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Jonathan Safran Foer: Extrem laut und unglaublich nah

28.11.2005

Dresden is in America
Den neunjährigen Oskar überfallen Panikattacken, wenn er in einem Restaurant jemanden mit Kopftuch oder irgendwo ein verlassenes Gepäckstück sieht. Auch das Benutzen von Fahrstühlen oder öffentlichen Verkehrsmitteln ist ihm beinahe unmöglich geworden, kann er doch immer noch nicht verstehen, warum sein Vater bei den Terroranschlägen vom 11. September sterben musste. Ein Jahr danach findet er in einer Vase einen Briefumschlag mit der Aufschrift „Black“. Der Inhalt: ein Schlüssel. Das muss eine geheimnisvolle Botschaft seines toten Vaters sein! Seine Suche im riesigen New York beginnt...

 

Experimentell und mitunter surrealistisch wirkt Foers neuer Roman und die Verwandtschaft des tamburinspielenden Oscar Schell mit dem blechtrommelnden Oskar Matzerath ist natürlich unübersehbar und bildet die Folie für den ganzen Roman, der wie sein Danziger Vorbild auch aus den Tiefen der Familiengeschichte und der Skurrilität schöpft.

Oskars Großvater Thomas hat es nach dem Bombenangriff auf Dresden wortwörtlich die Sprache verschlagen; er kommuniziert mit seiner Umwelt mittels eines Blocks oder mit seinen Händen, in die er die Worte JA und NEIN tätowieren ließ. Oskars Vater Thomas war ein großer Fan der Beatles. Deren Cover zu „Abbey Road“ löste bei Erscheinen geradezu eine Hysterie aus: alle vier Musiker gehen über einen Zebrastreifen, doch Paul McCartney ist barfuss, schwarz gekleidet und betritt als Einziger auf dem Photo nur die schwarzen Streifen. Die Deutung: Paul McCartney ist eigentlich tot und wurde durch einen Doppelgänger ersetzt.
Aus solcherlei Episoden gewinnt Foers Roman seinen absurden Witz. Kaum ein Track, in dem man nicht Schmunzeln muss, denn Oskar hat nicht nur die seltsamsten Charaktere in seiner Familie, sondern trifft bei seiner Suche durch die Großstadt auf die merkwürdigsten Gestalten, die alle äußerst bizarre Geschichten zu erzählen wissen. Wir haben es also mit einem durchaus klassischen Genre zu tun: ein als modernes Märchen getarnter Entwicklungsroman.

Aber auch den Schrecken und Folgen von Terrorismus und Krieg räumt Foer einigen Raum ein: so des Großvaters Schilderung von der Bombardierung Dresdens, bei der er seine Familie, seine schwangere Geliebte und auch seine Sprache verlor.

Ein Füllhorn an Leben!

Egal, ob es sich um die großen Gefühle der wunderschönen Vater-Sohn-Beziehung, um temporeichen Wortwitz, um Situationskomik oder um Schilderungen menschlicher Tragödien handelt, Jonathan Foer spielt so sicher und gewandt die Möglichkeiten der Sprache durch, dass es eine Freude und ein Genuss ist. Seine Geschichte strotzt nur so vor Humor und schillernden Zweideutigkeiten. Oskar hat dabei die Rolle eines Katalysators inne, wenn er meist vereinsamte Menschen trifft, sie ihre Geschichte erzählen lässt und mit anderen zusammenführt, wie bei seinem Auftritt in „Hamlet“, bei dem das Publikum fast nur aus Personen besteht, deren einzige Gemeinsamkeit der Nachname ist: „Black“ (Übrigens eine der originellsten Szenen des ganzen Romans.) Der Plot wirkt dabei nie unglaubwürdig, die Wendungen nie aufgesetzt. Für alle Freunde ausgefallener Charaktere, irrwitziger Dialoge und subtiler Hommagen führt an diesem Hörbuch einfach kein Weg vorbei.

Wie ein begeisterter Jugendlicher klingt Alexander Khuons Stimme zu Beginn des Hörbuches und verleiht Oscar damit die angemessene Stimmlage. Überhaupt erscheint Oscar eher als sanftmütiger und nachdenklicher Junge. Doch blitzschnell wechselt Khuon Timbre und Lautstärke, wenn Oskar einen seiner furchtbaren Wutanfälle bekommt oder seiner hysterisch-schrillen Mutter bitterste Vorwürfe macht. Nebenfiguren behandelt Foer mit der gleichen Liebe wie seinen Protagonisten, und auch diese Anforderung meistert Khuon im wahrsten Sinne des Wortes „spielerisch“. Die Großvaterpassagen sind dabei allerdings herausragend. Der erlittene Schmerz, die Ängste, der Verlust der Worte, die Haltlosigkeit – all dies vermag Khuon dem Hörer zu vermitteln. Wenn er mit leiser, stockender Stimme vom Leben in Dresden und Amerika berichtet, spürt man förmlich die Unfähigkeit, anderen seine Ängste und Sehnsüchte mitzuteilen, etwas, das er ja so lange vor sich selbst versteckt hielt.
Die 6 CDs sind zusammen mit einem schön gestalteten und erstaunlich umfangreichen, werbefreien Booklet in einer stabilen Pappbox untergebracht. Es bleibt zu hoffen, dass bald auch andere Hörverlage umfangreichere Booklets ihren Audiobüchern beifügen.

Wolfgang Haan


Jonathan Safran Foer: Extrem laut und unglaublich nah
Sprecher: Alexander Khuon
6 CDs, Laufzeit: 451 min.
Erschienen bei: Argon Verlag
ISBN 3870240121
Preis: 29,90¤

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