• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 30. Mai 2017 | 11:09

    Jürgen von der Lippe liest Kurt Tucholsky

    04.09.2008

    Tucholsky im Hawaiihemd

    Jürgen von der Lippe liest Kurt Tucholsky. Und das soll funktionieren? Es funktioniert, denn Humor haben bewiesenermaßen beide Herren. Von STEFAN HEUER

     

    Bei einer persönlichen Begegnung zählt, das gilt als erwiesen, der erste Eindruck. Nun geht es mir wie beinahe dem gesamten Volk dieser Republik: Hans-Jürgen Dohrenkamp habe ich nie persönlich kennen gelernt. Noch nicht, denn das kann ja noch kommen. Kennen gelernt habe ich zunächst seine Stimme; als Halbwüchsiger war ich ganz vernarrt in eine Kassette mit gesprochenem Humor. Ich hing an seinen Lippen und folgte ihm durch die Straßen, in denen er nach Udo Lohmeier rief. Ich lachte über den Hund namens "Bleib da" und darüber, wie dieser Hund von seinem Herrchen gerufen wurde: „Bleib da, komm her!“ Ja, und dann erhielt die Stimme ein Gesicht, einen in bunte Hawaiihemden gehüllten Körper...

    Jürgen von der Lippe, denn so nennt sich Herr Dohrenkamp als Künstler, 1948 geboren, ist ein vielfach ausgezeichneter (u.a. Goldene Kamera, Grimme-Preis, Echo und Bambi) Komiker, Fernsehmoderator, Liedermacher und Autor. Einem breiten Publikum wurde er durch sein Lied "Guten Morgen, liebe Sorgen" und zudem durch seine Spielshows "Donnerlippchen" und "Geld oder Liebe" bekannt. Die wenigsten wissen, dass er bereits Ende der 1970er Jahre als Mitbegründer der Gebrüder Blattschuss tätig war und mit ihnen Zeilen poetischen Ausmaßes schuf: "Ich seh schon doppelt, und das aus gutem Grund, denn in Eckkneipen geht es nun mal rund." Auch die beiden CDs, auf denen er bereits 1999 bzw. 2003 klassische Lyrik rezitierte, gingen am großen Publikum nahezu spurlos vorbei.

    Bissig und böse, liebevoll und mitfühlend

    Und nun also Tucholsky. Aus der 10-bändigen Tucholsky-Ausgabe des Rowohlt-Verlages hat die Hörbuch Edition Bell zwei CDs zusammengestellt, die einen guten Einblick in das Schaffen des Berliner Schriftstellers bieten. Auf "Lerne lachen ohne zu weinen", die als Doppel-CD daherkommt, finden sich 47 überwiegend kurze Texte. Unter wechselnden Pseudonymen mit unterschiedlichem Charakter (als Peter Panter befasste er sich mit feuilletonistischen Themen, während er unter dem Namen Theobald Tiger hauptsächlich Verse schrieb und als Kasper Hauser melancholische Couplets verfasste – die unter seinem richtigen Namen oder unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel geschriebenen Texte sind deutlich in der Minderheit) nimmt Tucholsky hier seine Mitbürger aufs Korn: bissig und böse, aber auch liebevoll und mitfühlend.
    Obwohl sich Tucholsky in vielen Texten mit den kleinen Dingen des Alltags befasste, setzte er sie doch oft in den Kontext zum Großen und Ganzen. Ein Mann und eine Frau bleiben bei ihm nur selten ein Mann und eine Frau - sie werden stattdessen zum Synonym der lustvollendeten, aber auch der frusterlittenen Liebschaft. Mit spitzer Feder teilt er aus, lamentiert über das anspruchslose Publikum und gleichzeitig über die "Mode des Journalismus", mit einer mächtigen Überschrift zu einem faden Inhalt zu locken: "Der Glaszauberer – und nachher ist es ein Falschenfabrikant, der allerlei Triviales über sein Geschäft erzählt." Die Häuslichkeit, die Konjunktur, "der bange Moment bei reichen Leuten, deren wattiertes Leben... das unserem Leben fremd ist" – vieles ist es Tucholsky wert, in einer Glosse oder einem Gedicht festgehalten zu werden. Die verschiedenen Texte entstanden zwischen 1914 und 1931 und sind in der "Weltbühne", der "Vossischen Zeitung" oder der "Berliner Illustrierten Zeitung" erschienen.
    Und Jürgen von der Lippe? Auf musikalische Untermalung oder sonstiges Beiwerk verzichtend, liest und spricht er angenehm unaufdringlich, betont, aber nicht übertrieben. Er bringt seine Stimme so ein, dass die Worte ins Ohr und weiter in den Kopf gehen, ab und zu wird gar charmant berlinert.

    Zu viele Frauen in einem Bett

    Auf "Frauen sind eitel. Männer? – NIE!" ist der bekennende Mann von der Lippe dann so richtig in seinem Element. Unterstützung erfährt er dabei durch die Schauspielerin Astrid Kohrs, welche die weiblichen Monologe übernimmt und auch in den als Dialog geführten Passagen zu überzeugen weiß. Ach ja, Frauen: Wohl kein anderes Thema hatte für den Erotomanen Tucholsky eine solche Gewichtung. Seiner Ehefrau war er untreu, seinen Geliebten ebenfalls. Wie sehr Tucholsky die Abwechslung liebte, lässt eine Äußerung seiner ersten Frau erahnen: “Als ich über die Damen wegsteigen musste, um in mein Bett zu kommen, ließ ich mich scheiden.“ Und das nach gerade mal vier Jahren Ehe. Seine flatterhafte Beziehung zur holden Weiblichkeit fasste er selbst in folgende Worte:

    Lebst du mit ihr gemeinsam,dann fühlst du dich einsam.Bist du aber alleine,dann frieren dir die Beine.Lebst du zu zweit,lebst du allein –der Mittelweg wird wohl das Richtige sein!

    Ein kurzweiliger Spaß, in dem man sich erschreckend oft selbst zu erkennen meint. Und zwei Stimmen, die sich, vor allem auch im Zusammenspiel, als ideale Besetzung erweisen.

     

    | kommentar schreiben

    Name:
    Kommentar:

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    Zwischen Karikatur und Avantgarde

    Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter