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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 27. April 2017 | 09:10

     

    Walter E. Richartz und Urs Widmer: Shakespeares Geschichten. Die Königsdramen.

    12.02.2004




    Von Königen und Aasgeiern


    Urs Widmers Nacherzählungen von Shakespeares „Königsdramen“ auf CD.


     

    Bereits Anfang der 80er Jahre haben Walter E. Richartz und Urs Widmer einen Band mit „Shakespeares Geschichten“ veröffentlicht. Hinter diesem Titel verbergen sich wunderbare literarische Nacherzählungen, in denen die Autoren den Inhalt in Umkehrung des alten Übersetzer-Mottos so nah als nötig, so frei als möglich wiedergeben und mit ihrer eigenen, im wahrsten Sinne phantastischen Erzählkunst ausschmücken. Nun bringt der Zürcher Verlag Kein & Aber seit Frühjahr 2002 diese Geschichten nach Gattungen getrennt etappenweise auf CD heraus, gelesen von Widmer selbst, von Bernd Rauschenbach, Elke Heidenreich und Otto Sander.

    Die erste Folge nimmt sich der Königsdramen an, ein für Shakespeare-Laien besonders zäher Brocken, den sich gewiss niemand einfach nur aus Neugierde aus dem Regal nehmen und einverleiben würde. Doch ausgerechnet die Königsdramen lassen sich durch ihre immerfortlaufende Handlung besonders gut erzählen, und wenn man Widmers Geschichten lauscht, ertappt man sich vielleicht sogar bei der Frage, warum Shakespeare für diesen Stoff nicht gleich die Form der Prosa gewählt hat. Der Normalverbraucher dramatischer Literatur kennt Shakespeares Historien allerdings auch deshalb so wenig, weil sie bis auf Richard II. und Richard III. auf deutschsprachigen Bühnen kaum Konjunktur haben, und wenn, dann nur in einem für den normalen Theaterbesucher unerreichbaren Festivalspektakel wie Luc Percevals Gesamtinszenierung des Stoffes in „Schlachten!“ im Sommer 1999.

    Widmer und Richartz raffen den komplizierten Inhalt so geschickt und setzen vor allem so spitze Pointen, dass man als Zuhörer einen lustvollen Überblick über die Dramen des Rosenkriegs bekommt. Aber über die Funktion eines bloßen Schauspielführers hinaus nehmen uns die Autoren förmlich mit auf eine Zeitreise und führen uns ganz nahe heran an das verarmte, verdreckte Volk, ebenso wie an die bösen Fratzen geiler Machthaber. Die Autoren verschonen die Figuren nicht, sie stellen sie als die Feiglinge, Lüstlinge und blutrünstigen Tyrannen hin, die sie sind. Gewiß geht es Widmer und Richartz dabei nicht um „philologische Korrektheit“, und genau das tut ihren Texten gut: Sie erkennen die „Leerstellen“ im Original und erlauben sich mit diebischer Freude kleine Fluchten.

    Für den rücksichtslosen Hedonismus der Herrschenden finden Widmer und Richartz eine griffige Formel: „Alle waren stark und heftig und wollten einen dicken Happen vom Glück ihrer Zeit. Sie aßen und soffen und fickten und töteten, weil sie wussten, dass sie nicht wussten, wie lange sie sich noch am Schicksalsrand festklammern konnten.“ Im Eiltempo schreitet das Autorenpaar durch „eine Genealogie von Kronräubern“. Unter lauter machtgeilen Königen fragt da einer der vielen Heinriche, der, der nicht erwachsen werden und schon gar nicht regieren will, ganz zaghaft: „Kann man sein Reich denn nicht ohne Massenmorde bewahren?“, und wie als Trost fügt der Erzähler hinzu, es werde hier geschlachtet um „eine Ehre, die wir nie ganz verstehen werden.“ Besonders glitzernd treten auf diesem tödlichen Karussell der Geschichte natürlich die Bösen hervor, allen voran Margarete von Anjou, die in ihrer Blut- und Machtgier die gesamte Männerwelt vorführt und Generationen von Throninhabern durch geschicktes Intrigieren und Kuppeln überlebt. Und uns wird angesichts dieses wütenden Kriegszustands, in dem sich keiner vor dem anderen sicher wähnen kann, plötzlich verständlich, wie ernst der Staatsphilosoph Thomas Hobbes es kurz nach Shakespeares Zeit mit „Homo homini lupus“ in seinem „Leviathan“ meinte.

    Schamlos spielen die Autoren auch Klischees über die englisch-französischen Feindseligkeiten aus. Da sollen englische Jagdhunde in der Vorstellung ihrer kriegerischen Herren den Pas-de-Deux tanzen, während die Pariser ihre Artischocken gegen Rüben eintauschen müssen. Auf der anderen Seite, so erfahren wir ob der Belagerung von Orleans, kursiert das Gerücht, die Engländer äßen „Amseleier und Kuhscheiße und können nicht ausgehungert werden“, die Franzosen bekommen derweil die „britische Unfairness“ zu spüren. England ist in diesen Erzählungen ganz die verfluchte nasskalte Insel, auf der trockene Füße als Luxus gelten und auch durchaus mal ein König in be-nebeltem Zustand gezeugt wird, die Insel, auf denen ein Falstaff „Schnapsleichen zu Ministern“ macht und Bischöfe „Roben wie Panzerhemden“ tragen.

    Haargenau kennen Richartz und Widmer die Lebenswelt des Shakespeareschen Literaturkosmos, und eine Wucht von Hintergrundwissen, für die besagte Philologen langatmig in Bibliotheken schmachten, packen sie mit fast unverschämter Leichtigkeit in einen Nebensatz. Die Charaktere werden durch ihre karikaturhafte Darstellung nicht verflacht, sondern werden in der Kürze der Erzählungen vielmehr zur Würze, zu plastischen Gestalten aus der blutigen spätmittelalterlichen Geschichte Englands – und Urs Widmer besitzt dazuhin die unerhörte Gabe, mit seiner Stimme über diese Figuren zu zwinkern. Ein Muss für alle, denen wirklich an Shakespeare liegt.

    Von Julia Charlotte Brauch


    Walter E. Richartz und Urs Widmer: „Shakespeares Geschichten. Die Königsdramen“.
    Zürich: Kein & Aber, 2002.
    4 CDs. ¤ 25,-.
    ISBN: 3-0369-1120-0.

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