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    Sonntag, 30. April 2017 | 11:01

    Wolfgang Koeppen: Nach Russland und anderswohin

    11.08.2008

    Autor auf Achse

    Wolfgang Koeppen ist ein „empfindsam“ Reisender, der höchst subjektiv seine Eindrücke von Ländern wie Spanien, Russland, Italien oder den USA wiedergibt: Die Höredition seiner Reiseberichte ist nichts für Pauschaltouristen. Von THOMAS COMBRINK

     

    Vor allem durch seine drei Romane aus den fünfziger Jahren – „Tauben im Gras“, „Das Treibhaus“ und „Der Tod in Rom“ – ist Wolfgang Koeppen bekannt geworden. Danach kam nicht mehr viel, sehr zum Bedauern seines Verlegers Siegfried Unseld, der ihn immer wieder zu animieren suchte, einen neuen Roman im Hause Suhrkamp abzuliefern. Den Übergang zwischen diesen frühen Romanen und dem fast vollständigen Zusammenbruch der literarischen Produktion markieren die Reiseberichte, die der Autor für den SDR zuerst unter der Leitung von Alfred Andersch und dann ab 1959 unter Helmut Heißenbüttel verfasste. Diese Berichte liegen als Text bereits in etlichen Editionen vor. Nun hat das Label cpo, das auch schon Arno Schmidts Radio-Essays der Öffentlichkeit zugänglich machte, dankenswerterweise Koeppens originale Rundfunksendungen auf 15 CDs herausgebracht. Lobenswert ist diese Aktion unter anderem deshalb, weil sich der Hörtext vom Lesetext teilweise unterscheidet. Wer also ausgiebig Philologie betreiben möchte, kann die Lesefassung mit dem gesprochenen Text vergleichen.

    Akustische Reiseberichte

    Koeppen reist nach Italien und nach Frankreich, in die USA und nach Russland, nach Spanien und nach Griechenland. Und auch eine Reise nach München enthält diese Edition. Der Hörer bekommt so einen guten Eindruck von der literarischen Schreibweise des Autors, die in ihrem Gestus seiner Romanprosa durchaus ähnelt. Ebenfalls erkennbar wird die Bedeutung des Rundfunks in den fünfziger und sechziger Jahren in Deutschland. Koeppens Russlandbericht „Herr Polewoi und sein Gast“ wurde am 12. November 1957 ausgestrahlt und hatte eine Länge von gut drei Stunden; dieser Monolog (von einem einzigen Sprecher vorgetragen) wurde nur einmal unterbrochen von einer Nachrichtensendung. Frank Rainer Huck schreibt im Booklet der Edition, dass „Sendungen von dieser Länge heute im öffentlich-rechtlichen Rundfunk undenkbar geworden“ wären. Damit hat er natürlich Recht, und der Reiz von Koeppens akustischen Reiseberichten liegt in diesen verschütt gegangenen Möglichkeiten des Mediums Rundfunk; in jenen Hörerfahrungen, die man macht, wenn man sich auf den monologisierenden, fast meditativen Klang der Stimmen einlässt, die über ferne Länder berichten.

    Dass diese Länder den damaligen Hörern um einiges fremder anmuteten als uns heutigen, ist offensichtlich. Die positive Resonanz auf die meisten dieser Sendungen rührte wohl auch von einem Erfahrungsmangel in der Bevölkerung her. Dabei will Koeppen den Hörern keinen Reiseführer an die Hand geben. Er spricht subjektiv, baut sich und seine Person unauffällig in die Reportage ein und erzeugt dadurch einen Ton der Unmittelbarkeit. In dieser Unmittelbarkeit, die immer wieder durch den Blick auf die Geschichte des Ortes gebrochen wird, liegt die hohe Qualität dieser Reise-Essays. Koeppen blickt nach vorn und gleichzeitig zurück. Er nimmt historische Ablagerungen wahr, erkennt den Verfall, aber auch gleichzeitig das Potential einer Stadt, einer Umgebung, einer Landschaft oder eines Landes. Und obwohl der Autor nicht als Ahnungsloser reist, sondern als geschichtlich und literarisch Informierter, hat man als Hörer nie den Eindruck, als wolle er uns belehren, als halte er sich für klüger als sein Publikum.

    Ein Gefühl der Fremdheit

    Als Reisender ist der Autor dem Augenblick verpflichtet: Koeppen sieht und hört, er riecht und schmeckt (mit den kulinarischen Gebräuchen kann er sich manchmal allerdings nur schwer anfreunden). Was ihm seine Sinne vermitteln, dient wiederum als Sprungbrett zum Nachdenken über jene Schriftsteller und Künstler, die an den von ihm besuchten Orten gelebt und gewirkt haben oder über historische Ereignisse, die die Gegend nachhaltig veränderten. Öfters bekommt man das irritierende Gefühl, als würde der Reisende gar nicht mehr Herr werden über die Vielzahl an neuen Eindrücken, die im fremden Land auf ihn einströmen. Dann reiht Koeppen die Erfahrungen, Gedanken und Assoziationen summarisch aneinander, zählt auf, addiert und versucht, das Gefühl der Fremdheit zu beschreiben. Dieses sprunghafte und unkalkulierbare Element macht diese Berichte so reizvoll. Wolfgang Koeppen ist der „empfindsam“ Reisende, wie es im Untertitel des Russland-Trips heißt, der sich seinen subjektiven Weg durch fremde Länder bahnt – fernab der konventionellen Touristik.

     

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