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Wilhelm Busch: Der Schmetterling

04.10.2007

Der böse Busch
Wer sich in seiner Kindheit stets gewundert hat, warum Max und Moritz – nebenbei bemerkt auf durchaus brutale Art und Weise – sterben müssen, der kann nun in diesem wunderbaren Hörbuch die andere Seite Wilhelm Buschs, einen gebrochenen spätbiedermeierlichen Radikalmoralisten mit einem gewissen Hang zur psychischen und physischen Brutalität, in ihrer vollen Blüte kennen lernen.

 

Kurios. In der Tat kurios. Der späte Prosaist Wilhelm Busch. Eine Entdeckung? Das 1895 erschienene Märchen „Der Schmetterling“ zeigt uns einen Wilhelm Busch, wie ihn die meisten von uns wohl nicht kennen dürften. Es erzählt uns die Geschichte des Schneiderlehrlings Peter, der eines Tages die bedrückende Enge seines Zuhauses verlässt und eine relativ ziel- und planlose Reise in die große weite Welt unternimmt. Das Symbol dieser Reise ist ein wunderbarer Schmetterling, dessen flüchtige Schönheit Peter zu besitzen trachtet. Sein Weg ist ihm diktiert, die Jagd nach dem verlockenden Insignum der Freiheit treibt ihn voran. Wilhelm Busch versieht seine Geschichte mit dem konstitutiven Personal des Märchens: Es geht zauberhaft zu in dieser Welt. Hexen, Goldesel und andere Fabelwesen säumen den Weg des jungen Schneiderlehrlings.

Die Abgründe der biedermeierlichen Idylle

Doch unter der Oberfläche des spätbiedermeierlichen Märchens schlummern tiefe Abgründe. Angesichts der hintergründigen Monstrosität dieser Erzählung wie der Klappentext von einer „gebrochenen Biedermeieridylle“ zu sprechen, würde fast schon bedeuten, die perfide moralische Rigorosität des Textes zu verniedlichen. Die Reise geht über die Grenzen der psychischen Versehrtheiten hinaus, statt des juvenilen Geistesverwandten des Eichendorffschen Taugenichts kommt ein psychisch und physisch gebrochener Krüppel zurück, den nicht einmal mehr seine eigenen Verwandten erkennen.
Und die Moral von der Geschichte? Starkes Begehren, die Gier nach maximalem Lustgewinn führt direkt hinein in den Abgrund des eigenen Ichs und lässt nichts als verbrannte Erde zurück. Dies ist eine unerfreuliche und nahezu menschenverachtende Pointe. Wilhelm Busch als Adalbert Stifters Bruder im Geiste? Näher zumindest scheint er dem Meister der subtilen Dekonstruktion des ersehnten Biedermeieridylls jedenfalls nicht kommen zu können. Doch – auch dies teilt der kleine „Der Schmetterling“ mit den großen Erzählungen Stifters – sogar das selbstgenügsame Zurückziehen in die eigenen vier Wände bedeutet keine Rettung mehr aus der Misere der eigenen Existenz. Die Zauberwesen verfolgen Peter, sie dringen auch in seine scheinbar beschauliche Realität ein. Ihrem Bann zu widerstehen, bedeutet gleichzeitig alle Leidenschaften in seinem geschundenen Körper abzutöten.

Freud hinterm Busch

Aus der anfänglich schelmischen Burleske der jugendlichen Befindlichkeit wird, stets nahe an der Freudschen Psychoanalyse, das Drama des Erwachsenwerdens – mit all dem Scheitern und all den Verletzungen, die dieser Prozess mit sich bringt. Ein kleiner Entwicklungsroman ohne Happy End, denn genau das lehrt uns Busch: Jede unserer Handlungen, sei sie noch so sehr vom unbeschwerten Übermut der Jugend geleitet, bringt bittere Konsequenzen mit sich.
Der Schauspieler Robert Meller liest diese kleine, bösartige Erzählung in distanziertem, stets leicht ironischem Ton vor. Er lässt sich – dies ist ohne Zweifel seine große Leistung – nie zum Gefangenen der Brüche des Textes machen. So schafft er es tatsächlich, dass das Gehörte, der Text selbst, seine Pointen entfalten kann, nicht der Sprecher. Wer also die andere, dunkle Seite Wilhelm Buschs – die natürlich auch in den bekannteren lyrischen Werken schlummert – im Spätwerk des Dichtes kennen lernen will, sollte ohne zu Zögern dieses wunderbare, ungekürzte Hörbuch erwerben. Es lohnt sich allemal.

Sebastian Karnatz

Wilhelm Busch: Der Schmetterling. Die märchenhaft-närrische Odyssee eines Schneiderlehrlings, gelesen von Robert Meller. 2 CDs, ca. 140 Minuten. Erschienen bei: Random House. Preis: 19,95 Euro.

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