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    T.C. Boyle: Zähne und Klauen

    23.06.2008

    Der Mythos lebt

    T.C. Boyle ist ein Vielschreiber. Dass er allerdings nicht zu viel schreibt, beweist seine neue Kurzgeschichtensammlung, die von Boris Aljinovic kongenial vorgetragen wird. Von SEBASTIAN KARNATZ

     

    Als ich vor einigen Wochen zum ersten Mal das Rezensionsexemplar der neuen Kurzgeschichten- sammlung T.C. Boyles aufgeschlagen hatte, verdichtete sich eine lange gehegte Ahnung zur scheinbaren Gewissheit: Die Luft ist raus. Der Edelpunk der amerikanischen Gegenwartsliteratur, der mit Werken wie Wassermusik und Willkommen in Wellville moderne Epen, ausufernde, frische Prosa von unschätzbarem Gewicht in die Welt gesetzt hat und zurecht auch als Meister der kleinen Geschichten gilt, scheint ein Gefangener seiner eigenen Manier geworden zu sein.

    Stets linear erzählend, kalauernd und bemüht schräg mäandert er in seinen Kurzgeschichten durch die übliche Boyle-Welt voll von Tristesse, Weltschmerz und absurder Komik. Eine Männerwelt, die stets an der Dichotomie von Anspruch und Wirklichkeit leidet; eine Welt, die durch einen leichten – mitunter auch durch einen starken – Windstoß wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen kann. Dieses Muster hat Boyle in anderen ins Deutsche übersetzten Sammlungen wie Wenn der Fluß voll Whiskey wär (1991) schon mehrfach durchexerziert. Warum dann also dasselbe noch einmal anno 2008?

    Existentielle Alltagsdramen

    Es fällt schwer eine Antwort auf diese Frage zu finden. Sicher, der unglaubliche Einfallsreichtum des Meisters, sein Arsenal an scharf gezeichneten Figuren, das Tempo seiner Prosa – das kann auch heute durchaus noch faszinieren. Aber das Gefühl, dies alles schon einmal in ähnlicher Art und Weise gelesen zu haben, lässt sich einfach nicht verscheuchen. Bis: Ja, bis man die CD-Box des Hörverlags zur Hand nimmt, die ausgewählte, von Boris Aljinovic – allseits bekannt als Berliner Tatort-Kommissar – gelesene Geschichten aus Zähne und Klauen enthält. Da ist er dann auf einmal wieder, der Zauber T.C. Boyles, der es vermag, aus alltäglichen Geschichten existentielle Dramen zu machen, der dem Banalen eine tragische Tiefe verleiht.

    Aljinovic liest diese Kurzgeschichten nicht nur – er scheint sie tatsächlich vokal zu verkörpern. Seine Stimme erweckt die Figuren zum Leben, fängt die feinen Nuancierungen der Boyle’schen Prosa nahezu perfekt ein. Und die Geschichten danken es ihm, indem sie ihre volle Subtilität Preis geben und gleichsam neu zu atmen beginnen.

    Ein Schneetrauma

    Erst jetzt muss der geneigte Verfasser dieser Zeilen erkennen, dass es wohl kaum eine feiner komponierte zeitgenössische amerikanische Kurzgeschichte geben kann als „Vom raschen Aussterben der Tiere“. Eine Geschichte, die mit Alltäglichem beginnt – einem Wochenendausflug –, mit einer unvorhersehbaren Katastrophe weitergeführt wird – Schneechaos inklusive Autounfall – und mit einer wunderbaren Pointe endet. Eine Geschichte, die vom Besonderen ins Allgemeine vorstößt; die unaufdringlich und subtil von einer archetypischen Situation in unser aller Leben erzählt: von der Gier nach Körperlichkeit, nach Liebe, Sex und dem Drang nach Leben. Welches Element sollte denn solche existentielle Fragen besser verkörpern als Schnee? Überkam nicht schon Thomas Manns Hans Castorp ausgerechnet im kühlen Weiß eine tiefe Einsicht in das Wesen der Dinge?

    Aber – dies darf man bei aller Freude über die meisten der hier versammelten sieben Geschichten nicht vergessen – auch die Lesekunst Boris Aljinovics kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Boyle nicht immer auf der Höhe seines Könnens befindet. Eine müde Betroffenheitsfabel wie „Chicxulub“ jedenfalls, die uns verängstigte, um ihr Kind bangende Eltern im Krankenhaus präsentiert, zeigt, dass T.C. Boyle literarisch durchaus nicht unfehlbar ist.

    Nichtsdestotrotz finden sich in dieser Sammlung großartige Kleinode, bevölkert von schlaflosen Radiomoderatoren, hilflosen Säufern und – nomen est omen – einigen eher unappetitlichen Tieren. Wir, die Alltäglichen, die Normalen müssen es allzu oft mit dem Außergewöhnlichen, dem Undenk- und Unsagbaren aufnehmen – das ist der Grundtenor von Boyles Geschichten. Und zumeist sind wir zum Scheitern verurteilt. Das ist eine in ihrem tristen Fatalismus fast schon beruhigende Erkenntnis.

    Unterhaltungsliteratur für anspruchsvolle Leser

    So muss es der reumütige Verfasser also noch einmal bekennen: T.C. Boyle hat auch im Jahr 2008 nur wenig von seiner einstigen Strahlkraft eingebüßt. Seine literarischen Strategien bleiben zwar weitgehend traditionell und seine auf Hochgeschwindigkeit laufende Metaphern- Maschine produziert durchaus auch einmal weniger Gelungenes, unter dem Strich stehen jedoch einige fantastische Kurzgeschichten, die den Mythos „T.C. Boyle“ am Leben halten.

    Zähne und Klauen ist Unterhaltungsliteratur im besten Sinne des Wortes: Literatur, die auch anspruchsvollste Leser wunderbar unterhalten kann. Die tiefe alltägliche Tragik dieser kleinen Dramen kommt in Boris Aljinovics Hörbuchfassung bestens zur Geltung. Deswegen: Lesen oder hören sie T.C. Boyle. Sie werden es nicht bereuen.


    Zur Hörprobe von Zähne und Klauen

     

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