. HANNS WERNER PRUNCK über die 352 Minuten lange Hörbuchfassung von Arthur C. Clarkes Klassiker.

 

Jetzt ist es raus, das größte Konjunkturpaket ever! Eine Riesen-Kurbel, die da in unseren stotternden Wirtschaftsmotor hineingetrieben wird. Ein paar Umdrehungen und unser Land ist wieder gewappnet für die Herausforderungen der Zukunft. Oder aber wir rasen wie ein Aufziehauto in die nächstbeste Tapete … Denn sind wir den Schwierigkeiten wirklich gewachsen, die da auf uns, die Menschheit noch so zukommen? Sagen wir es mal so: Die Gäste, die wir uns zur Untergangsparty der Erde geladen haben, sind nicht gerade Leichtgewichte des Schicksals.

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Falls Sie zu dem Menschenschlag gehören, der pechschwarz für unsere Zukunft sieht, so schwarz, dass Sie deswegen vielleicht sogar keine Kinder in diese Riesen-Bredouille setzen wollen, was natürlich keine besonders originelle Lösung ist, denn einer muss hinterher ja immer aufräumen, falls Sie also zu diesem Menschenschlag gehören sollten, dann ist dieses Hörbuch genau das Richtige für Sie: Odyssee 2001 im Weltraum.

Jetzt sagen Sie vielleicht: „Ach, diese olle Weltraumkamelle von Stanley Kubrick? Gut, Sie ist genial in Szene gesetzt hat unvergessliche Bilder in meinem Kopf zurückgelassen, aber das Ende habe ich nie kapiert.“

Sehen Sie! Ich finde, es wird Zeit, quasi stellvertretend für unser Schicksal hier auf Erden, endlich mal das Ende dieses Kubrick-Films zu kapieren, denn er hat eine Pointe in petto, die allen Daseinsmiesmachern, allen Weltverneinungspamphletern einen ganz neuen Blick auf den weltlichen Kladderadatsch gewährt, in den wir uns da mit großem „Heissa!“ geritten haben.

Es gab in der Filmgeschichte nur wenige Filme, die von der Kritik so unterschiedlich aufgenommen wurden wie Odyssee 2001 im Weltraum. Die einen krakeelten „Amateurfilm!“, andere hauchten „Meisterwerk!“ Das liegt natürlich daran, dass Kubrick vielmehr auf die Entfaltung der Bilder, ihre Adelung ins Ikonisch-Hypnotische setzt, als auf die möglichst spannende Fortführung der Handlung. Ganz besonders die vielen Längen – manche würden sogar sagen, der Film ist nichts weiter als eine einzige Länge – und der sehr kryptische Schluss wurden kritisiert.

Interessanterweise erschien der Film vor dem Roman von Arthur C.Clarke, über den wir heute hier sprechen wollen. Wie das? Ganz einfach, die Basis des Films und des Drehbuches war Clarkes Kurzgeschichte „The Sentinel“, die er 1951 veröffentlicht hatte. Clarke schlug vor, sie als Ausgangspunkt für das Drehbuch zu benutzen.

Das 352 Minuten lange Hörbuch aus dem Hause DAV ist kaum vergleichbar mit der Verfilmung von Kubrick, die ja sehr stark auf die unmittelbar ins Unbewusste flutenden Bilder setzt. Odyssee 2001 im Weltraum könnte man mit einigem Recht sogar als Stummfilm betrachten. Die Dialoge machen zusammen nämlich gerade mal 40 Minuten von insgesamt 143 Minuten Film aus. Und das, was wir dann zu hören bekommen ist zumeist recht banale Konversation. Die Botschaft ist klar: Das Wesentliche können wir überhaupt nicht ausdrücken. Das worauf wir quasi unsere ganze Kultur errichtet haben, nämlich die Fähigkeit sich zu artikulieren, zu kommunizieren, ist ein ziemlich unwesentlicher Schritt in der Evolution. Das zentrale Symbol des Weltwandels ist der schwarze Monolith. Er ist es, der die eigentliche Entwicklung der Menschheit vorantreibt.

Die Entwicklung des Menschen ist eine Geschichte der Gewalt, unter den Affen wird der Mord in die Welt gesetzt, etwas gänzlich Neues. Und das erste Werkzeug wird gefunden, der Knochen, der zur Waffe wird. Ein Symbol für die Technik, welche die Menschen in die Zukunft führt. Deswegen der berühmteste Schnitt, etwas professioneller ausgedrückt, der berühmteste Match Cut der Filmgeschichte – von einem in die Luft geworfenen Knochen zu einem länglichen Raumschiff im Erdorbit – Zeitsprung von schlappen vier Millionen Jahren! Aber vom Knochen zum Raumschiff ist es letztlich eine durchgängige Entwicklung. An deren Ende HAL steht. HAL, Sie wissen schon, die alphabetische Verschiebung von IBM.
(Wenn Sie in Zukunft mal einen Angebertrumpf im Ärmel haben wollen: Diese Verschiebung nennt man Dekrement. Würde man die Buchstaben dagegen nach vorne verschieben, also aus IBM JCN machen, dann würde man von Inkrement sprechen.)

Aber zurück zu HAL 9000, einem der berühmtesten Computer der Filmgeschichte. Und in unserem Hörbuch finden wir dann auch eine Reminiszenz an Kubrick. Der Sprecher Wolfram Koch verleiht dem Computer die etwas entrückte, gruselig schmeichelnde und neurotische Stimme, die man auch aus dem Film kennt. Und HAL beginnt zu meutern. Aber Sie wissen ja wie das dann endet: „Ich habe Angst, Dave. Dave, ich verliere den Verstand. Ich kann es fühlen.“ und dann beginnt HAL Hänschen Klein zu singen, eine Szene, die so eindringlich und unvergesslich ist, weil sie in uns Rührung und Horror zugleich anschlägt.

Am Ende des Hörbuchs erfährt der Hörer von etwas, was im Film völlig kryptisch bleibt. Von einem Sternenvolk. Und von ihren Monolithen, die sie errichtet hatten, um den Urmenschen die Anfänge der Technik zu schenken, eine Initialzündung für die menschliche Evolution. Dann der zweite Monolith auf dem Mond, damit der technisch nun fähigere Mensch beweisen konnte, dass er endlich des Raumfahrens mächtig war. Dieser Monolith konnte nun, wenn die Sonne auf ihn fällt, Meldung an den Heimatplaneten der Außerirdischen machen. Meldung, dass ihr Experiment mit der Menschenrasse geglückt sei.

Sie sehen, das Ganze ist überaus kulturkritisch. Oder auch hochironisch. Wir sind das Experiment einer außerirdischen Rasse – und die amüsieren sich köstlich. Auf unsere Kosten wohlgemerkt. Klimawandel, Wirtschaftskrise, weltweite Kriege, na kriegt ihr das in den Griff?, hört man es aus dem Weltraum raunen. Und schon kommt Goethes Zauberlehrling einem in den Sinn …

Das Hörbuch Odyssee 2001 im Weltraum ist 2008 erschienen, und letztes Jahr starb auch sein Schöpfer Arthur C.Clarke, der zu dem kleinen Häuflein der visionärsten Science-Fiction-Autoren der Welt gehört, gemeinsam mit Jules Verne, H.G. Wells, Ray Bradbury, Isaac Asimov und Stanislaw Lem. Clarke war so visionär, dass ihm das Jahr 2009 sicher keine allzu große Angst gemacht hätte.



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