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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 27. April 2017 | 09:11

     

    Ekkehard Schall: Brecht-Abende, Bert Brecht: Arbeitsjournal

    03.12.2006


    Dokumentation einer Verblendung


    Viele Produktionen beschäftigen sich im 50. Todesjahr mit diesem großen, deutschen Dichter. Zwei neue Hörbücher nähern sich B. B. auf ganz unterschiedliche Weise an.

     

    „Ich benötige keinen Grabstein, aber / Wenn ihr einen für mich benötigt / Wünschte ich, es stände darauf: / Er hat Vorschläge gemacht. Wir / Haben sie angenommen.“ Vorschläge hat Bertolt Brecht in der Tat gemacht – ein Leben lang. Gelitten hat er mit der ausgebeuteten Arbeiterklasse, gehadert mit den Unterdrückern, den Bonzen und deren „Speichelleckern“. Brechts Vorschlag war der Kommunismus, der Traum eines neuen Staates unter der Führung des Proletariats, in dem dann endlich einmal alle etwas zu „fressen“ hätten.

    Zwei von ihrem Ansatz her höchst verschiedene Hörbücher führen uns das brechtsche Dilemma – das somit auch zum Dilemma seiner Leser bzw. Hörer wird – eindrucksvoll vor Augen. Während der legendäre Schauspieler Ekkehard Schall in den „Brecht-Abenden“ aus den 80er Jahren ein lautes, tönendes Potpourri aus Brechts beliebtesten Texten feilbietet, liest Ben Becker ausgewählte Passagen aus Brechts Arbeitsjournal in der Deutschen Demokratischen Republik.

    Der Mief des Arbeiter- und Bauernstaates


    Der 2005 verstorbene Schall zählt unbestritten zu den größten deutschen Brecht-Interpreten - der Dichter selbst holte ihn noch ans Berliner Ensemble. Die 1984, 1985 und 1989 aufgenommenen Brecht-Abende bieten einen recht wahllos anmutenden Einblick in das brechtsche Schaffen. Die Bandbreite reicht von der – deutlich der Feder des jungen Brechts entstammenden – „Hymne an Gott“ (1917) bis zum späten „Friedenslied“ (1951). Schall singt, schreit, geifert, flüstert und liest sich durch diese drei jeweils mehr als einstündigen Abende. Dabei gibt er alles - und gerne noch ein bisschen mehr. Begleitet wird er kongenial und angenehm zurückhaltend von Karl-Heinz Nehring am Klavier.

    Dennoch bleibt ein Rest des Zweifels ob der Qualität des Dargebotenen: Etwas stimmt nicht an den „Brecht-Abenden“, denn sie scheinen zu tief den Mief der DDR zu atmen. „Der Kommunismus ist das Mittlere“, „Solidaritätslied“, „Lob des Kommunismus“ – in der Tat, all dies ist Brecht. Agitatorische Texte von gewollt politischer, aber selten poetischer Relevanz. Schall passt seine Auswahl dem System an. Er unterscheidet nicht mehr zwischen den herrlichen Liedern der „Dreigroschenoper“, den wundervoll versauten Gedichten, poetischen Kostbarkeiten und besagter platter Politpropaganda. Schall deutet uns seinen Brecht aus – einen genialen, aber bedingungslos kommunistischen Dichter. Der Hörer droht in diesem mehrstündigen Hörmarathon, auf seinem kritischen Ohr taub werden und Schalls Deutung zu erliegen: Entweder er nimmt sie an oder er drückt die Stop-Taste. Nur in seltenen Momenten gebiert die wunderbare Lesestimme Schalls stimmungsvolle Bilder im Kopf des Hörers und regt ihn zu tieferem Nachdenken an. Hier erweist sich Schall als veritabler Vorleser. In den Liedern hingegen zeigt er sich als durchaus respektabler – wenn auch tonal nicht immer vollkommen richtig liegender – Sänger. Vor allem aber ist er eines: laut. Er setzt eben gerne auf die großen Gesten, und die muss man ihm nicht immer glauben und gelungen finden. Die „Brecht-Abende“ scheinen eher das Vermächtnis des großen Schauspielers Ekkehard Schall denn des armen Bertolt Brecht zu sein.



    Die Diktatur des Kleinbürgertums


    Einen anderen Zugang wählt die neue Hörbuchproduktion von Wolf-Dietrich Fruck, die uns Auszüge aus Brechts Arbeitsjournal von 1948 bis 1954 näher bringt.




    Mit wunderbar sonorer Bassstimme liest Ben Becker diese Passagen: unaufdringlich, langsam und deutlich. Becker tritt - im Gegensatz zu Schall - hinter Brecht zurück. In aller Ruhe verfolgen wir dessen Aufzeichnungen, die Privates, Geschäftliches und Poetisches aus der Frühzeit eines Unrechtsstaates präsentieren. Dabei tritt der Dichter in seinem privaten Journal zwar als feiner Beobachter der gesellschaftlichen Umstände auf, die richtigen Lehren daraus kann er aber nicht ziehen. Diese Texte sind das Manifest des Festhaltens an einer längst unmöglich gewordenen Utopie, denn der Arbeiter- und Bauernstaat verkommt in Wahrheit wieder zu einem Gebilde verhasster „Speichellecker“ und Kleinbürger. Diese Dialektik, so scheint es, hat Brecht selbst erfasst. So kann er einerseits Picasso antragen, er solle nur noch Kunsthandwerk für die Massenproduktion fertigen, anderseits jedoch von Horaz und der feinen Erotik des „Wilhelm Meister“ schwärmen. Es steckte also auch in diesem Freund der Arbeiter ein veritabler Bildungsbürger. Die Zensur, die auch ihn selbst trifft, begrüßt er – schließlich müssten die Massen ja langsam an die neue Kunst herangeführt werden und sich ihr Geschmack erst langsam ausbilden. Auch den niedergeschlagenen Arbeiteraufstand vom 17. Juni versucht er auf ähnlich zögerliche Art und Weise vor sich selbst zu rechtfertigen. Er sieht die Fehler des Systems zwar, benennen will er sie jedoch nicht, stattdessen schiebt er „stinkenden Atem der Provinz“ einfach den Folgen des Hitlerjoches zu. Dass er dabei sehenden Auges in eine Diktatur des Kleinbürgertums rennt, will er nicht wahrhaben.

    Seinen traurigen Höhe- und Endpunkt erhält diese begeisternde, kleine Produktion durch einen geschickten dramaturgischen Kniff: Nach dem letzten Wort ertönt die schöne, eingängige Melodie der „Kinderhymne“: „Daß ein gutes Deutschland blühe, wie ein anderes gutes Land“. Der Glaube an diese Utopie war schließlich stärker als Brechts Realitätssinn. Wir Nachgeborenen wissen, wie sehr er irrte. Doch auf der Suche nach dem Warum des Irrtums kann uns dieses Hörbuch sicher einige Schritte begleiten.

    Sebastian Karnatz



    Ekkehard Schall: Brecht-Abende
    3 CDs, Laufzeit: 210 min. Erschienen bei: Random House Audio Preis: 19,95 ¤ ISBN: 3866042930

    Bertolt Brecht: Auszüge aus dem Arbeitsjournal 1948-1954
    Gelesen von Ben Becker Auswahl und Regie: Wolf-Dietrich Fruck Laufzeit: 50 min. Erschienen bei: Random House Audio Preis: 18 ¤ ISBN: 3866042922

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