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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 30. Mai 2017 | 11:07

    Rafik Schami: Das Geheimnis des Kalligraphen

    04.12.2008

    Die Vorleser

    Rafik Schamis neuer Roman Das Geheimnis des Kalligraphen ist ein wunderbares, wohlklingendes Stück Literatur, das man sich am Besten in dieser gelungenen Hörbuchfassung vorlesen lässt. Von SEBASTIAN KARNATZ

     

    Einer der unschönsten Trends der immer noch rasant aufblühenden Hörbuchbranche ist sicherlich die gleichzeitige Zweitverwertung belletristischer Neuerscheinungen als eilig zusammengeschusterte Hörbücher. Alles, was zumindest in Ansätzen Rang und Namen hat, wird hier schon vor der Erstveröffentlichung von mehr oder minder zugkräftigen Sprechern für die Ewigkeit eingelesen und einer nach neuem Hörmaterial dürstenden Gemeinde zum Kauf angeboten. Mit aufwendiger Hörspielkunst hat dies natürlich genauso wenig zu tun wie mit arriviert vorgetragenen und akribisch vorbereitenden Hörbuchproduktionen. Zumeist handelt es sich hier um Schnellschüsse, die marktgerecht noch etwas mehr Geld aus den belletristischen Neuerscheinungen herauspressen sollen. Diese Kritik könnte selbstverständlich auch auf die Hörbuchfassung des neuesten Romans des deutsch-syrischen Erfolgsautors Rafik Schami zutreffen. „Das Geheimnis des Kalligraphen“ wird zum Erstveröffentlichungstermin auch als Hörbuch angeboten. Doch liegt der Fall hier anders: Schamis Erzählkunst legt geradewegs eine akustische Umsetzung nahe; sie ist die text gewordene Fortsetzung einer großen mündlichen Erzähltradition.

    Ein schillerndes Erzählkunstwerk

    Da trifft es sich natürlich gut, dass Schami selbst den hoch poetischen – und für sein poetologisches Programm bedeutsamen – Prolog in unnachahmlicher Art und Weise vorträgt. Atemlos hetzt er durch die verschlungenen Arabesken seiner dekorationsreichen, ja nahezu barocken Sprache. Das Mündliche seiner Literatur selbst ist das Thema des Prologs: Ein Gerücht schlängelt sich durch die Gassen des Damaskus der 50er Jahre. Die Frau des größten Kalligraphen der arabischen Welt hat diesen soeben verlassen. In immer neuen Versionen breitet sich das Gerücht aus und überdeckt die Wahrheit zusehends mit einer dicken Firnisschicht. So wird der Prolog zu einem Fanal der mündlichen Erzählkunst, die Bekanntes immer wieder neu ausschmückt und zu überraschenden, nie geahnten Ergebnissen führt. Dieser programmatische Prolog ist Ausgangspunkt einer wendungsreichen Geschichte mit allem, was sich der geneigte Leser von einem neuen Schami-Roman wünscht: die Exotik des alten Orients, allerhand in die Haupthandlung eingeflochtene kleine Geschichten und poetische Sprachbilder im Akkord, die den deutschen Leser stets ein wenig fremd anmuten. Überdies liefert Schami zusätzlich eine profunde Einführung in die Kunst der Kalligraphie. Diese bekannten Topoi und noch vieles mehr bilden das Grundgerüst des Romans. Der Autor bleibt sich und seiner Linie treu – und erschafft trotz allem ein faszinierend schillerndes, neues Erzählkunstwerk.

    Ein erstaunlich abgründiges Märchen

    Schami zeichnet mit Worten eine fremde orientalische Welt nach, die zumindest anfangs noch nicht den Gesetzen der grausamen Gegenwart zu gehorchen scheint. Es ist – dies wissen seine Leser schon aus den letzten Romanen – die Welt seiner Kindheit. Ein Damaskus, in dem Christen, Juden und Muslime zumeist friedvoll zusammenleben, in dem kulturelle Vielfalt zumindest nicht unmöglich scheint. Diese melancholisch gebrochene Traumwelt hatte Schami zuletzt auf einer schönen Duo-CD mit dem Jazz-Percussionisten Günther Sommer beschworen (siehe TITEL, 11. September 2008). Doch auch Schamis literarisches Damaskus kann sich vor den Entwicklungen des modernen Islam nicht vollständig verschließen: Es ist der Eifer der muslimischen Fundamentalisten, der den größten Kalligraphen aller Zeiten in den Abgrund stürzt. Die liebevoll entworfene Idylle wird gestört und schlussendlich sogar zerstört. Das Damaskus seiner Kindheit ist endgültig untergegangen.
    „Das Geheimnis des Kalligraphen“ bietet nicht nur ein wunderbar erzähltes und erstaunlich abgründiges, modernes Märchen, sondern auch eine wunderschöne Liebesgeschichte. Nura, die Frau eben jenes berühmten Kalligraphen Hamid Farsi, lebt als Gefangene in der Hölle der traditionellen muslimischen Ehe. Ihr Mann predigt sexuelle und intellektuelle Hörigkeit, von Verständnis und Zuneigung wagt sie nicht einmal zu träumen – bis sie seinen jungen Gehilfen Salman kennen bzw. lieben lernt und sie gemeinsam ihre waghalsige Flucht aus Damaskus planen.

    Diesen Roman sollte man hören

    Rafik Schami selbst trägt neben dem Prolog auch den darauf bezugnehmenden Epilog vor, er leitet also die Erzählung nicht nur ein, sondern schließt sie gleichzeitig auch ab. Die spannende Frage, ob der renommierte Sprecher Markus Hoffmann, der immerhin Paulo Coelhos „Der Wanderer“ und „Unterwegs“ noch zu akzeptablen Hörbüchern machte, die akustische Vorgabe – den Rhythmus Schamis - aufnehmen würde, muss nach dem Hörgenuss der sieben CDs verneint werden. Und dies ist durchaus gut so, denn Hoffmann macht nicht den Fehler, Schamis einzigartigen Duktus zu imitieren.
    Statt Schamis hektisch modulierenden Satzkaskaden herrscht hier gepflegtes Understatement. Hoffmann trägt den Text ruhig und subtil als modernes orientalisches Märchen vor, mit Phantasie anregender aber durchweg zurückhaltender Stimme. Dies bringt zwar die verschiedenen, facettenreichen Tonalitäten des Romans voll zur Geltung, führt aber stellenweise durchaus auch zu einer gewissen Langeweile, die freilich bei diesem exkursreichen Text schwer zu vermeiden ist.
    Alles in allem muss am Ende dieser Rezension ein ungewöhnliches Fazit stehen: „Das Geheimnis des Kalligraphen“, dieses farbenfrohe orientalische Romankaleidoskop, kann man allen Freunden leichter, etwas ausufernder Erzählkunst älterer Schule nur Wärmstens ans Herz legen. Wer aber auch nur im Geringsten etwas mit Hörbüchern am Hut hat, der sollte sich dieses wunderbare Stück wohlklingender Literatur folgerichtig vom Autor selbst und von Markus Hoffmann vorlesen lassen.

     

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