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L. Sterne: Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman

18.01.2007


Geist ist geil!

Nicht nur die sprecherische Leistung, auch Ausstattung und Optik des Hörbuches ragen weit über das Niveau vergleichbarer Veröffentlichungen von Werken der Weltliteratur hinaus.

 

Wer hasst es nicht: das Papierdeutsch der Beamten. Aber bei Tristram Shandy ist alles anders. Hier wird der in nur einem Satz gefasste Ehevertrag zwischen seinen Eltern zu einem großen, literarischen Vergnügen. (Harry Rowohlt benötigt für das vorlesen dieser Stelle übrigens fast sieben Minuten.) Und es wird wohl keinen Hörer geben, dessen anfänglich fragende Gesichtszüge sich nicht zu einem Lachen breiten - spätestens dann, wenn Harry Rowohlt am Ende mit solch starken Atemproblem zu kämpfen hat, dass man am liebsten die Ambulanz rufen möchte.

Ständig kommt Sterne erzählerisch vom Baum zum Holz, vom Holz zum Stock, vom Stock zum Stöckchen - doch dies auf eine Art und Weise, wie sie die Welt der Literatur noch nicht erblickt hat. Und Sterne ist nicht nur ein begnadeter Erzähler, sondern auch ein Meister der Zweideutigkeiten. (Das Zeitalter der Aufklärung nimmt er also ziemlich wörtlich.) Die Zeugung wird erklärt, die Ehefrau befragt „ihre Kehrseite“, wenn sie ihrem Manne deutlich machen will, dass er sie mal am A... kann, sexuelle Anspielungen der Kategorie „An der Nase eines Mannes erkennt man seinen Hannes“ gibt es dabei zuhauf. Doch man verzeiht Sterne nur zu gerne diese Kindereien. Über 23 Stunden hinweg schaffen es Rowohlt und Sterne, den Hörer zum Lachen zu bringen, zu fesseln und zum Wiederholungstäter zu machen. Wie bei allen guten Satiren hört man die spitzen Findigkeiten erst beim mehrmaligen Hören, wenn man die offensichtliche Komik, Absurdität und Abstrusität bereits kennt.
Mit Bravour

Doch wie liest man dieses Werk? Die Antwort ist schon bald zu simpel und doch genial: Man verpflichtet den einen Sprecher, der sowohl als Übersetzter, gefeierter Sprecher anglikanischer Literatur brilliert hat und bei seinen seltenen Solo-Auftritten, wahre Begeisterungsstürme auslöst: Harry Rowohlt. Es gibt wohl keine Gefühlsnuance, die er nicht ausdrücken kann, ohne in Klischees zu verfallen. Er setzt bewusst andere Akzente bei der Interpretation eines Textes, als man dies herkömmlich gewohnt ist. Dabei verleiht er nicht den Protagonisten andere Tonlagen, sondern den jeweiligen Ereignissen. Beispielsweise gibt es für mich nichts Langweiligeres, als mir Latein anhören zu müssen; Harry Rowohlt spricht diese Passagen in exakt dem Ton, den wir von Geistlichen gewohnt sind. Gerade durch die Häufung im Text und dadurch, dass die meisten Aussprüche nicht übersetzt werden, wird der Hörer zunächst irritiert, danach köstlich amüsiert. Denn man merkt schnell, dass das Verstehen des Lateinischen völlig egal ist für den Verlauf der Geschichte - genauso wie die meisten Katholiken seit der Erstkommunion die Bedeutung des Rituals kennen und ihm bereitwillig folgen, ohne der Sprache des Ritus mächtig zu sein.
Wie selbstverständlich nimmt Rowohlt jede Kurve der Handlung mit Bravour, indem er treu und respektvoll dem vom Autor vorgegebenen Weg folgt.
Laurence Sternes Figuren haben alle Marotten und behalten sie auch bis zum Ende. Im klassischen Entwicklungsroman fände ein Lernprozess statt mit anschließender Läuterung der Figur. Dies ist hier jedoch unmöglich, da Sterne den Roman hoch ironisch zeitlich vor seinem Anfang enden lässt. Harry Rowohlt, im Lesen von schrulligen Charakteren geübt, karikiert keine der Figuren, sondern macht sie liebenswert und weckt Zuneigung für ihre Ticks. Genüsslich lässt er sich die Dummheiten auf der Zunge zergehen und erfreut sich am genussvollen Nachgeschmack. Und als Hörer hungert man dann förmlich nach der nächsten Abschweifung der Abschweifung der Abschweifung... Rowohlt tut uns den Gefallen und führt uns mit seiner brummigen Stimme immer weiter hinein in das Gewirr der Handlungsstränge. Doch sorgt er auch immer dafür, dass sich der Hörer nicht in diesem Gewirr verfängt. Das zeugt von Harry Rowohlts immensem Textverständnis. Es gibt keinen Zweifel: dieses Hörbuch wird „Hörbuch des Jahres 2006“ in der Kategorie „Bester männlicher Sprecher“.

Beispielhafte Ausstattung

Zunächst sei einmal die großzügig dimensionierte, aus stabiler Pappe bestehende Box erwähnt, in der die CD-Hüllen untergebracht sind. Doch bleibt es nicht allein bei hervorragend gefertigtem und gestaltetem Äußeren. Selbst die CD-Hüllen können sich sehen lassen, denn das Frontispiz jeder Hülle ist mit einer anderen Illustration versehen. Höhepunkt der Ausstattung ist das fast 50-seitige Booklet.
Nicht nur die sprecherische Leistung also, sondern auch die Ausstattung und Optik des Hörbuches ragen weit über das Niveau vergleichbarer Veröffentlichungen von Werken der Weltliteratur hinaus. Ungekürztes Vorlesevergnügen der intellektuellen Extraklasse!

Wolfgang Haan


Laurence Sterne: Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman.
22 Cds.
Übersetzt von Michael Walter.
Gelesen von Harry Rowohlt.
Kein & Aber / Audios 2006. 99,90 Euro.

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