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Christian Dietrich Grabbe: Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung

26.11.2006

"Bei Klassikers Zuhause"

A: Der sieht ja aus wie ein Huhn mit Glatze!
B: Das ist Christian Dietrich Grabbe. In Kennerkreisen auch „der trunkene Shakespeare“ genannt.
A: "Der Trunkene Shakespeare"? Auf Deutsch: Er war zu voll um gute Stücke zu schreiben.

 

B: Hier im Booklet steht, dass er gerne das Publikum beschimpft hat, seine Dichterkollegen, sogar die Wissenschaft, die Kirche, das Theater... eigentlich alle.
A: Hatte wohl kaum Freunde, was? Und dann noch dieses hühnerglatzige Aussehen... Wie heißt das Stück überhaupt?
B: Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung, gelesen von Harry Rowohlt und Wiglaf Droste.
A: Ach gleich vier Stücke?
B: Nein, ein Lustspiel.
A: Was Versautes?
B: Es gibt auch Humor ohne Untenrum!
A: Und das hier ist also Humor mit viel Obenrum, ja? Für Leute also, denen man erstmal die Großhirnrinde massieren muss, bevor sie lachen. 
B: Hier steht, sein Vater war Zuchthausaufseher. Stell dir vor, Grabbe wurde in der Dienstwohnung des Detmolder Gefängnisses geboren!
A: Detmold, Knast? Sein Leben begann also in der Strafkolonie.
B: Und ging schnell zuende. Er starb mit fünfunddreißig an Rückenmarksschwindsucht.
A: Das Rückgrat? Verschwunden?
B: Da Mark! Rückgrat hatte er noch.

(Man hört die Hufe eines Pferdes auf das Pflaster schlagen, vermutlich ein nostalgischer Leichenzug.)


A: War er verheiratet?
B: Ja, aber seine Ehe war bald zerrüttet. Er konnte sich einfach nicht zwischen zwei Frauen entscheiden.
A: Auch das noch. Der Grabbe saß ja wohl sein Leben lang dem Teufel am Arsch, was?
B: Erst zwischen den Stühlen, dann auf dem kalten Boden der Tatsachen... Ha, Sonne! Könnt ich dich einmal bei deinem Strahlenhaare packen. Am Felsen wollt ich dein Gehirn zerschmettern und dich, was Schmerz heißt, fühlen lassen!
A: Was ist das?
B: Hat er geschrieben, da war er gerade mit der Schule fertig.
A: Kannst du eigentlich irgendetwas Positives aus seinem Leben berichten? Ich meine, er war doch so etwas wie ein Genie - da kann doch nicht alles, was er anfasst, voll danebengehen?
B: Man hat einmal ein Theaterstück von ihm aufgeführt.
A: Einmal? Und das nennst du positiv?
B: Aber vielleicht bleibt ja ein kleiner Trost.
A: Jetzt bin ich gespannt.
B: Er starb in den Armen seiner Mutter.
A: Ah.
B: Im Delirium allerdings.

(Schweigen, ziemlich lang.)


A: Und warum ist so einer wie er, der das Verlieren quasi patentiert hat, heute so berühmt?
B: Er hat ordentlich den Staub aus den Theatervorhängen geklopft. Neue technische Ideen, neue dramaturgische Ideen...
A: Und? Hatte er Erfolg?
B: Na ja, er hatte als Schüler sein erstes Drama geschrieben: Herzog von Gothland.
A: Und?
B: Im Vorwort steht: „Der Verfasser schätzt seine Werke nicht hoch und kennt Fehler darin, die kein Kritiker finden wird"...
A: Habe ich richtig gehört? Seine eigenen Sachen haben ihm selbst also auch nicht gefallen? Und gleichzeitig sind die anderen zu blöd diese Mängel zu finden. Er war also ein Angeber mit Minderwertigkeitskomplex, ja?
B: Grabbe war immerhin Jurist. Mit Staatsexamen sogar.
A: Immerhin? Alle beschimpfen und dann Jura studieren. Das war Notwehr!
B: Ich lese dir mal den Anfang des Stücks vor.
Biörn: Wohin Soldat?
Soldat: Ich suche Euch.
Biörn: Was gibt´s am Ostseestrand?
Soldat: Der Finne landet!
Biörn: Landet? Hoho, hörst du das sturmgeschlagne Meer
An jenen Felsenufern branden? Den möcht´ ich sehn, der jetzo wagt zu landen!
Soldat: Der Finne wagts! Blickt nordwärts!
Biörn: Ja, fürwahr! Dort steuert die Finnenflotte! - ha, sie scheitert!
A: Hoho, jetzo, fürwahr und ha? Da merkt man wirklich sofort – ein echter Klassiker.
B: Das soll Dramatik suggerieren!
A: Also, mir suggeriert´s mehr am Zwerchfell.
B: Vielleicht nehmen wir doch besser das Lustspiel hier.
A: Worum geht´s da?
B: In der Hölle ist Putztag.
A: Blut aufwischen, Folterwerkzeuge reinigen? Hitler eine Rauchpause gönnen? Sowas?
B: Ich glaube, dass das Ausmisten eher ein Sinnbild dafür ist, dass die ganze Metaphysik ihre Gültigkeit verloren hat.
A: Gleich die ganze Metaphysik? Also Himmel, Tod und Teufel? Und warum?
B: Damit ein neues Zeitalter anbrechen kann.
A: Gott raus, Zukunft rein! So?

(Keiner lacht.)


B: Hier steht, Grabbe hat mit diesem Stück das absurde Theater vorweggenommen. Einhundert Jahre davor!
A: Das war seine absurde Biographie. Fertig.
B: Kann sein, aber das Stück ist im Gegensatz zu seinem Leben wirklich wahnsinnig komisch. A: Du wolltest sagen: So komisch, dass man wahnsinnig werden könnte?
B: Nein, echt komisch! Allerdings ist diese Lesung hier ein bisschen fad.
A: Fad? Ich dachte, Harry liest?
B: Schon, aber Wiglaf Dorste.
A: Der scharfzüngigste Wortarbeiter der Republik?
B: Wo hast du das denn her?
A: Steht auf dem Booklet. Ein Zitat vom Tagesspiegel.
B: Irgendwie scheint er der Sache aber nicht gewachsen zu sein - bei einem Dutzend Rollen. Dann gibt es da noch ein paar Hintergrundgeräusche und einige Takte Musik. Das war´s.
A: Klingt, als ob es jeden pensionierten Studienrat vom Hocker hauen könnte... Also, ich fasse das grabbische Leben mal kurz zusammen: Im Gefängnis geboren, fängt früh das Saufen an...
B: Mit zwölf!
A: Fängt also mit zwölf das Saufen an. Schreibt als Teenager ein geniales Drama mit viel Hoho und Ha. Studiert, während er die ganze Welt beschimpft, Jura. Aber mit Examen wohlgemerkt. Er hat weder Glück in der Liebe noch im Spiel äh... im Schauspiel und verliert am Ende neben seinem Selbstbewusstsein auch noch das Rückgrat.
B: Das Mark!
A: Kein Wunder, dass er mit Metaphysik nichts anfangen konnte. Für ihn hing der Himmel ja voller Kreissägen! Da hätte ich wie er auch erst mal die Hölle ausgemistet, bevor ich mich dort häuslich einrichte...

Christoph Pollmann


Christian Dietrich Grabbe: Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung. Eine Inszenierung. Gelesen von Wiglaf Droste und Harry Rowohlt. 2 CDs, Laufzeit: 83 min. Erschienen bei: Random House. Preis 19,95 Euro. ISBN 3-86604-333-3

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