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    TITEL kulturmagazin
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    Arno Schmidt: Lesungen, Interviews, Umfragen

    14.06.2007

    „Genie – ich hab´s“
    Der sprechende Arno Schmidt: ein Privatissimum


    Von Arno Schmidt, dem Solipsisten in der Lüneburger Heide, gibt es trotz seiner „Öffentlichkeitsscheu“ zahlreiche Bild- & Tondokumente, darunter auch private Gespräche auf seiner Bargfelder Hausveranda. Speziell sie sind eine unverhoffte jokose Entdeckung.

     

    Verwunderlich, erstaunlich, ja geradezu ärgerlich ist es, dass gerade dieses außergewöhnlich- außerordentliche Buch nicht zu einem der „Schönsten Bücher“ des deutschen Buchhandels gekürt wurde. Denn die in ihm versammelten „Lesungen, Interviews, Umfragen“ lassen den so ganz & gar dem öffentlichen „Literaturbetrieb“ abgewandten Arno Schmidt als Vorleser eigener Prosastücke für den Rundfunk, als Interviewpartner für Rundfunk- & Fernsehbeiträge in Wort & Bild vor uns erstehen – neben seiner Beteiligung an Zeitungsumfragen. Ein Buch also, das mehr als ein Buch ist. Denn neben der Transkription der Interviews enthält es eine DVD und zwölf CDs!

    Die „Schönheit“ dieses Mixtum Kompositums besteht aber in der Art, wie die Arno Schmidt-Stiftung, in deren „Bargfelder Ausgabe“ dieser Band 2 der „Supplemente“ erschienen ist, das Problem der Integration von Schrift-, Ton- & Bildträgern in ein Buch gelöst hat. Der hart & dick kartonierte Schuber ist mehr als ein Schutz, nämlich eine Schatzkammer. In ihr befinden sich zum einen der, wie alle Bände der Ausgabe, in braunem Leinen gefasste Textband mit den Transkriptionen der Interviews; zum anderen aber ein zweiter Schuber, in dem, wie bei einem Schmidtschen Zettelkasten, die DVD und die 12 CD so hintereinander angeordnet sind, dass man sie auf einen Blick im Auge hat. Diese Form zitiert also spielerisch & erfinderisch eine diesem Autor eigene Produktionsweise und ist ebenso praktisch nutzbar wie ästhetisch gelungen.Die meisten der Tondokumente – von einer Lesung „Gadirs“ und des „Leviathan“ aus dem Debüt, über „Kühe in Halbtrauer“, einer Vielzahl kürzerer Stücke (meist aus „Trommler beim Zaren“) bis zu Essays wie „Nebenberuf: Dichter“, „Die moderne Literatur und das deutsche Publikum“ oder zuletzt „>Finnegans Wake< von James Joyce“ - waren früher auf Kassetten schon publiziert worden; ebenso die aus einem Gespräch mit Christian Gneuß hervorgegangene Schallplatte „Vorläufiges zu Zettels Traum“. Die rund 30 Minuten der DVD bestehen aus drei Fernsehinterviews, die Journalisten zum Erscheinen von „Kaff“, des Karl-May-Buchs „Sitara“ und zu Schmidts 50. Geburtstag – alle zwischen 1961/64 in Bargfeld – geführt haben. Die zeitlich spätesten Ton-Dokumente aber, die bislang noch nicht veröffentlicht worden waren, sind zugleich die intimsten, kuriosesten und naturalistisch lebendigsten. So nahe haben die Schmidts kaum je einen Journalisten an sich herangelassen und sich ihm plaudernd geoffenbart. Der „Spiegel“- Redakteur Gunar Ortlepp hat die Tonbandaufnahmen (als Grundlage für seine Artikel) zum Erscheinen von „Zettels Traum“ am 10.4. und nach dem Wirbel um dessen Raubdruck am 27. 8. 1970 auf der Veranda des Schmidtschen Hauses mit Arno und Alice Schmidt aufgenommen.

    Arno & Alice mit Cognac über Raubdrucker

    Obwohl zur Veröffentlichung nie vorgesehen, ist sich Schmidt an einer Stelle des Dokumentcharakters durchaus bewusst. Zu der sich immer wieder einmischenden Alice bemerkt er ironisch: “Lilli, was soll der Hörer mal für´n Eindruck bekommen, wenn Herr Ortlepp das im Kreise der Vertrauten hinter Mitternacht bei der Flasche dann einmal abspielt: die reinredet, das ist seine Frau“ – „Schicksal“, wirft Alice ein, und Arno darauf: „Kismet, Kismet sagt man, nicht, Süße, es ist dein Kismet, ich bin dein Kismet, that´s right“.

    So charakteristisch die Bilddokumente für die öffentliche Selbstinszenierung Schmidts sein mögen, die nicht nur in seiner steifen, ja aufgesteiften Körperhaltung, seiner maskenhaften Mimik und in der noch eindrücklicheren akustischen Physiognomie, der Farbigkeit, Tempo-& Tonlagendramaturgie seiner prononciert hochdeutschen Sprechweise, die ebenso höflich wie bestimmend ist – ich denke: ein höchst fruchtbares Feld zu ausschweifend-detaillierten Studien für ausgepichte Analytiker der anthropologischen, psychoanalytischen, physiognomischen Sichtweisen! -, so wahrhaft faszinierend, erheiternd und komisch sind doch erst recht die Dank Ortlepp überlieferten, von Cognac, Whisky, Kaffee beflügelten, von den ländlichen Hintergrundgeräuschen vorbeifahrender Traktoren und ferner Kreissägen begleiteten, laufend ineinander verhakten, polyphon bzw. kakophonisch überlagerten, aus- & abschweifenden Dreiergespräche auf der Veranda des Schmidtschen Hauses.

    Es sind Wort- & Satzmusiken für ein Beckettsches Minimal-Personal, das gelegentlich wie ein imaginäres Gespräch von Cervantes mit Don Quichotte und dem (hier weiblich besetzten) Sancho Pansa erscheint, würden sie einen nicht öfter doch an ein ungeschriebenes Stück des Absurden Theaters aus der Feder eines gut gelaunten Eugène Ionesco (?) denken lassen. „Ich bilde mir ein, ein großer deutscher Humorist zu sein“, sagt Arno Schmidt einmal mit Stolz. Wie recht er hat ! Aber dass diese insgesamt dreistündigen Gespräche nun zur unfreiwilligen „Aside“- Komik seines Oeuvres gehören – gewissermaßen Schmidts Beitrag zu der einmal dabei besprochenen „Automatischen Schreibweise“ der Surrealisten – verdanken sie verschiedenen Koinzidenzen.

    Zum einen dem gut gelaunten Autor, der nach der mehrjährigen Klausurarbeit an „Zettels Traum“ im stolz geschwellten Vorgefühl des hohen Glücks, der literarischen Welt mit seinem Opus Magnum und dessen etymistischer Schreibpraxis samt der von ihm über Freud hinaus „entdeckten“ angeblich „4. Instanz“ ein unhintergehbares Meisterwerk geschenkt zu haben, sich als „fleißiges Genie“ nun selbstbewusst in die weltliterarische Reihe Smollett, Sterne, Carroll und Joyce stellt; und der deshalb von der zeitgenössischen deutschen Literatur der Walser, Grass, Johnson sagen kann: „We are not amused“.

    Die Urform des Schmidtschen Terzetts

    Zum anderen trägt die private Atmosphäre eines häuslichen Gesprächs mit einem Partner zum „Gelingen“ bei, der - wie Ortlepp – schon lange mit Schmidt und seinen Büchern vertraut ist und nun, zusammen mit der haushälterischen Alice, genau jenen Personenkonstellationen entspricht, die der Autor so oft in seinen Erzählungen, Romanen und Radioessays – ja bis hin zu „Zettels Traum“ – durchgespielt hat: den Alles wissenden „Pagenstecher“; den ein wenig aufmüpfigen, aber doch nicht ganz „unkundigen“ schülerhaften Freund; und die dazwischenfunkende weibliche Stimme. Kurz: es ergab sich jeweils die Grundkonstellation des ebenso „belehrenden“ wie humoristischen Dialogs á la Schmidt.

    Gunar Ortlepp fungierte als der getreue Eckhart, der zum einen, gefüttert von His Master´s Voice, dem Großen Buch publizistisch an der besten Stelle, dem „Spiegel“, Starthilfe qua „Lesemodell“ geben, zum anderen aber dem Existenz bedrohenden Skandal der raubdruckerischen Enteignung lautstark öffentlich begegnen sollte, nachdem Schmidt ein Gespräch mit den Raubdruckern von „Zettels Traum“ am Zaun der Bargfelder Einsiedlerklause, das diese mit den Worten „Good luck“ beendet hatten, sein ironisches „Gut Raubdruck“ nachgeschickt hatte.

    Zweifellos enthalten diese Terzette, vor allem von Arno Schmidts Seite, ungemein viele signifikante, charakteristische Aussagen, sowohl zu seinem künstlerischen Selbstverständnis wie auch zu seinen privaten existenziellen, politischen wie zeitaktuellen Meinungen. Dazu gehören auch Informationen zur Produktionsgeschichte von „Zettels Traum“ und zu Schmidts Kontakten mit Unseld & Boehlich vom Suhrkamp-Verlag oder Überlegungen zu Modernität und Zeitgenossenschaft des weltabgewandt lebenden, mit Radio, TV und dem Neckermann-Katalog sich aber für zeitgenössisch hinreichend ausgefüttert haltenden Schriftstellers. Für jeden Arno-Schmidt-Leser ist das ein ähnliches reich bestücktes Feld der authentischen Funde wie es Pompeji zum Verständnis des römischen Alltagslebens für Historiker gewesen ist. Aber dieses archivarische Interesse für das „Leben und die Meinungen des Arno Schmidt, Gentleman“ richtet sich nur auf eine, zweifellos für die Schmidt-Biografistik fündigste, (positivistische) Seite des uns unverhofft zugefallenen Wortdokuments aus Schmidts nächster Nähe. Dazu würde auch der Eindruck von Schmidts erstaunlicher, ironisch-humoristischen Souveränität im Umgang mit der Raubdruckerei von „Zettels Traum“ gehören, die trotz allem persönlichen Pathos, Ärger, Angst & Empörung des (nebenbei dadurch auch geschmeichelten) Autors aus den weitläufigen Gesprächen der Bargfelder Drei hervortritt.

    Das zwitschernde Vergnügen am Durcheinander

    Die andere Seite dieses „trivialen“ Dokuments sehe ich in seinen authentisch-ästhetischen Reizen. Sie sind doppelter Natur. Zum einen ist es akustisch, wie schon erwähnt, reinste oder besser: unreinste, nämlich oft kakophonische Wort- & Stimmenmusik der drei Akteure, wobei Arno Schmidt nicht selten zu einem sprachlichen Prestissimo neigt, aus dessen atemberaubender Schnelligkeit hervorgeht, wie konform sein Sprachausdruck seinen hochkonzentrierten, „blitz“gescheiten Denkbewegungen gewesen sein muss.

    Zum anderen aber verschafft einem die Transkription des (durcheinander) Gesprochenen erst so recht Einblick in die großen Melodie- (sprich: Satz-) Bögen des Gesprochenen. Wie eine Partitur entzerrt, verlangsamt sie das Akustische, übersetzt es in die Architektur von Sprachschichten. Und indem man (nach-)lesend das akustische Tohuwabohu als ein Stimmen-, Wort- & Gedankengeflecht freilegt, entsteht aus dem optischen Nachvollzug der erregt-absurdistische Charakter dieser sprachlichen Terzett-Musik in voller stimmlicher Transparenz – als hörte man nun gestochen scharf das zwitschernde Durcheinander am Aktschluss einer Rossini-Oper. Es ist, alles in allem, ein großes Vergnügen.

    Wolfram Schütte


    Arno Schmidt: Lesungen, Interviews, Umfragen
    .
    Bargfelder Ausgabe Supplemente 2.
    Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2006.
    Schuber: 232 Seiten,
    1 DVD, 12 CDs, 98 ¤

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