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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. Juli 2017 | 02:43

     

    Walter Schmidinger liest Joseph Roth: Hiob

    19.01.2006

    Rothschild's CD-Tipp:

    Kongenial


    Walter Schmidinger ist ein Ausnahmeschauspieler und Ausnahmevorleser zugleich. Unverwechselbar, einmalig und - hier passt das Wort einmal - genial. Das Repertoire seiner Lesungen hat eine ungeheure Spannweite.

     

    Eigentlich ist ein Schauspieler als Vorleser ein Widerspruch in sich. Er hat da nichts zu spielen, und seine Zuhörer haben - fast - nichts zu schauen. Aber es gibt, wenngleich nicht allzu viele, Schauspieler, denen man, wenn sie einen Text lesen, ebenso gebannt folgt, wie wenn sie, agierend, auf der Bühne stehen.

    Walter Schmidinger ist solch ein Ausnahmeschauspieler und Ausnahmevorleser zugleich. Unverwechselbar, einmalig und - hier passt das Wort einmal - genial. Das Repertoire seiner Lesungen hat eine ungeheure Spannweite. Es reicht von der österreichisch-melancholischen Prosa Arthur Schnitzlers über die forsche Lyrik Bertolt Brechts bis zu den Texten Thomas Bernhards.

    Und worin besteht Walter Schmidingers behauptete Einzigartigkeit? Im Zusammentreffen zweier eigentlich konträrer Traditionen: des wienerischen Singsang, wie ihn Ernst Deutsch, Leopold Rudolf und Karl Paryla ganz hervorragend beherrschten, und der antinaturalistischen Schrägheit moderner deutscher Schauspieler wie Ulrich Wildgruber oder Ignaz Kirchner.

    Schmidinger ist ein Meister der wechselnden Höhenlagen, der abrupt sich verändernden Dynamik. Und er betont stets ein klein wenig "daneben", macht Pausen, die zur Reflexion anregen, statt nur die Wortbedeutung zu verdoppeln. Damit wir uns richtig verstehen: mit der völlig sinnzerstörenden Satzintonation und Atemtechnik vieler Fernsehreporter hat das nichts gemeinsam. Schmidingers Manierismen sind von großer Schönheit und tiefem Textverständnis zugleich erfüllt.

    Seit Jahren spricht Schmidinger auf Bühnen auch eine eigene Fassung von Joseph Roths „Hiob“, halb auswendig, im melancholischen Legendenton, den Roth mit seinem wohl sentimentalsten Text vorgibt. Man muss es hören, wie Schmidinger eine Szenerie, eine Situation stimmlich beschwört, wenn er die lakonischen Sätze "finster war das Zimmer, finster war ihr Herz" spricht. Man muss das Vibrato der gedehnten Vokale hören, mit dem Schmidinger das Wort "Turmuhr" zu Musik verwandelt. Man muss hören, wie er den Namen Menuchim immer neu orchestriert, wie er in den drei Silben dieses Namens eine ganze Welt der Empfindungen deponiert. Man muss den schelmischen Klang hören, mit dem er Schemarjah aus Amerika mitteilen lässt: "hier heiße ich Sam". Schmidinger demonstriert, was das Sprechen ausmacht, wie es den Text - so oder so - verändert. Freilich: kaum ein anderer deutschsprachiger Schriftsteller hat sprechbarere Prosa geschaffen als Joseph Roth.

    Jetzt können auch all jene in den Genuss der Umsetzung von Joseph Roths Sprachkunst durch Walter Schmidingers Sprechkunst gelangen, die keine Gelegenheit haben, den Schauspieler - etwa bei den diesjährigen Salzburger Festspielen - leibhaftig zu erleben. "Hiob" liegt, leicht gekürzt, auf zwei CDs vor. Sie setzen Maßstäbe in einer Zeit der inflationären Produktion von Hörbüchern. Aufgenommen wurden sie nicht im Studio, sondern im Berliner Ensemble, wo Schmidinger, nicht mehr der Jüngste, nach wie vor auftritt.

    Maßstäbe setzt auch das umfangreiche Beiheft mit einem klugen und ausführlichen Aufsatz von Andreas B. Kilcher, einem Porträt Schmidingers vom Produzenten Wolfgang Matthias Schwiedrzik, einem Auszug aus Joseph Roths nach wie vor lesenswertem Essay "Juden auf Wanderschaft" sowie Photos von Ruth Walz und vier Radierungen von Felix Droese, der mit seiner ALDI-Aktion - dem Verkauf von Billig-Graphiken in hoher Auflage - Schlagzeilen gemacht hat. Die Radierungen zu "Hiob" liegen einer auf 200 Exemplare limitierten Sonderauflage als signierte und nummerierte Originale bei.

    "Hiob" ist wohl nicht das beste Buch Joseph Roths. An den "Radetzkymarsch" und auch an manche kürzere Texte reicht es nicht heran. Aber es hat es nicht verdient, als Gesinnungslektüre zum Sternchenthema, also zum Prüfungsstoff in Gymnasien gemacht zu werden und somit eher Aggressionen als Zuneigung zu erwecken. Vielleicht gelingt es der atemberaubenden Interpretation durch Walter Schmidinger, Joseph Roth auch neue Leser zuzuführen. Er ist, auch wenn das von manchen bestritten wird, einer der bedeutendsten deutschsprachigen Erzähler des zwanzigsten Jahrhunderts. Es gibt kein sachliches Argument dafür, dass uns Galizien entfernter erscheinen müsse als Lübeck.

    Das gilt auch für Rustschuk in Bulgarien. Deshalb demnächst an dieser Stelle: Das Hörwerk von Elias Canetti.

    Thomas Rothschild


    Joseph Roth: Hiob. Roman eines einfachen Mannes. Gelesen von Walter Schmidinger. Edition Mnemosyne, HB 3010.

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