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Sonntag, 19. Mai 2013 | 18:32

 

Manfred Krug liest Bertolt Brecht: Lust des Beginnens

03.08.2006

Rothschild's CD-Tipp:

Liebling kreuzt Bert
Kein Wort, keine Wendung erscheint hier ohne Verlust austauschbar. Aber nicht nur der Sinn der Verse, auch ihre Melodie, ihr Rhythmus sind von grandioser Anmut. Das wird erst beim lauten Lesen vollständig erkennbar, und Manfred Krug ist dafür ein verlässlicher Garant.

 

Den Wessis ist Manfred Krug als der Fernsehanwalt Liebling aus Kreuzberg ans Herz gewachsen. Der große, schlaksige Mann mit seinen (oder mit Jurek Beckers) flotten Sprüchen wurde zu einer Identifikationsfigur wie Generationen zuvor John Wayne oder Curd Jürgens.
Die Ossis wussten schon lange, dass Manfred Krug ein hervorragender Schauspieler und zudem ein beachtenswerter Jazzsänger ist. Mehr noch: er gehört zu den nicht allzu häufigen Exemplaren seiner Profession, die es bei hoher Intelligenz zu großer Popularität gebracht haben. Ihm Bertolt Brecht anzuvertrauen, bedeutet kein Risiko.

Das Programm, das Sigried Wesener für seinen Vortrag im Deutschlandradio Kultur zusammengestellt hat und das jetzt auf CD erhältlich ist, präsentiert sich als gelungene Mischung aus bekannten und aus selten rezitierten längeren und aphoristisch kurzen, aus politischen und erotischen Gedichten. Es ist geeignet, das gängige Vorurteil, Brecht sei unerträglich didaktisch, zu widerlegen. Dieses Vorurteil verwechselt Besserwisserei mit Klarheit. Wer Hermetik für eine unverzichtbare Bedingung von Lyrik hält, ist bei Brecht in der Tat an den Falschen geraten. Der Verzicht auf raunende Bedeutsamkeit, auf kaum aufzuschlüsselnde Bilder ist nicht gleichzusetzen mit einem Mangel an Poetizität. Als Beispiel mag das berühmte Erzählgedicht "Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration" dienen. Es enthält gleich mehrer "Lehren", will durchaus Einsichten vermitteln, zur Veränderung des Denkens und des Handelns verführen. Zugleich aber ist es in einer bewegten Sprache verfasst, deren Schönheit nicht zu übertreffen ist. Kein Wort, keine Wendung erscheint hier ohne Verlust austauschbar. Aber nicht nur der Sinn der Verse, auch ihre Melodie, ihr Rhythmus sind von grandioser Anmut. Das wird erst beim lauten Lesen vollständig erkennbar, und Manfred Krug ist dafür ein verlässlicher Garant.

Wer Helene Weigels Vortrag von Brechts Gedichten noch im Ohr hat, neigt leicht zur Intoleranz. Was uns die Lebensgefährtin des Jahrhundertdichters vorführte, besaß und besitzt solch eine Strahlkraft, dass man verleitet ist, es als die einzig gültige Interpretation zu kanonisieren. Manfred Krug ahmt die Weigel und die älteren Schauspieler des Berliner Ensembles nicht nach. Aber er kennt natürlich die Sprechtradition, die dem Geist von Brechts Gedichten gerecht wird. Die Frage "Lässt es auch nüchtern?" aus dem Gedicht "Der Zweifler" kann durchaus als Anweisung für die Rezitation von Brecht verstanden werden. Manfred Krugs Artikulation ist so klar wie die Argumentation Brechts. Manchmal, ganz selten, überbetont er für den Geschmack des Rezensenten eine Silbe, ein Wort. Manchmal besteht er auf der Markierung einer Frage, wo der Tonfall der Behauptung die Frage bereits mit einschlösse. Insgesamt aber erlaubt die CD, dem Gedicht "Vergnügungen" einen Vers hinzuzufügen: "Manfred Krug hören." Und wenn ein paar Fernsehzuschauer, die sich eher beim "Tatort" daheim fühlen, über ihr Idol an Brecht herangeführt werden, dann wäre allein das die Mühe wert.

Thomas Rothschild


Manfred Krug liest Bertolt Brecht: Lust des Beginnens.
Lesung. 1 CD.
Der Audio Verlag.
ISBN: 3-89813-517-9.
14,95 Euro.
Reinhören in "Lust des Beginnens" bei Amazon

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