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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. Juli 2017 | 02:43

    Heinz Strunk: Der Schorfopa

    06.11.2007

    Heilen mit Brühe

    Heinz Strunk bewegt sich jenseits jeglicher Political Correctness und gern auch unterhalb der Gürtellinie. Von INGEBORG JAISER

     

    Als Nachfolge der 2006 erschienenen CD „Mit Hass gekocht“ veröffentlicht Heinz Strunk alias Mathias Halfpape nun mit „Der Schorfopa“ eine weitere Sammlung schräger Kurz- und Kürzesthörspiele, einen abgedrehten Mix aus Medienpersiflage, Situationskomik und purem Nonsens. Seine Themen machen vor keinem täglichen Wahnsinn Halt: Kneipe, Fußball, Sitcom, Werbung...

    Eine Warnung vorneweg: Der Strunker grummelt und grunzt, nuschelt und nörgelt, kalauert und krakeelt, was das Zeug hält. Begleitet von einer quälend süßlichen Bontempi-Orgel, die sich hartnäckig durch etliche Beiträge jingelt. Dass Strunk dabei allen Figuren seine Stimme leiht, sämtliche Töne selbst erzeugt, ist eine erstaunliche Leistung, auch wenn der Lärmpegel stellenweise an den Nerven zerrt. In den besten Momenten fühlt man sich an die frühen Stücke Helge Schneiders erinnert, wobei das Ruhrgebiets-Ambiente unverkennbar gegen ein norddeutsches Szenario ausgetauscht wurde.
    Wer schon Heinz Strunks urkomischen Roman Fleisch ist mein Gemüse gemocht hat, wird eine der dortigen Szenen im Hörstück „Samosteller“ genial vertont wiederfinden: Ein Abend beim griechischen Wirt Dimitri, der allen schlechten Erfahrungen zum Trotz aus reiner Gewohnheit immer wieder besucht wird, auch wenn regelmäßig der Koch erkrankt und der Salat zu sauer ist. Dimitri geschäftsmäßig entschuldigend: „Meine Frau hat schon gesagt, vielleicht nix gut.“
    Während im Roman „vielleicht nix gut“ zum vielzitierten geflügelten Wort avanciert, kann es augenzwinkernd auch auf die CD angewandt werden. Heinz Strunk bewegt sich jenseits jeglicher Political Correctness und gern auch unterhalb der Gürtellinie. Titel wie „Das Penistier“, „Schlimme Augenwurst“ oder „Die Kackstelze“ sprechen für sich. Auch seine Werbeparodien („Heilen mit Brühe“) oder die Interviews mit Möchtegern-Berühmtheiten („Hitlers letzter Diener“, „Womanizer“) sind alles andere als jugendfrei.

    Tatort Kneipe

    Doch zurück zu den Kneipenszenen, die unbestritten zu den Strunk’schen Spezialitäten zählen. So ist auch das absolute Highlight – das wunderbar selbstreferentielle „Heinz S. Fanclubtreffen“ - gekonnt auf der Mitte der CD platziert. In hochexplosiver Abfolge wird ein Lautgewitter rülpsender, pupsender, johlender Töne abgefeuert, dass es eine wahre Freude ist. Hier lohnt es sich durchaus, diesen Track mehrfach zu hören, schieben sich doch die verschiedenen Klangebenen wie Kulissen hintereinander – mit Entdeckerlust lässt sich der brodelnde Soundteppich sukzessive in einzelne Stimmen aufspalten.
    Auch die „Geschwindigkeitsbegrenzung“, das erste und mit 44 Sekunden ultrakurze Stück auf der CD, setzt ein einziges, in Stammtischmanier geäußertes Statement vor das lärmende Tohuwabohu einer ausufernden Kneipenschlägerei. Wen wundert es da noch, dass Heinz Strunk von der Zeitschrift „Visions“ zum „David Lynch des Humors“ gekrönt wurde.

    Neben kurzen Stücken, die von reinem Nonsens und absurdem Witz leben, glänzt die CD auch mit einer bärbeißigen Satire auf das Bildungsbürgertum. Wer sich jemals durch eine geistlose Lesung oder ein sterbenslangweiliges Konzert gequält hat, wird am Hörspiel „Zeit“ seine Freude habe. Wie hier ein rezitierender Anthroposophie-Professor mit Improvisationen am virtuell-analogen Synthesizer begleitet wird, ist Strunk at his best - und wurde von Filmstyler Pictures zu einem kongenialen 5-minütigen Kurzfilm verarbeitet.

    Auch wenn sich nicht alle Stücke auf gleichem Niveau bewegen, kann man nicht anders, als Strunks Arbeit mit gewisser Bewunderung zu begegnen. Schließlich stammen Konzept, Aufnahme, Schnitt, Produktion, Sprache und nicht zuletzt der Booklet-Text von ihm. Letzteres entpuppt sich streckenweise als herrliche Parodie auf intellektuelles Marketinggeschwafel. Genüsslich suhlt sich Strunk in „Neupositionierung am hochmargigen Lifestylesegment, Fokussierung aufs Kernportfolio, eine Wertschöpfungskette, der niemals die Perlen ausfallen, den kapitalintensiven Massenmarkt durch Dumping perforieren, Profitcenter Mensch, Synergien, positiver Cashflow!!!“ Um seufzend anzuhängen: „Ach, ich könnte ewig so weitermachen…“
    Ja, dass Strunk so weitermacht, glauben wir ihm aufs Wort. Wir können gespannt sein, wo das noch alles hinführen wird.

     

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