TITEL kulturmagazin
Montag, 27. März 2017 | 10:41

Robert Löhr: Das Erlkönig-Manöver

07.08.2008

Wehrhafte Klassiker

Robert Löhrs fantastisches literarisches Kleinod „Das Erlkönig-Manöver“ ist nicht geeignet für die schnelle Auffrischung der gymnasialen Restbildung. Es ist vielmehr ein augenzwinkender literaturhistorischer Unterhaltungsroman, der nun in einer kongenialen Hörbuchfassung vorliegt. Von SEBASTIAN KARNATZ

 

Fünf Männer und eine Frau begeben sich im Jahre 1805 in einen schier auswegslosen Kampf: Louis Charles de Bourbon, einziger männlicher Nachkomme Ludwigs XVI. und rechtmäßiger Erbe des französischen Throns, hat die Wirren der Revolution überlebt! Sein vermeintlicher Tod wurde fingiert, um dem Thronfolger die Flucht in sicherere Gefilde zu ermöglichen. Ein gewieftes „Sonderkommando“ soll nun dem Königssohn die Rückkehr nach Frankreich ermöglichen und so den Tyrannen Napoleon stürzen. Die tollkühnen Gefährten stellen sich dem mächtigsten Heer ihrer Zeit gegenüber, kämpfen mit List und Geschick. Jeder einzelne Streiter ist dabei mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet – weltgewandt und entschlossen nehmen sie die Herausforderung an.
Eine Abenteuerpistole? Gewiss. Sogar noch schlimmer: Ein historischer Abenteuerroman! Doch gemach, gemach. Robert Löhrs „Erlkönig-Komplott“ ist kein weiterer Beweis für die generelle Belanglosigkeit eines leidlich modischen Unterhaltungsgenres. Es ist ganz im Gegenteil eine kleine literarische Sensation. Ein Roman, der imstande ist, ein ganzes Genre auszuhebeln, die literarische Beschränktheit gewöhnlicher Historienschinken offenzulegen – und der überdies glänzend zu unterhalten weiß.

Ein literaturhistorischer Roman

Hinter der genre-üblichen „realen“ Personage dieses historischen Romans verbergen sich nämlich keine geringeren als die deutschen Dichterfürsten Goethe und Schiller, die Jungspunde Achim von Arnim und Bettine Brentano sowie der Naturforscher und Weltreisende Alexander von Humboldt und – etwas unfreiwillig zum Trupp hinzustoßend – der neurotische Heißsporn Heinrich von Kleist. In Löhrs „Erlkönig-Manöver“ amalgieren zwei literarische Genres, die eigentlich so gar nicht zusammenpassen wollen: Der historische Roman und postmoderne Meta-Literatur, die sich als fröhliche Zitatenmontage präsentiert. So wird das „Erlkönig-Manöver“ gleichsam zum Prototyp des „literaturhistorischen Romans“. Selbstverständlich ließe sich mit gutem Recht ähnliches auch von den straff durchkomponierten, intellektualisierten Historienromanen Umberto Ecos – und von denen seiner zahlreichen Epigonen – behaupten. Was Löhrs Abenteuergeschichte jedoch vor vorschnellen Etikettierungen rettet, ist das sichere Gespür des Autors für Pointen und für die innere Absurdität seines Themas.
So kommt das „Erlkönig-Manöver“ über weite Strecken als brüllend komisches literaturhistorisches Vexierspiel daher. Der alte Geheimrat Goethe, der wie wir wissen, noch viel viel älter werden wird, spricht unablässig im Ton des würdigen Greises und erwartet seinen baldigen Abschied vom irdischen Leben, der eigentlich sterbenskranke Schiller zelebriert eine schier dionysische Lebenslust und der neurotische Zweifler Kleist wird bei Löhr zum heißblütigen Waffennnarr. Dies ist durchaus folgerichtig, denn nicht in erster Linie die realen historischen Personen, sondern deren Schriften sind die Vorbilder für das Klassikerpersonal des Romans.

Faustkämpfe

Wer also auf die Idee käme, Löhr für seine historischen und biographischen Ungenauigkeiten zu kritisieren, der ist seinem Spiel mit literarischen Vorlagen nur allzu bereitwillig auf den Leim gegangen. Ihm wird alles, was er finden kann, zum Material: Autobiographische Texte, wissenschaftliche Arbeiten, historische Quellen – und immer wieder Literatur. Löhr kennt und liebt seine deutschen Klassiker, so viel ist sicher. Und er haucht ihnen mit sicherer Hand Leben ein, skizziert sie als wirkliche Personen, gibt jedoch gleichzeitig stets bereitwillig ihren konstruierten Charakter zu. Selten hat die zeitgenössische deutsche Literatur einen spielerischeren, leichtfüßigeren Umgang mit ihrem übermächtigen Erbe gesehen. Dass Löhr ab und an zu Kalauern neigt und tatsächlich den Geheimrat – als einsamen Höhepunkt auf der Klamaukskala – einen Kampf Mann gegen Mann mit den Worten „Faust I“ und „Faust II“ kommentieren lässt, tut dem Vergnügen des Lesers bzw. Hörers nur wenig Abbruch.

Ein glänzendes Vergnügen

Man durfte also gespannt sein, wie sich dieses Kleinod in einer Hörbuch-Fassung machen würde; wie ein einzelner Sprecher den Variantenreichtum des Textes und das stets gegenwärtige Zitatenspiel zur Geltung bringen könnte. Die Antwort überrascht den geneigten Hörer: Löhrs Roman scheint in der Hörbuchfassung sogar noch einmal zu gewinnen. Der Schauspieler und Radio-Redakteur Helge Heynold liest unaufgeregt und mit angenehm tiefer Stimme, schafft mühelos die zahlreichen Rollenwechsel und konzentriert den Text auf seinen Kern. Heynold präsentiert das „Erlkönig-Manöver“ zuallererst als spannende, augenzwinkernde Abenteuergeschichte. Die zahlreichen Wendungen und Kniffe des Romans gewinnen durch den Vortrag an Schärfe. Dass Löhr bei aller Finesse ein traditioneller, fast braver Erzähler bleibt, gereicht gerade der Hörbuchbearbeitung zum Vorteil: Sie zeigt sich vor allem als große Unterhaltung mit Witz und Verstand – nicht das schlechteste Vorhaben für ein Hörbuch, sollte man meinen. „Das Erlkönig-Manöver“ garantiert mehr als sechs Stunden beste Hörkultur, die auf hohem Niveau glänzend unterhält. Wer allerdings von diesem wunderbaren Hörbuch neue Erkenntnisse über die klassische Epoche deutscher Kultur erwartet – und somit in die vom Autor gelegte Falle tappt – ist selber Schuld. Er wird ein glänzendes Vergnügen verpassen. Im Übrigen schafft Löhr etwas, was das echte Leben leider nicht zustande bringen konnte. Im Schlussbild reiten zwei große Männer versöhnt, in ewiger Freundschaft nach Hause: Kleist und Goethe konnte eben nur die Literatur so nahe zusammenbringen.

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

... bis sie dann gestorben sind.

Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

Musik in Schwarz-Weiß

Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

Zwischen Karikatur und Avantgarde

Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter