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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 27. Mai 2017 | 12:02

     

    Marcel Reich-Ranicki: Über Literaturkritik

    12.08.2007

    Dies ist ein gutes Hörbuch!
    Die Literaturkritik ist ein hartes Geschäft. Nicht zuletzt deswegen weil sich gute Literatur beharrlich gegen voreilige Kategorisierungen wehrt. Dieses Hörbuch versucht dem Wesen der Literaturkritik auf den Grund zu gehen. Das soll Spaß machen? Oh ja, wenn es von Marcel Reich-Ranicki stammt, tut es das!

     

    Marcel Reich-Ranicki ist ein Phänomen. Seine Vita nötigt auch den ärgsten Feinden zumindest Respekt ab: Ein Überlebender des Warschauer Ghettos, der sich nach dem Krieg für seine Heimat Deutschland entscheidet und anschließend als Mitglied der Gruppe 47, als Literaturkritiker der ZEIT und Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung den literarischen Diskurs Nachkriegsdeutschlands entscheidend mitbestimmt.

    Trotz allem kennt wohl nahezu jeder nachfolgend geschilderte Situation: Eine gesellige Runde intelligenter Menschen mit vorwiegend literarischen Interessen driftet in eine Diskussion über das Wesen der deutschen Literaturkritik ab. Ein besonders sprachbegabtes Mitglied der Runde beginnt mit übertriebener Gebärdensprache, aggressiv lispelndem Ton und apodiktischen Sentenzen – „Dieses Buch ist schlecht!“ – Marcel Reich-Ranicki nachzuahmen. Man amüsiert sich prächtig, schüttelt den Kopf ob der Erinnerung an das legendäre „Literarische Quartett“ und konstatiert abschließend die Verrohung der deutschen Literaturkritik. Das traditionelle – und durchaus nachvollziehbare – „Ranicki-Bashing“ scheint zu den liebsten Spielen der intellektuellen Eliten zu gehören. Reich-Ranickis wunderbare Autobiographie hat man natürlich trotzdem mit Gewinn gelesen, seine Aufsatzsammlungen als Höhepunkte der Nachkriegsliteraturkritik gelobt und seinem erst kürzlich vollendeten Kanonprojekt zumindest Achtung gezollt. Man sieht: Dieser Mann fördert die Fähigkeit des dialektischen Urteils!

    Das vernichtende Urteil des Kunstrichters

    Dabei ist er selbst an seinem zweifelhaften Ruf natürlich nicht ganz unschuldig. Solange man seine Beiträge zur literarischen Debatte noch vornehmlich in den Edelmedien ZEIT und FAZ lesen konnte, blieb er zwar streitbar, aber ernstzunehmend. Mit unbändigem Leseeifer und großer Kennerschaft kämpfte Ranicki für das, was er ganz persönlich für gute Literatur hielt. Als er jedoch Ende der 80er Jahre das Fernsehen als Bühne seines gerechten Kampfes auserkor, begann gleichzeitig seine zweite Karriere als „Literaturpapst“ der Unterhaltungsmedien. „Das Literarische Quartett“ konnte nur auf der Ebene des schnellen, apodiktischen Urteils, des mit lauten, effektreichen Mitteln ausgetragenen Kunstrichterstreits funktionieren. Ranicki nahm die Rolle des harschen Kritikerkönigs dankend an und füllt sie zur Freude der Massenmedien bis heute mit großer Verve aus.

    So ist es auch kein Wunder, dass sich der Random-House-Verlag nicht entblödet die Veröffentlichung einer Doppel-CD mit Reich-Ranickis gesammelten Aufsätzen über Literaturkritik mit der prägnanten Zeile „Fern der Theorie und den Lesern nah...“ zu bewerben. Dieses – übrigens gleichfalls himmelschreiend apodiktische – Urteil der Berliner Zeitung zur Verleihung der Ehrendoktorwürde der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin an Marcel Reich-Ranicki spiegelt den deutschen Urkonflikt mit zeitgenössischer Literaturkritik auf das Genaueste wider. Wer seine Meinung kundtut, hat kein Konzept, keinen theoretischen Unterbau.

    "Schlagt ihn tot, den Hund! Er ist ein Rezensent."

    Gegen dieses und mannigfaltig andere Vorurteile wehrt sich der „Literaturpapst“ in seinen angenehm dezenten, bildungssatten Aufsätzen, die gesammelt einen großen Essay zum Stand der Literaturkritik ergeben. Er beleuchtet das schwierige Verhältnis der deutschen Intelligenzija zu ihren Chefkritikern. Schon der junge Goethe wusste schließlich, wie man gegen diese unliebsame Zunft vorzugehen hat: „Schlagt ihn tot, den Hund! Er ist ein Rezensent.“ Die Abneigung gegen die Kritik mag befremden, schließlich schlugen sich viele Dichter – Theodor Fontane sei hier an erster Stelle genannt – als Kritiker höchst respektabel. Ranicki führt dieses schwierige Verhältnis der Deutschen zur Kritik auf einen Sonderweg der nationalen Geschichte zurück: Kritik galt lange Zeit als gefährlich, mit Obrigkeiten sollte man sich besser nicht anlegen. Eine in der Tat durchaus streitbare These. Einleuchtender erscheint die zweite große Linie in seinem Essay: Die Verehrungsbereitschaft, die die Deutschen ihren Dichtern gegenüber an den Tag legen, hemmt notwendigerweise ihre Fähigkeit, Kritik zu üben.

    Trotz allem hat Deutschland immer wieder brillante Kritiker hervorgebracht – die Liste reicht von Gotthold Ephraim Lessing über Ludwig Börne, Kurt Tucholsky, Walter Benjamin bis zum Autor selbst. Dabei ist selbstverständlich keiner der angesprochenen Herren vor Fehlurteilen gefeit. Wenn Tucholsky beispielsweise den nicht ganz zu Unrecht fast vergessenen Oskar Panizza für den größten Dichter seiner Zeit hielt, dann besitzt dies für uns Heutige einen allenfalls historischen Wert.

    Marcel Reich-Ranicki führt uns selbst mit seiner charakteristischen Stimme und einem überraschend zurückhaltenden Timbre durch seine Überlegungen zum Wesen der Literaturkritik. Der Hörer fühlt sich dabei gleichzeitig blendend unterhalten und belehrt. Über Literaturkritik ist ein kleines Denkmal für Generationen von streitbaren Kritikern und – freilich unbeabsichtigt – auch für den Autor selbst.

    Auf diese Art und Weise wird man ihn in Deutschland weiterhin verehren: Belesen, gelehrt, kritisch und selbstverständlich stets Gegenrede provozierend. Freunden und auch Gegnern des „Literaturpapstes“ sei dieses kleine, aber feine Hörbuch also wärmstens ans Herz gelegt, bietet es doch eine einmalige Chance wieder einmal jenem Marcel Reich-Ranicki zu begegnen, dem man gerne auf eine Reise in das Wunderland der Literatur folgt. Und ob wir dies in einer fernen Zukunft auch von der derzeitigen Chefkritikerin der Nation, Elke Heidenreich, behaupten werden, erscheint heute doch zumindest zweifelhaft.

    Sebastian Karnatz


    Marcel Reich-Ranicki: Über Literaturkritik. Gelesen von Marcel Reich-Ranicki. Ungekürzte Lesung, 2 CDs, ca. 105 Minuten. Random House 2007. 19,95 Euro.

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