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Sehe Dich Istanbul, meine Augen geschlossen

16.10.2008

Eyes Wide Shut

Istanbul - die Metropole pulsiert! Der preisgekrönte Hörspielmacher, Autor und Journalist Andreas Ammer fängt in einer faszinierenden Hörcollage Stimmungen und Stimmen aus der türkischen Hauptstadt ein. Von SEBASTIAN KARNATZ

 

Der nicht enden wollende Boom der akustisch-literarischen Medien hat ohne Zweifel eine neue Sensibilität für die Rhythmik und die Musikalität des gesprochenen Wortes mit sich gebracht. Literatur darf gehört werden, in einigen Fällen sollte sie es sogar. Aus dem ehemaligen Nischenprodukt Hörbuch ist ein kommerziell einträgliches Feld geworden. Dies steigert auch den Mut der Verlage ihr Programm mit Exotischem und Gewagtem aufzustocken. Kunst und Kommerz blühen bekanntlich oftmals einträchtig nebeneinander.
Eine Sparte der akustischen Medien jedoch hat den Sprung an die Spitze der Hörergunst bisher nicht wirklich schaffen können – das Kunst-Hörspiel will nicht so recht aus der dunklen Ecke des einsamen, intellektuell hochwertigen Bildungsradioformats herauskommen. Dies ist ehrlicherweise zumeist nicht unbedingt von Nachteil. Fahrig zur Schau gestelltes Kunstwollen gereicht selten zu höherem Hörgenuss. Ausnahmen bestätigen jedoch die Regel: „Sehe dich Istanbul, meine Augen geschlossen“, benannt nach einer Zeile des türkischen Dichters Orhan Veli, ist ein herausforderndes und spannendes Hörerlebnis, das zwar vor Anspruch geradezu strotzt, den Hörer aber nie restlos überfordert.

Das Portrait eines freundlichen Planeten?

Der durch Deutschlands zumindest ästhetisch gewichtigste TV-Literatur-Sendung „Druckfrisch“ bekannte Autor und Journalist Andreas Ammer und der Musiker Saam Schlamminger haben miteinander einen flirrenden, undurchdringlichen Monolithen von berückender Schönheit erschaffen. Mit einem Aufnahmegerät bewaffnet streunen sie durch die Straßen Istanbuls, fangen die Atmosphäre der pulsierenden Großstadt akustisch ein und verarbeiten die Geräuschkulisse zu einem wabernden elektronischen Soundgebräu, das dem Hörer nur selten Zeit zum Luftholen lässt.
Es entsteht eine seltsame Lärmkulisse, die weit nüchterner und gerade deswegen faszinierender ist, als es die Eigenauskunft der Macher vermuten lassen würde. Denn nach ihrer Aussage gehe es ihnen darum, „die Menschen und die Musik an den Orten“ hörbar zu machen, „die gemeinhin nur als Kulisse für schlechte Nachrichten vorkommen“. Ammer und Schlamminger wollen so „das Portrait eines freundlichen Planeten“ zeichnen, „entstanden an den vermeintlich schlimmsten Orten des Morgenlandes.“ Weitere Hörspiele sollen folgerichtig die Straßen Ramallahs, Karadschis und Kabuls vertonen. Das klingt in den Ohren sensibler Zeitgenossen unangenehm nach politisch-korrekter Hörkultur für Gutmenschen.

Ein reiches Kaleidoskop

Umso überraschender ist es, dass „Sehe Dich Istanbul, meine Augen geschlossen“ nie in die Gefahr gerät, didaktisch wertvolle Hörkunst für Weltverbesserer zu präsentieren. Ohne störenden moralischen Zeigefinger funktioniert der Soundtrack der Straße als Musik gewordene Dynamik; als neutrale Klangcollage, die es schafft, die Aufmerksamkeit des Hörers auf kleinste Details zu lenken.

Dieses musikalische Grundkonzept wird allerdings mit einer narrativen Ebene verknüpft, die aus einem irritierend gelungenen 48minütigen, wabernden Elektronik-Track ein wahres Kunstwerk macht. Der große deutsch-türkische Autor und Wortartist Feridun Zaimoglu führt durch das Istanbul seiner Kindheit. Es entspinnt sich leitmotivisch eine archaisch-ferne Liebesgeschichte von zeitloser Melancholie, die den atemlosen Soundtrack einer modernen Großstadt an der Schnittstelle von Ost und West poetisch grundiert. Mehr noch: Zaimoglus bedächtige Erzählung, seine leise, nachdenkliche Stimme – all dies scheint im krassen Gegensatz zu den hektischen Großstadtbeats Ammers und Schlammingers zu stehen. Doch gerade die Dialektik von lyrischer Narration aus einem vergangenen Istanbul und dem Alltagslärm der heutigen Stadt erschafft eine geradezu hypnotische Stimmung. Weitere Sprecher ergänzen das Mosaik aus Musik und Stimmengewirr um zusätzliche Facetten.

Andreas Ammer und Saam Schlamminger ist ein faszinierend buntes Kaleidoskop Istanbuls gelungen, das den Hörer für gut eine Stunde mitten in den Kern dieser elektrisierenden Stadt versetzt. „Sehe dich Istanbul, meine Augen geschlossen“ ist ein wunderbares Stück Hörkunst, das sich eigentlich zu keiner Zeit hinter didaktisch-aufklärerischen Formeln verstecken müsste.

 

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