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Paul Auster: Mann im Dunkel

18.12.2008

Im Land der verletzten Dinge

Es ist eine Szene wie aus einem Drama von Samuel Beckett: Ein Mann wacht in einem tiefen Erdloch auf. Er weiß nicht, wie er hineingeraten ist, geschweige denn, wie er wieder herauskommen soll. Von ANDREAS MARTIN WIDMANN

 

In Paul Austers jüngstem Roman „Mann im Dunkel“ wird diese Situation zum Ausgangspunkt einer Geschichte, die sich der alte, von Schlaflosigkeit geplagte Literaturkritiker und Pulitzerpreisträger August Brill nachts selbst erzählt, um sich abzulenken. Durch einen Unfall ist Brill zum Invaliden geworden. Er lebt im Haus seiner Tochter Miriam und seiner Enkelin Katya in Vermont. Was die drei außer ihrer Familienzugehörigkeit verbindet, ist, dass sie persönliche Verluste und Verletzungen erlitten haben, mit denen sie auf unterschiedliche Weise fertig zu werden versuchen. Brills Tochter schreibt eine Biographie von Rose Hawthorne, er selbst schaut mit seiner Enkelin stundenlang Filme an und wenn er allein im Dunkeln sitzt, denkt er sich Geschichten aus: Geschichte, wie eben jene von Owen Brick, der in einem Erdloch aufwacht und sich, als man ihn daraus befreit hat, in einem Amerika bewegt, das er nicht wieder erkennen kann. Man erklärt ihm, dass er in eine parallele Welt versetzt worden ist, um einen militärischen Auftrag auszuführen, denn Amerika befindet sich im Krieg. Ob es nicht um den Krieg im Irak gehe, fragt Brick: „Scheiß auf den Irak! Das hier ist Amerika. Und Amerika führt Krieg gegen Amerika.“

Von Albtraum zu Albtraum

Da Brick fremd in dieser Welt ist, muss ihm alles erklärt werden. Diese Voraussetzungslosigkeit der Figur ist ein Kunstgriff, mit dem Auster die Erzählstruktur so gestaltet, dass der Leser gewissermaßen zusammen mit Brick ins Bild gesetzt wird. die Schilderung der kontrafaktischen Geschichte, die in der Binnenfiktion entworfen wird, erhält so handlungsintern ihre Motivation: „Die Frage ist: An welchem Punkt der Geschichte haben sich die Wege der beiden Amerikas getrennt.“ Diese Frage ist auch für Brills gegengeschichtliche Gedankenkonstruktion zentral. Zum Nukleus – zum historischen Entscheidungsmoment, von dem der weitere Gang der Ereignisse abhängt – wird in dieser Binnenerzählung die Präsidentschaftswahl des Jahres 2000. In ihrer Folge kommt es zur Sezession, einzelne Bundesstaaten an der Ostküste vereinigen sich zu den Unabhängigen Staaten von Amerika, New York wird bombardiert.
Die Welt, in der Brick sich bewegt, trägt „Anzeichen untergegangenen Lebens“, ähnlich jener aus dem Roman „Im Land der letzten Dinge“, in dem Auster vor zwanzig Jahren schon einmal ein Endzeitszenario ausgemalt hat: ausgebrannte Autos, eingestürzte und geplünderte Supermärkte, Inflation und zumindest partiell der Kollaps moderner Technik, etwa des Fernsehens. Als Brick erfährt, dass das World Center noch steht, murmelt er: „Ein Albtraum ersetzt den anderen.“ Um diesen Albtraum zu beenden, soll Brick denjenigen töten, der dafür verantwortlich ist – einen Mann, der in einem Zimmer sitzt und sich gerade jene Geschichte ausdenkt, die Brick selbst erlebt.
Gegen Ende stellt sich heraus, dass August Brill sehr persönliche Gründe dafür hat, der politischen Geschichte Amerikas eine andere Wendung zu geben und den Krieg im Irak in seiner Phantasie ungeschehen zu machen. Erinnerungen an den grauenhaften Tod seines Beinahe-Schwiegersohns Titus und verdrängte Schuldgefühle quälen ihn und lassen ihn eine parallele Welt erfinden, die jedoch zugleich Albtraum und Wunscherfüllung ist. Brill gönnt seinem Helden Brick noch eine Liebesaffäre, doch kein Happy End.

Die wunderliche Welt dreht sich weiter

Auster selbst hat seinen Roman als eine Art Collage aus verschiedenen, miteinander agierenden Elementen beschrieben. Dass Austers literarischer Geschichtsentwurf auch ein Kommentar zur Lage Amerikas im 21. Jahrhundert ist, liegt auf der Hand. Seit dem Tag, an dem der Supreme Court in der knappen Wahl von 2000 George W. Bush zum Sieger erklärt hatte, habe er das Gefühl, nicht in der realen Welt zu leben, sondern in einem Albtraum. Dies habe ihn zu Brills Geschichte inspiriert, so Auster im Interview. In der Fiktion fällt seine politische Stellungnahme jedoch wenig konkret aus und gelangt womöglich am besten in einem Satz von Rose Hawthorne zum Ausdruck, der im Roman leitmotivisch zitiert wird: „Und die wunderliche Welt dreht sich weiter.“

Die Hörbuchfassung des Romans, die praktisch zeitgleich mit der deutschen Übersetzung auf den Markt kommt, besteht aus einer glücklicherweise ungekürzten Lesung von Max Volkert Martens. Sein Vortrag kommt nahezu ohne stimmliche Variationen aus. Martens verzichtet auch auf emotionale Steigerung. Die distanzierte Lesung lässt eine nüchterne Annäherung an einen Roman zu, der zwar in der New York Times zwei Mal heftig verrissen, an anderer Stelle dagegen geradewegs euphorisch besprochen wurde. Nüchtern betrachtet wiederum liegt er wohl irgendwo dazwischen.

 

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