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Robert Musil: Der Mann ohne Eigemschaften

10.05.2007

Neues aus Kakanien
Der sehnlichst erwartete zweite Teil von Robert Musils Meisterwerk „Der Mann ohne Eigenschaften“ zeigt, was ein gutes Hörbuch zu leisten vermag: Über 27 Stunden bietet der kongeniale Interpret Wolfram Berger einen Einblick in Musils komplexes Schaffen – der gelungene Abschluss eines gewaltigen Werks, der Liebhabern viel Freude bereiten, Kostverächter jedoch weiterhin kalt lassen wird.

 

Als vor drei Jahren der erste Teil der Hörbuch-Fassung des sagenumwobenen Roman-Fragments „Der Mann ohne Eigenschaften“ erschien, stimmten Kritiker und Hörer einmütig einen Jubelchor an: Mit charmant-österreichischem Dialekt, dezent ironisch und stets angenehm zurückhaltend hatte es der begnadete Vorleser Wolfram Berger geschafft, Robert Musils epischem Textkonvolut ein unerwartetes Hör-Eigenleben einzuhauchen und auch ehemaligen Kostverächtern den „Mann ohne Eigenschaften“ näher zu bringen. So weit die Legende.Ob jemand, der vorher den Namen Musil vor allem mit maßloser Leseanstrengung assoziiert hatte, angesichts des über 35-stündigen Hörmarathons tatsächlich zum glühenden Musil-Verehrer – gleichsam vom Saulus zum Paulus – bekehrt werden konnte, darf zumindest angezweifelt werden. Daran wird wohl auch der zweite Teil des Hörbuchs nichts ändern. Doch diese Einschränkung ändert selbstverständlich nichts an der literaturgeschichtlichen Relevanz des Musilschen Großentwurfs – und ebenso wenig an Bergers monumentaler Leseleistung. Ganz im Gegenteil...

Die Brüche, die die Welt bedeuten

Berger glättet nichts. Die Vielstimmigkeit des Romans bleibt in seiner Hörfassung ebenso erhalten, wie Musils Hang zu ausufernder essayistischer Reflexion. Bergers Stimme kreist minutenlang gefährlich über dem Nichts, Erzählstrukturen lösen sich auf, das klassische Korsett des Romans geht verloren. Besonders deutlich werden diese Kennzeichen musilscher Erzählkunst erwartungsgemäß je weiter das zweite Buch voranschreitet. Musil hatte „Ins Tausendjährige Reich (Die Verbrecher)“, so der Titel des zweiten Buches, nur auf Drängen seines Verlegers veröffentlicht. Längst war er an der schier unbewältigbaren Stoffmenge seines Großprojekts verzweifelt. Sein ungebändigter Stilwille zwang ihn zwar zur Fortsetzung, eine vollständige Realisation war jedoch in weite Ferne gerückt. Diese Brüche machen Musils Werk zu einem Solitär der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Wolfram Berger tut gut daran, sie nicht dem – durchaus verständlichen – Hörerwunsch nach innerer Einheit zum Opfer fallen zu lassen.

Ein Buch findet seinen Interpreten

Kurzum: Wer dem Gemisch aus höchster sprachlicher Eleganz, beißender Habsburgersatire und essayistischer Reflexion bisher nicht viel abgewinnen konnte, der wird auch bei diesem Hörbuch nicht unbedingt auf seine Kosten kommen. Wer allerdings Musil noch einmal neu entdecken will und nach einer angemessen vorgetragenen Hörbuchedition sucht, der kommt bei Bergers überraschender und erfrischender Lesekunst voll auf seine Kosten. Seinen Platz unter den besten Vorlesern der deutschsprachigen Nationen hat sich Berger jedenfalls mit dem Abschluss des Mammutprojekts eindrucksvoll gesichert.Ergänzt wird das auch durch seine edle Aufmachung – inklusive einem sehr erhellenden Begleitbüchlein – bestechende Hörbuch durch einige Kapitel aus dem Nachlass Musils, Fragmente und einem programmatisch an das Ende der beiden über 27 Stunden dauernden MP3-CDs gestellten Brief an seinen amerikanischen Förderer Henry Hall Church. Drei Tage vor seinem Tod spricht Musil von der Hoffnung, endlich einen Abschluss seines Großprojektes zu finden. „Es ist schwer, diese Geschichte gut zu erzählen, und dabei weder dem Sein noch dem Sinn, nicht den Ursprüngen noch der Zukunft etwas schuldig zu bleiben. Sie werden verstehen, dass es mich Zeit und zuweilen viel Verzweiflung kostet. Aber ich glaube doch, dass ich auf rechtem Wege bin.“ Die Geschichte lehrt uns, dass Musil ein Ende seiner Beschäftigung mit dem „Mann ohne Eigenschaften“ nicht mehr vergönnt war. Was bleibt ist ein Romanfragment, das auf seine besondere Art und Weise in der Weltliteratur seinesgleichen sucht.

Sebastian Karnatz


Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften
Gelesen von Wolfram Berger
Zweitausendeins 2006
Zweites Buch, Kapitel aus dem Nachlass und ein Brief
Laufzeit: ca. 27 Stunden
ISBN 978-3-86150-675-1

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