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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. Juli 2017 | 22:38

    Gerhard Polt: Apokalypsen

    11.12.2008

    Kein Weltuntergang

    Des Bayern liebster Humorist meldet sich zurück: Gerhard Polt präsentiert auf seiner neuen CD zehn durchaus gelungene Nummern zwischen Politkabarett und bajuwarischem Biedermeier. Von SEBASTIAN KARNATZ

     

    Nun also „Apokalypsen“, eine neue CD mit Live-Mitschnitten aus dem aktuellen Programm, stilvoll musikalisch begleitet von Mitgliedern der Biermösl Blosn. Eine bange Frage drängt sich jedoch dem geneigten Hörer schon vor dem Hörgenuss geradewegs auf: Kann er’s noch, der Polt? Zu sehr war er mit seinen letzten Projekten in etwas abgelegene Bereiche vorgedrungen, die selbst dem größten Poltianer doch etwas die Lust an Bayerns ehemaligem Lieblingskabarettisten genommen haben. Erinnert sei hier nur kurz an das unsägliche Germanicus-Spektakel – ein fader Abglanz alter, glorreicher Zeiten. Auch Polts autobiographisch grundierte Geschichtensammlung „Hundskrüppel“ konnte die alte Liebe nicht wieder zum Leben erwecken. Flüssig lesbar und – nicht unbedingt im besten Sinne des Wortes – nett zeigte sie noch einmal den Weg auf, den Polt in den letzten Jahren allzu oft beschritten hat: ein Weg, der schnurstracks in die neue-alte bajuwarische Gemütlichkeit führt; ein Weg, der gesäumt ist mit ländlichen Idyllen, lieblichen Lausbubenstreichen und der stillen Poesie des Alltags. Es gleicht einem späten Triumph Rousseaus, dass ausgerechnet der einstige Wundermann der bayerischen Kleinkunst nun wirklich zur Natur zurückgekehrt ist, schlimmer noch, zurück zu einem bierseligen Biedermeier bäuerlicher Prägung.

    Das bajuwarische Sein

    Doch man verstehe dies nicht falsch: Das alles muss nicht unbedingt ein Nachteil sein. Gerhard Polts große Stärke war schon immer seine bedingungslose Nähe zum kleinen Mann, zur bajuwarischen Volksseele. So konnte er im Bierzelt wirklich von jedermann beklatscht werden. Seine Parodien der kleinen CSU-Granden waren schlicht und einfach so gut, dass sie alle Spektren des bayerischen Seins erreichen konnten. Sie waren Parodie und Realität zugleich. Was allerdings Polt erst zu Polt machte, und damit seine kleinen Kunstwerke zu formvollendeten Höhepunkten des Kabaretts, war sein unbedingter Wille zur Gerechtigkeit. Jener durchaus ebenso biedere Zug an ihm, in guter alter Brandner-Kaspar-Manier den Herrschenden Paroli zu bieten und den kleinen Mann zu rehabilitieren – koste es, was es wolle.
    Eines der zehn auf „Apokalypsen“ versammelten Hörstücke zeigt diese grundsympathische Eigenschaft wieder einmal auf geradezu programmatische Art und Weise. „Ein Apokalyptiker“ schafft es, in zehn Minuten den großen Bogen vom soliden bayerischen Volkskatholizismus bis hin zur aktuellen Bankenkrise zu schlagen und dem geneigten Hörer dabei vor Augen zu führen, was da eigentlich alles schief gelaufen ist in Bayern, dem einstigen Klassenprimus unter den Bundesländern. Hier ist Polt ganz bei sich: Mit einer Mordswut zeigt er denen da oben, wie es auch gegangen wäre – mit Demut und gesundem bayerischen Menschenverstand.

    Ein nettes Wiedersehen mit einem alten Bekannten

    Es ist diese Dialektik von bauernschlauer Tradition und ebenfalls gut bayerischer Skepsis gegenüber den Reichen und Mächtigen, die Polt weit über die Grenzen seines eigentlichen Sprachraumes hinaus zurecht berühmt gemacht hat. Aber obwohl es selbstverständlich schön ist, diese Stimme der Vernunft endlich einmal wieder zu hören, kann man sich doch des Eindrucks nicht erwehren, dass der späte Polt lieber bei den Hundskrüppeln verweilt, also im hortus conclusus des ländlichen Idylls. So stammt der mit dem größten Eifer vorgetragene Text, „Der Regenwurm“, tatsächlich aus Polts autobiographischer Heimatgeschichtensammlung. Manches andere ist ihm dagegen etwas arg gelangweilt geraten. Den Münchner Schickimicki-Typ spricht er zwar immer noch besser als nahezu alle anderen, aber vergleichbare Nummern haben wir auch schon etwas inspirierter von ihm gehört.

    Noch nie war Polt ein Garant für schnelle Lacher. Sein Humor ging tiefer, war auch schon in der Vergangenheit immer an der Grenze von Tragik und Komik angesiedelt. So kann man auch ein kleines – und sehr feines – Sprachkunstwerk wie „Mehr oder weniger“ durchaus poltianisch nennen. So richtig zündend ist dieses hinterlistige philosophische Lehrstück über Mehrheit und Minderheit zwar nicht, dafür bietet es aber auch beim dritten oder vierten Durchlauf noch immer genügend geistreiche Bonmots, die gerade im ehemals alleinregierten Land der CSU die herrschende Denkweise durchaus treffend entlarven:
    „Keiner soll daherkommen und behaupten, dass man bei uns gezwungen ist, eine Minderheit zu sein. Jeder hat das Recht, sich einer Mehrheit anzuschließen.“

    Vielleicht sollte man sich den neuen Polt ja genauso vorstellen: Als stellenweise brillanten Aphoristen, als immer noch wachen Beobachter der alltäglichen Politschweinereien, der sich aber im Grunde nichts sehnlicher wünscht als ein kleines Häuschen in einer kleinen oberbayerischen Seegemeinde, mit einem netten kleinen Stammtisch und ganz viel bierseliger Gemütlichkeit.
    Bis es soweit ist, muss er allerdings immer wieder auf die Bühne. Dort schimpft er und parodiert, dort zitiert er sich selbst und ist mal mehr, mal weniger gut. Diesen Weg zeichnet auch seine neue Sammlung „Apokalypsen“ nach, die ganz sicher für eingefleischte Poltianer kein Weltuntergang wie noch der „Germanicus“ sein sollte. Viel eher ist „Apokalypsen“ wie ein bedächtiges Abendessen mit einem alten Bekannten, den man nun schon etwas länger nicht mehr gesehen hat: Man hat sich viel zu erzählen, man lacht auch über etwas ältere Witze und erkennt, dass man sich trotz so mancher Veränderung eigentlich immer noch ganz gut versteht. Dann zahlt man die Rechnung, verabschiedet sich herzlich und geht für längere Zeit mit einem guten Gefühl getrennte Wege. Nein, ein Weltuntergang ist dies in der Tat nicht.

     

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