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Michel Houellebecq: Die Möglichkeit einer Insel

01.06.2006

Ein Clown als Klon
Daniel heißt der Protagonist in Michel Houellebecqs neuestem Roman „Die Möglichkeit einer Insel“, und es gibt ihn in bisher 25 äußerlich identischen Manifestationen. Daniel1 lebt im Hier und Jetzt, Daniel25 im 21. Jahrhunderts. In der Zukunft ziehen die „Ur-Menschen“ in Horden durch eingegrenzte Areale und sind zum Abschuss freigegeben. Ihre Zahl wird ständig reduziert. Was die Neo-Menschen nicht erlegen, stirbt durch Unterernährung, Krankheit und Verwahrlosung.

 

Daniel1 ist ein berühmter Kabarettist, der seinen Erfolg extrem zynischer Programme verdankt und durch geschickte Vermarktung zum mehrfachen Millionär geworden ist. Er macht seiner Freundin Isabelle zu deren 40. Geburtstag einen Heiratsantrag, damit diese sich nicht so alt vorkommt. Doch sie kommt mit dem Altern nicht klar und verkommt zu einer fett aufgedunsenen Alkoholikerin. Daniel ekelt sich vor ihrem gealterten Körper. Die Scheidung ist die Folge und Daniel vereinsamt zusehends, bis er zufällig die junge, schöne und sexuell willige Spanierin Ester kennen und lieben lernt. Sex wird zum Jungbrunnen und Beziehungsinhalt. Ernsthafte Gespräche sind nicht vorgesehen.

Die Aufgabe von Daniel25 besteht darin, die Aufzeichnung von Daniel1 bis Daniel24 zu kommentieren und seinem Nachfolger zu hinterlassen. Daniel25 selbst ist vom unnötigen Ballast der Emotionen, einer Sinn- und Identitätssuche befreit. Das Streben nach beruflichem Erfolg, gesellschaftlicher Anerkennung belastet ihn nicht mehr. Sein höchstes Ziel im Dasein besteht darin, gleichmütig mit anderen Klonen zu kommunizieren, den geklonten Hund Fox zu streicheln und auf das Ende der Vitalfunktionen zu warten. Im Hörbuch teilen sich Stefan Hunstein und Rudolf Kowalski die Rolle der beiden Protagonisten.

Wird, was lange währt, auch gut?

4 Jahre lang hat uns der Autor auf seinen neuesten Roman warten lassen. Doch eine künstlerische Weiterentwicklung ist nicht feststellbar. Im Grunde scheint Houllebecq sich hier selbst zu persiflieren. Genau wie der Kabarettist Daniel1 lässt er „die Sau raus“ und wird von Kritikern und Publikum gleichermaßen geliebt, weil er alle hinter den Unverschämtheiten und Plattitüden ein genialisches Programm vermuten lässt. Mag dies für Houlebecqs anfänglichen Arbeiten noch gelten, so scheint spätestens seit „Plattform“ das Prädikat „Sex sells“ angebracht. Manche sehen in ihm auch einen visionären Vordenker der Moderne, welcher gesellschaftliche Strömungen aufs exakteste vorhergesehen hat, als z.B. islamische Extremisten ein Attentat verübten. Dies alles liegt im Auge des Betrachters. Der literarische Stil von „Die Möglichkeit einer Insel“ ist flach, langatmig und nichtssagend, stellenweise gespickt mit einigen pikanten sexuellen Details, die allenfalls hartgesottene Voyeure interessieren dürften. Es gibt in der Regel fast nichts Schlimmeres, als gekürzte Lesefassungen eines grandiosen Romans. Doch es gibt auch immer wieder Ausnahmen. Die Umsetzung des ca. 450 Seiten starken Romans auf 4 CDs kann man nur als genial bewerten. Durch die sinnvollen, ja sogar den Sinn verstärkende Kürzungen entfallen viele der vorgenannten Kritikpunkte. Das Hörbuch bringt die Essenz des Romans auf den Punkt, überrascht durch wohldosierten Zynismus, pointiert die Selbstpersiflage des Autors und stellt die Gegensätze im Leben eines Ur-Menschen und eines Klons exakt heraus. Die wechselnde Perspektive durch wechselnde Sprecher ist genauso wohl durchdacht wie das beiliegende Booklet und das Design des Covers. Hut ab!

Wolfgang Haan


Michel Houellebecq: Die Möglichkeit einer Insel
Sprecher: Stefan Hunstein, Rudolf Kowalski
4 CDs. Laufzeit: 307 min.
ISBN 3-89813-514-4
Erschienen bei: Der Audio Verlag
Preis: 24,95 ¤

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