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    Sonntag, 23. Juli 2017 | 04:46

    Manfred Lütz: Gott. Eine kleine Geschichte des Größten

    19.06.2008

    Der Anti-Gotteswahn

    "Eine kleine Geschichte des Grössten" ist ein höchst streitbares und steitlustiges Pamphlet gegen den angeblich reflektierten Unglauben. Von SEBASTIAN KARNATZ

     

    Richard Dawkins Streitschrift „Gotteswahn“ stellt alles Religiöse in den Kontext von Fundamentalismus und Glaubenskriegen. Der Vorkämpfer des Neo-Atheismus tritt dabei so polternd und argumentativ schwachbrüstig auf, dass sich selbst standhafte Glaubensferne von ihm abwenden. Das ebenfalls nicht immer redlich argumentierende katholische Pendant „Gott. Eine kleine Geschichte des Höchsten“ aus der Feder des Psychologen und Theologen Manfred Lütz liegt nun in einer durchaus gelungenen Hörbuchfassung vor.
    Es beginnt mit Elton John und Lady Diana. Eine Totenklage bisher unbekannten Ausmaßes. Verzweiflung und Trauer ob des Verlustes einer Königlichen aus dem Volke, keine Hoffnung auf ein Leben nach dem irdischen Sterben. Aber da erhebt sich ein Lied aus diesem Tal der weltlichen Tränen, ein Lied, das die Menschheit für kurze Zeit eint und ihr zumindest eine Ahnung von der übermateriellen Schönheit, vom ewigen Trost Gottes gibt. Dies, liebe Leserinnen und Leser, ist Kitsch. Esoterisch verquaste Weltanschauungsprosa, die eigentlich recht gut zu „Candle in the wind“ passt. Es ist gleichzeitig aber auch der Prolog einer fünf CDs umfassenden Hörbuch-Fassung des Sachbuch-Bestsellers „Gott. Eine kleine Geschichte des Größten“. Der Facharzt für Nervenheilkunde, Psychiatrie und Psychotherapie Manfred Lütz – im Nebenberuf Diplom-Theologe – hatte 2007 einen veritablen Überraschungserfolg erzielen können, indem er dem Boom des moderat konservativen Katholizismus eine Stimme verlieh. Dabei bleibt die Elton-John-Episode – Gott sei es gedankt! – einer der wenigen wirklichen Ausrutscher auf dem dünnen Eis des guten Geschmacks. Vernünftig, bildungsbürgerlich, aber jederzeit angriffslustig und glaubenssicher kommt Lütz zumeist daher – ein moderner Georg im Kampf mit dem Drachen der postmodernen Beliebigkeit.

    Katholischer Populismus?

    Nüchterne Gemüter bemängelten jedoch schon bei der Druckfassung dieser Streitschrift einen Mangel an Differenzierungswillen und attestierten Lütz blanken katholischen Populismus. Dies taten sie sicherlich nicht ganz zu Unrecht. Lütz fährt gegen die bösen Geister des Atheismus alles auf, was ihm über den Weg läuft: Eben jener Elton John, Bach, Raffael, Mutter Theresa, obskure Beispiele aus seiner eigenen Alltagswelt, Kants eher sprichwörtliche sexuelle Unzulänglichkeit, Freuds Idiotie und völlige Überholtheit, die angeblich atheistischen Großversuche des real existierenden Kommunismus und des Faschismus et cetera.
    Dass bei einer derart geballten Kette von Themen vieles zwangsweise nur angeschnitten werden kann und einiges intellektuell eher halb durchdacht daherkommt, versteht sich nahezu von selbst. Dafür polarisiert Lütz auch einfach zu gerne. So legt er – um beim eingangs zitierten Beispiel zu bleiben – Elton John auf der Ebene seines Textes den modernen Nihilismus in den Mund, während die Musik jedoch über das Irdische hinausweise. Als Beweis für diese These zitiert er die zentrale Metaphorik des Songs: „And it seems to me you lived your life like a candle in the wind“. Dass allerdings an diese Metapher eine Ewigkeitsvorstellung anschließt – „and your footsteps will always fall here along Englands greenest hills – verschweigt er freilich geflissentlich.

    Wider den angeblich reflektierten Unglauben!

    Nach diesem Muster geht Lütz gerne vor. Hinter seinen scheinbar guten Argumenten verbirgt sich des Öfteren eine grobe intellektuelle Verkürzung. So spricht er beispielsweise der Kunst jegliche Daseinsberechtigung ab, wenn sie nicht vor dem Hintergrund des von Gott mit großartiger Begabung ausgestatteten Künstlerindividuums gesehen werde. Das ist selbstverständlich nichts weiter als esoterisches Blendwerk. Und natürlich allein schon deswegen problematisch, weil Lütz’ Gott der katholische Gottvater ist, die Menschheit – und damit auch die Kunst – hingegen viele Götter kennt.
    Trotz allem ist diese polarisierende Kampfschrift gerade als Hörbuch ein durchaus unterhaltsames Spektakel. Die Lust am Polarisieren, der Wille gegen die ebenfalls nicht gerade durch saubere Argumente auffallenden Vertreter des Neo-Atheismus in den Ring zu steigen ist tatsächlich aus jeder Silbe dieser Produktion zu hören. Manfred Lütz selbst trägt seinen Text vor und jener gewinnt dadurch in der Tat noch einmal an Schärfe, Ironie und Streitlust. Dass Lütz allen Verkürzungen zum Trotz ein kluger Kopf ist, der als wahre Zitatenmaschine die Geistesgeschichte beackert, macht „Gott“ zumindest zu einer kleinen bildungsbürgerlichen Trickkiste des Anti-Atheismus, die man im Kampf gegen die biederen Dawkins-Jünger immer mal wieder gerne auspacken kann.
    Der Titel dieser Streitschrift allerdings bleibt auch in der Hörfassung eine Mogelpackung. „Gott“ ist keine kleine Geschichte des Höchsten, sondern ein höchst streitbares und steitlustiges Pamphlet gegen den angeblich reflektierten Unglauben.

     

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