TITEL kulturmagazin
Dienstag, 28. März 2017 | 12:10

Jürg Halter: Aber heute ist der Tag, an dem ich...

14.07.2008

Urs Meier statt Günther Netzer

„Die Vorstellung, dass ich in dem Moment ihren Ohren so nahe bin, befremdet mich irgendwie“ – der Berner Jürg Halter lädt ein zu einer sehr "persönlichen Lesung"! Von STEFAN HEUER

 

Noch immer wird in bestimmten Kreisen die Meinung vertreten, die Generation meiner Eltern habe sich zwischen den Beatles und den Rolling Stones entscheiden müssen, beides parallel sei einfach nicht gegangen (wobei ich zahlreiche Personen kenne, deren musikalische Sozialisation dieser Theorie entgegensteht). Und auch heute noch hat der Medienkonsument weitreichende Entscheidungen zu treffen. Als bestes Beispiel mögen hier die Experten-Teams bei der kürzlich beendeten Fußball-EM dienen: Gerhard Delling und Günter Netzer auf Seiten der ARD, Schwiegersohn Kerner & Co. im ZDF. Nun hatte man aufgrund des Wechsels der Übertragungsrechte keine wirkliche Wahl, dennoch wusste Netzer wie immer zu polarisieren und narkotisieren und ließ Vorfreude auf jene Tage aufkommen, an denen der Schweizer Urs Meier zu sehen/hören war. Hektik im Studio, Belangloses von Kerner, doch mit aller Ruhe und Betonung die Stimme eines Schweizers, der an dieser Stelle nicht nur eines der Gastgeberländer, sondern auch die Fraktion der gepflegten Sprache vertrat. Manch einer mag sich durch diese in ihrer Geschwindigkeit halbierte Sprache provoziert fühlen; ich aber höre die Schweizer gerne reden – und um hier den Kreis zu schließen: In der 1970ern musste man sich zwar nicht mehr zwischen den Beatles und den Stones entscheiden, konnte aber durchaus zwischen dem Humor eines Fips Asmussen und eines Emil Steinbergers wählen, und diese Entscheidung fiel bei mir sehr deutlich zugunsten des "Sprachhektikers" in Feuerwehruniform aus.

Der Verlag "Der gesunde Menschenversand" aus Luzern präsentiert mit "Aber heute ist der Tag, an dem ich mehr als sprechen will" das erste Hörbuch des 1980 in Bern geborenen und durch Auftritte bei Literaturfestivals in mehreren Kontinenten bekannt gewordenen Autors Jürg Halter, der vielen Kritikern nach seinem Gedichtband "Ich habe die Welt berührt" (Ammann Verlag, 2005) als neuer Heilsbringer der schweizerischen Lyrik gilt.

Ideal für ein ausgedehntes Schaumbad

Track 1, kurze Pause und Stille, Track 2, kurze Pause und Stille, Track 3... – so wäre es wohl "normal", wenn ein Autor für eine CD einige seiner Gedichte liest, denn letztendlich besteht dieses Hörbuch aus im breitesten Schweizerdeutsch vorgetragenen Gedichten aus "Ich habe die Welt berührt". Die CD zum Buch – klingt zunächst nicht besonders spektakulär, und das wäre es wohl auch nicht, wenn "Aber heute ist der Tag..." nicht den Charakter einer fiktiven Lesung hätte.

Und so wendet sich Jürg Halter direkt an seiner Hörerschaft, er bittet um Ruhe, erklärt sich und der Welt im ersten Text seine Kunst, mit der er den Versuch unternimmt, „die Sprache Dressur zu reiten, sie neu zu fügen nach seinem Gusto und seinem Gestus“ – ein Unterfangen, für das er sich von den Hörerinnen und Hörers Lautlosigkeit erbittet. Und die erbetene Lautlosigkeit ist durchaus angebracht, denn die Texte sind keine Pointenknaller von Slam-Bühnen, keine Reimmonster, die sich quasi von alleine in den Gehörgang rücken. Fern aller Schubläden schreibt Jürg Halter über die Liebe, über Reisen, die Bewegung und das dazugehörige Ziel. Es sind Sprechstücke, die Konzentration verlangen, um ihre volle Wirkung entfalten zu können. Nichts für nebenher im Auto, wenn man die Kinder zur Musikschule bringt. Vielmehr die männliche Begleitung für ein ausgedehntes Schaumbad.

Eine gute Stunde dauert diese "persönliche Lesung", während der sich der Autor nach dem Aufenthaltsort des Hörers erkundigt und das jeweils nächste Gedicht oder die Aufnahmesituation im Studio kommentiert. Man hört die Manuskriptblätter rauschen, das Klopfen gegen das Mikrophon, das Sprudeln des Mineralwassers, das kurz darauf geräuschvoll die Kehle Halters hinabgleitet. „Die Vorstellung, dass ich in dem Moment ihren Ohren so nahe bin, befremdet mich irgendwie, und ich sehe Sie nicht, und Sie sehen mich nicht. Alles, was ich jetzt für Sie bin, ist eine Stimme.“ – Und das stimmt! Erfreulicherweise eine höchst angenehme!

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

... bis sie dann gestorben sind.

Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

Musik in Schwarz-Weiß

Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

Zwischen Karikatur und Avantgarde

Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter