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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 24. Mai 2017 | 02:28

     

    Christoph Hein: Willenbrock

    20.03.2006

    Asien. Alles wird Asien
    Was geschieht, wenn uns grundlos die nackte Angst packt? Wenn das Gefühl der Sicherheit schleichend verloren geht, in der man sich wähnt? Christoph Heins „Willenbrock“ ist so etwas wie ein Meta-Krimi, in dem das Muster von Opfer und Täter universell wird - und allgegenwärtig fassbar. Bei Hoffman und Campe ist der Roman in einem verstörend realitätsnahen Hörspiel erschienen.

     

    Es beginnt mit einem seltsamen Traum und wird in einer alptraumhaften Realität enden: Der sympathischste Gebrauchtwagenhändler Willenbrock macht gute Geschäfte im Osten. Er ist verheiratet mit einer wunderschönen Frau, hat nebenbei noch vielerlei kleine Liebeleien, Hotelbums mit Minibar-Wein. Seine Frau, die er immer noch liebt, hat eine eigene Boutique. Ein Landhaus an der Ostsee komplettiert das gemeinsame Mittelstandsglück.
    Dann werden Autos vom Hof gestohlen, und Willenbrock bekommt mit einem Mal seine wahre gesellschaftliche Stellung zu spüren: Polizei und Versicherung unterstellen ihm Betrug, der scheinbar erfolgreiche DDR-Bürger landet wieder in der Realität einer vorurteilsbeladenen deutschen Gesellschaft.
    Ein Freund und guter Kunde, Dr. Krylow (ein wenig zu erwartbar russisch gesprochen von Udo Schenk) philosophiert bei seinen Einkäufen gerne über die Deutschen und Russen: Sein Volk hat Europa vor den Mongolen geschützt und ist dadurch selbst asiatisch geworden. Heute muss Europa die offengebliebene Rechnung mit der Angst um Hab und Gut bezahlen. Die Vandalen kommen also wieder, in schleichender, mafiöser Form.

    Neuster Existenzialismus

    Eines Nachts dann werden Willenbrock und seine Frau in ihrem Landhaus überfallen und beinahe zu Opfern der Russenmafia. Das Trauma sitzt tief, denn der Kreis des glücklichen, intimen Lebens ist mit einem Mal entweiht. Angst pfercht das Paar in aller Nacktheit zusammen. Vielmehr als die Befleckung des scheinbar unschuldigen Glücks wiegt aber der Verlust der gewohnten Existenzform. Denn es gilt in Zukunft wehrhaft zu sein. Das riesenhafte und weit entfernte Sibirien liegt auf einmal im Vorgarten. Und eines Tages spricht das Weltorakel aus dem Mund einer Nebenfigur die prophetischen Worte: „Asien. Alles wird Asien.“
    Illegal bewaffnet mit einer Smith and Wesson wartet Willenbrock auf die Begegnung mit seiner eigenen Angst. Als er dann noch erfährt, dass seine Frau ihn betrügt, fährt er vollends aus der gemütlichen Mittelstandshaut. Alles, Wut, Angst und Unsicherheit entladen sich schließlich in einem Schuss! Die umfassende Ungewissheit hat im Versuch einer Zielerfassung ihr anonymes Opfer gefunden. Dies ist das Fanal einer Gesellschaft, die ihren inneren Zusammenhang verloren hat, in der insulare Existenzen umeinander taumeln in reinster, tierischer Angst... - Alles begann mit einem Traum und endet in der alptraumhaften Realität.

    Fehlplatzierte Pseudo-Avantgarde

    Die musikalische Untermalung des Hörspiels ist interessant bis verwirrend, manchmal auch befremdend, weil ein Spannungsaufbau suggeriert wird, der die Dramaturgie schlicht nicht hergibt. Bemüht um eine Art Meta-Realität, will den philosophischen Ansätzen des Romans Genüge getan werden. Diese Suggerierung eines Überbaus hat der klar strukturierte Roman jedoch nicht nötig. Und es ist beinahe schade, dass die wunderbar erspielte Realitätsnähe uns, dem Hörer, so wieder entrissen wird. Einzelne Szenen jedoch sind meisterlich arrangiert, hat man doch mit Leonhard Koppelmann auch einen höchst erfahrenen Mann die Regie führen lassen. Überdies ist Ulrich Pleitgen als Willenbrock einfach kopfhörerfesselnd und allein schon die Anschaffung dieser NDR-Produktion wert.

    Christoph Pollmann


    Christoph Hein: Willenbrock
    Hörspiel mit Ulrich Pleitgen, Monika Bleibtreu, Udo Schenk u.a.
    Bearbeitung und Regie: Leonhard Koppelmann
    2 CDs, Laufzeit: 166 min.
    ISBN 3-455-32032-5
    Erschienen bei: Hoffmann und Campe
    Preis: 23,- ¤

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